Der Tod des Bürgertums

von Yascha Mounk29.03.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

In Baden-Württemberg haben nicht nur die Grünen Historisches erreicht, es ist auch das Ende der Kluft zwischen den bürgerlichen Parteien und dem Rest des politischen Spektrums. Eine Spurensuche.

Nach dem Wahlsieg von “Winfried Kretschmann(Link)”:http://www.theeuropean.de/margaret-heckel/6172-nach-der-bawue-wahl bricht in der deutschen Politik eine neue Ära an. Zum ersten Mal in der Geschichte wird es einen grünen Ministerpräsidenten geben. Das meine ich aber nicht. Zum ersten Mal seit 57 Jahren ist die CDU im Ländle aus der Regierung geflogen. Das meine ich aber auch nicht. Was denn? Das wirklich Historische an der Wahl in Baden-Württemberg ist weder der Aufstieg der Grünen zur Volkspartei noch der langsame Abstieg der beiden traditionellen Volksparteien. Nein, es ist das definitive Ende der noch viel älteren und grundsätzlicheren Kluft zwischen den „bürgerlichen“ Parteien und dem Rest des politischen Spektrums. Denn nur weil das Bürgertum keine politische Relevanz mehr hat, konnte Grün-Rot im tief „bürgerlichen“ Ländle so fulminant gewinnen.

Wer bitte ist überhaupt Bürger?

Wer bitte ist überhaupt Bürger? Oder besser: wer – außer vielleicht Kopftuchträgerinnen und Big-Brother-Kandidaten – ist es nicht? Als bewusste Selbstbezeichnung ist das Bürgertum heute tot. Außer in der Politik. Nur dort gibt es angeblich auch jetzt noch ein „bürgerliches“ Lager, das sich gegen seine vermeintlich unbürgerlichen Feinde verteidigt. Aber wer genau sollen diese Feinde eigentlich sein? Es ist bezeichnend, dass wir uns kaum daran erinnern, woher das ganze “Gerede vom Bürgertum(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/4709-deutsche-leitkultur eigentlich stammt – so lange schon ist es her, seit diese politische Floskel noch eine tatsächliche politische Kluft beschrieb. Die vergangenen 150 Jahre lang war das ganz anders.

Eine kurze Geschichte des Bürgertums

Zu Zeiten des Deutschen Reichs befürchtete das Bürgertum noch, dass die proletarischen Massen sich am liebsten sofort an sein Eigentum heranmachen würden – und definierte sich deshalb bewusst im Gegensatz zu Arbeitertum und SPD. Auch in der Weimarer Republik hatte diese Kluft eine geradezu tragische Relevanz. Denn viele konservative Politiker weigerten sich, zusammen mit der SPD die Demokratie zu retten, weil man als Bürger vor den Arbeitern Abstand halten sollte. Selbst in den Nachkriegsjahren hatte das Bürgertum noch eine echte politische Identität. Im Namen der bürgerlichen Parteien versprach Konrad Adenauer Jahr um Jahr, sein Land vor den „Experimenten“ der „Roten Socken“ zu bewahren. Als die SPD das Godesberger Programm verabschiedete und Willy Brandt schließlich Kanzler wurde, hätte eigentlich der langsame Tod des Bürgertums als politische Kategorie beginnen sollen. Brandt war zwar ein tatkräftiger Reformer – aber selbst seine entschiedensten Gegner konnten ihn kaum als bluthungrigen Klassenkämpfer oder ungebildeten Proleten darstellen. Und was für Brandt gilt, galt für seinen Nachfolger Helmut Schmidt im doppelten Maße. Wie es der Zufall so wollte, wiederbelebten die Achtundsechziger aber die politische Relevanz des Bürgertums. Der Klassenkampf war in Deutschland schon gegessen. Gerade da begann der große Kampf um die Werte. Von der bürgerlichen Sexualmoral bis hin zu bürgerlichen Vorstellungen von Kultus und Tradition stand plötzlich alles unter Attacke – und das deutsche Bürgertum trat bereitwillig zum Verteidigungsfall an. Seine Lieblingsfeinde waren nun nicht mehr die SPD, sondern langhaarige Studenten, die APO – und, ab 1980, die Grünen.

CDU und FDP haben sich verachtundsechzigert

Aber auch diese letzte Überlebenshilfe des Bürgertums ist mittlerweile dahin. Deutschland hat sich von Grund auf verändert. Zum einen sind die Achtundsechziger, wie allseits bekannt ist, verbürgerlicht. Zum anderen hat sich das deutsche Bürgertum, wie uns manchmal weniger bewusst ist, extrem verachtundsechzigert. Alle Zeitungen berichten davon, wie gutbürgerlich Winfried Kretschmann sei. Stimmt vielleicht. Aber mindestens genauso erstaunlich ist es doch, “wie schlechtbürgerlich das Spitzenpersonal von Schwarz-Gelb ist(Link)”:http://www.theeuropean.de/hugo-mueller-vogg/6186-wahldebakel-im-cdu-stammland. Die CDU-Vorsitzende ist erstens Frau und zweitens kinderlos. Der FDP-Vorsitzende ist schwul. Und der CSU-Vorsitzende ist stolzer Vater einer nichtehelichen Tochter. Ihren Kulturkampf haben die bürgerlichen Parteien nicht vorgestern in Stuttgart verloren – sondern über das vorige Jahrzehnt hinweg auf ihren eigenen Parteitagen und in ihren eigenen Schlafzimmern.

Deutschland, einig Vaterland

Wenn CDU oder FDP in Zukunft Wahlen gewinnen wollen, müssen sie sich diese neue Realität explizit eingestehen. Es ist kein Zufall, dass die CDU im Ländle unter Arbeitern am besten abschnitt – und die Grünen unter Hochschulabsolventen. So sehr manch ein Politiker bei Bierzeltreden noch versuchen mag, seine Getreuen unter dem Banner des Bürgertums zu sammeln: als politische Trennlinie hat diese Unterscheidung ausgedient. Dies ist nicht erst seit Sonntag so – aber seit Sonntag ist das unverkennbar. (Noch ein Grund mehr, warum CDU und FDP zu Koalitionen mit allen moderaten Parteien bereit sein sollten.) Kurzfristig mag der “Triumph der Grünen(Link)”:http://www.theeuropean.de/michael-knoll/6184-gruener-wahlsieg-in-baden-wuerttemberg das „bürgerliche“ Lager verschrecken. Langfristig wird auch ihnen klar werden, dass diese Veränderungen gut sind für Deutschland. 150 Jahre lang schwächte die Kluft zwischen dem Bürgertum und dessen vermeintlichen Feinden unsere Demokratie. Heute dagegen können wir so treffend sagen wie selten zuvor: „Deutschland, einig Vaterland“.

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