Gleich und gleich gesellt sich gern

von Yascha Mounk28.06.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Auch wenn die Amerikaner noch so ein prüdes Volk sein mögen, in einem Punkt können wir angeblich so weltoffenen Europäer etwas lernen: Seit Freitag dürfen Homosexuelle in New York heiraten.

Aus deutscher Sicht erscheinen die USA oft als ein prüdes, konservatives, fanatisch religiöses, ja geradezu rückständiges Land. Amerikaner sind gegen Sex vor der Ehe. Wann auch immer einer ihrer Politiker mal ein wenig Spaß hat, drehen ihm seine verklemmten Landsleute daraus sofort einen Strick. In den Schulen lernen amerikanische Kinder zwar weder über die Evolution noch über die Erderwärmung, müssen dafür aber immerzu beten. Ach ja, und homophob sind sie ohnehin, die Amis. Umso peinlicher also, dass die USA in vielerlei Hinsicht viel fortschrittlicher sind als Deutschland. Nur so zum Beispiel: “Seit Freitag dürfen Schwule und Lesben im Bundesstaat New York heiraten(Link)”:http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5hNjpun8ThBhfbNUxfwcc61E-jy4Q?docId=CNG.62120b62dcbd960b90df644eb49c928b.2c1. In Deutschland, Frankreich und England dürfen sie das nicht. Von Polen oder Italien ganz zu schweigen.

Die Homo-Ehe ist keine echte Ehe

“In Deutschland gibt es seit 2001 zwar die sogenannte Homo-Ehe(Link)”:http://www.theeuropean.de/ansgar-dittmar/7158-selbstbewusster-umgang-mit-der-homosexualitaet. Sie gibt Schwulen und Lesben tatsächlich viele wichtige Rechte, die sie davor schmerzlich vermissten: so können sich gleichgeschlechtliche Paare nun gegenseitig beerben, und haben unter bestimmten Umständen sogar ähnliche Rentenansprüche wie herkömmliche Ehepartner. In anderer Hinsicht allerdings ist die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ – wie die Homo-Ehe offiziell heißt – eben gerade nicht dasselbe wie eine heterosexuelle Ehe. Gleichgeschlechtliche Lebenspartner werden steuerlich benachteiligt, da ihnen zum Beispiel das Ehegattensplitting und das Steuerklassenwahlrecht verwehrt bleiben. Sie dürfen auch nicht gemeinsam adoptieren. Darüber hinaus fällt ihre Beziehung nicht in den vom Grundgesetz garantierten besonderen Schutzbereich der Ehe. Vor allem aber geht es hier ums Prinzip. In New York dürfen Schwule und Lesben genauso heiraten wie Heterosexuelle: dank desselben Gesetzes, vor denselben Standesbeamten, und denselben Regelungen unterworfen. In Deutschland gilt dagegen weiterhin ein Zweiklassenprinzip. Zum einen gibt es die echten Ehepaare. Und zum anderen erlauben wir den Schwulen und Lesben aus reiner Gutherzigkeit – wir sind ja tolerant! – eben auch ein wenig so zu tun, als ob.

Von den Republikanern lernen …

New York City ist zwar der liberalste Flecken in den USA. Aber New York State ist groß, in vielen Teilen ländlich – und sehr konservativ. Im Senat des Bundesstaates haben deshalb die Republikaner, nicht die Demokraten, das Sagen. Viele von ihnen taten sich schwer damit, Schwulen und Lesben die gleichen Rechte zu geben wie Heterosexuellen. Aber im Endeffekt rangen sich vier republikanische Senatoren dazu durch, für das Gesetz zu stimmen, und so Geschichte zu schreiben. Einer von ihnen, Mark Grisanti, ein gläubiger Katholik aus Buffalo, einer armen Industriestadt über 500 Kilometer nordwestlich von New York City, sagte vor der entscheidenden Abstimmung: „Ich kann einer Person, einem Menschen, einem Steuerzahler, einem Arbeiter, ich kann den Leuten hier in meinem Wahlkreis und im gesamten Staat New York, nicht dieselben Rechte absprechen, die meine Frau und ich genießen.“ Man kann nur hoffen, dass deutsche Bundestagsabgeordnete bald dieselbe Einsicht haben werden. Denn in puncto Homo-Ehe haben wir in Deutschland seit Freitag etwas von den angeblich so rückständigen Amerikanern zu lernen.

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