Erlauchte Erleuchtung

von Yascha Mounk26.04.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Die anstehende königliche Hochzeit erinnert unseren Kolumnisten an seine Zeit in England. Er mag zwar weder William noch Kate. Aber für Englands Traditionen – und sogar die Monarchie – kann er sich trotzdem begeistern.

Als ich im Alter von achtzehn Jahren in Cambridge zum Studium antrat, war ich ein guter deutscher Rationalist. Unser gesellschaftliches Zusammenleben sollte auf Gerechtigkeit und Effizienz statt auf Tradition beruhen. Rituale hielt ich im besten Fall für irrational und im schlechtesten Fall für gefährlich. Und dass in einer Demokratie jeder Bürger gleich viel zählen muss, war mir sowieso klar. In meinem College verstand ich also nicht, warum meine Professoren über den penibel manikürten Rasen laufen durften, ich aber nicht. Die Talare, die ich bei besonderen Veranstaltungen anziehen sollte, waren zwar nicht tausend Jahre alt, aber muffig fand ich sie trotzdem. Und dass unsere Dozenten beim Abendessen am High Table – also buchstäblich über unseren Köpfen – thronten, schien mir ein absurdes Überbleibsel des Feudalismus. Mit der Monarchie konnte ich noch weniger anfangen. Warum soll einer auf Staatskosten in Schlössern wohnen, einfach nur weil er der Sohn von der Tochter vom Sohn vom Sohn von der Tochter vom Sohn vom Sohn von irgend jemand ist? Weshalb verliest ausgerechnet die Queen mit ihrem monoton-snobistischen Grundschullehrerinnenenglisch jedes Jahr das Regierungsprogramm? Und wieso interessieren wir uns überhaupt für das Privatleben der Royals, von ihren langweiligen Skandälchen bis hin zu den bombastisch teuren Hochzeiten?

Äußere Hierarchie, inhaltliche Gleichberechtigung

Mit der Zeit änderte ich meine Meinung. Manche meiner Freunde in Deutschland duzten ihre Professoren zwar, aber wenn sie deren Allwissenheit anzweifelten, wurden sie trotzdem selbstherrlich angeschrieen. Ich dagegen wurde von meinem Supervisor ermuntert, ihm doch bitte zu erklären, welche Schwächen sein Buch meiner Meinung nach habe. Zuerst war ich verdattert. Wie kann so viel äußere Hierarchie mit so viel inhaltlicher Gleichberechtigung einhergehen? Aber bald verstand ich, dass die Erklärung gar nicht so kompliziert ist. Die deutschen Professoren taten zwar kumpelhaft, bangten aber auch umso mehr um ihre Autorität. Wenn mein Supervisor dagegen ob seiner rebellischen Studenten jemals einen Komplex entwickelt hätte, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, uns zu beweisen, was für ein toller Hecht er ist. Er musste nur seinen besonderen Talar überstreifen und über den uns verbotenen Rasen zu seinem separaten Abendessen stolzieren.

Die Queen ist identitätsstiftend

Irgendwann änderte sich sogar meine Meinung über die älteste aller britischen Traditionen: die Monarchie. Es mag seltsam anmuten, dass die Queen allein aufgrund ihrer adeligen Geburt das Recht hat, Gesetze zu boykottieren oder den Premierminister zu ernennen. Aber in der Wirklichkeit wendet sie diese Macht – genauso wie der deutsche Bundespräsident, dessen Wahl im Übrigen auch nicht gerade basisdemokratisch ist – ja nicht an. Es ist also gar kein Nachteil, dass die Königin nicht gewählt wird. Im Gegenteil. Als unpolitisches Staatsoberhaupt ist die Königin neutral. Und deshalb identitätsstiftend. Wer ist ein echter Brite? Jemand, der seinen Mitbürgern die Türe aufhält, ab und zu mal Tee trinkt, und der Queen im Zweifelsfall zuprosten würde. Nicht gerade eine hohe Hürde, wie ich selber festgestellt habe. Das hilft auch bei der Integration von Einwanderern aus ferneren Ländern. Vor allem aber hat die Monarchie im Vergleich zu präsidialen Systemen wie den Vereinigten Staaten immense Vorteile. In den USA ist es der Präsident, der zur Identitätsstiftung herhalten muss. Aber der Präsident ist nicht nur Staats- sondern auch Regierungschef. Den Respekt, der ihm als personifizierten Repräsentant des Staates erbracht wird, kann er im tagespolitischen Geschäft missbrauchen. Auch deshalb fiel es den Demokraten unter Bush oft schwer, ihn mit voller Härte zu kritisieren: ein Angriff auf den Präsidenten klingt in Amerika schnell unpatriotisch. In England dagegen gibt es dieses Problem nicht. Ein Spitzenpolitiker würde zwar nie die Queen verunglimpfen – aber da sie politisch keine Rolle spielt, gibt es dazu auch gar keinen Grund. Der Premierminister dagegen ist vogelfrei: er ist ja nur ein dahergelaufener Politiker. Man darf ihn sorglos kritisieren. Dem politischen Diskurs tut das gut.

Keine Volksnähe

Eine Unterscheidung bitte ich mir aber aus. Die Monarchie mag ich für gut befinden. Die Damen und Herren Windsor müssen mir trotzdem nicht sympathisch sein. Nur so zum Beispiel: William heiratet zwar eine Bürgerliche, aber volksnah sind er und seine Kumpanen nicht gerade. Wenn Kate – deren Mutter mal Stewardess war – ein Zimmer betritt, tun seine Freunde manchmal so, als würden sie eine Flugzeugtür aufstemmen. Martin Amis hat ganz recht, wenn er diese traurige Truppe als “Philister(Link)”:http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/royal-wedding/8456652/Martin-Amis-attacks-Royal-family-as-philistines.html beschimpft. Ich werde mich am Freitag deshalb davor hüten, mir die Hochzeit von William und Kate anzuschauen. Viel lieber verziehe ich mich mit einem guten Roman von Martin Amis ins Kaffeehaus. Aber der Gedanke, dass die zutiefst irrationalen Traditionen des englischen Königshauses auch im 21. Jahrhundert noch lebendig sind, wird mir dabei trotzdem ein wenig den Tag versüßen.

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