The Kanzler's Speech

von Yascha Mounk15.02.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Seit der Nazizeit haben deutsche Politiker Angst vor großen Reden. Gerade in Zeiten der Politikverdrossenheit braucht die Demokratie aber gute Rhetoriker. Es ist Zeit, dass unsere Kanzler reden lernen.

„The King’s Speech“ handelt von einem stotternden König, der lernen muss, eine gute Rede zu halten, um den Briten Mut zu machen, und die Nazis zu besiegen. Der Oscar-Favorit, der diesen Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft, ist wunderbar unterhaltsam – anrührend und elegant, komisch und melancholisch. Gleichzeitig hat er aber, gerade in Deutschland, auch eine wichtige politische Aussage. Seit dem Ende des Dritten Reichs scheuen sich deutsche Spitzenpolitiker nämlich davor, große Reden zu halten. „The King’s Speech“ erinnert uns nun daran, dass es neben Hitlers größenwahnsinnigen Schreiorgien auch die stille, fesselnde, geradezu “lyrische Wortgewalt”:http://www.zeit.de/2009/30/Gregor-Gysi von George VI und Winston Churchill gab. Richtig verstanden, muss die Rhetorik der Demokratie also nicht feind sein.

Deutschland sucht den Supertechnokraten

Im Gegenteil. Unsere Politik leidet darunter, dass deutsche Politiker chronisch unfähig sind, dem Volk ihre Ideen und ihre Ideale zu vermitteln. Spätestens seit Schröder versuchen sie nicht, Wähler davon zu überzeugen, dass sie die beste Vision haben fürs Land – sondern nur davon, dass es zu ihrer Politik ohnehin keine Alternativen gibt. Wer in den amerikanischen Präsidentschaftswahlen Barack Obama oder sogar John McCain zuhörte, wusste sofort, dass es um etwas ging. Die letzten Bundestagswahlen dagegen fühlten sich wie eine schlechte RTL-Show an: _Deutschland sucht den Supertechnokraten_. Fast identische Teams von Möchtegernpolitmanagern buhlen gelangweilt um “die Gunst”:http://www.theeuropean.de/kerstin-plehwe/5535-guttenberg-in-den-medien des gelangweilten Volkes – und die Finalisten, Merkel und Steinmeier, wollten nicht einmal so wirklich gewinnen! (Die momentanen Landtagswahlkämpfe sind die noch faderen Nachfolgesendungen: _Deutschland sucht den Provinztechnokraten_.) Die Sprachlosigkeit des politischen Establishments ist dabei nicht nur eine vergebene Chance. Sie ist auch eine echte Gefahr. Denn während wir Moderaten schweigen, hauen die Extremisten rhetorisch in die Vollen. Es war nicht gut für Deutschland, dass der gewandteste Redner der Nachkriegszeit nicht Willy Brandt oder Konrad Adenauer hieß – sondern Franz Josef Strauß. Und auch heute kann es nichts Gutes verheißen, wenn das Spitzenpersonal der etablierten Parteien gelangweilt ihre identischen von Praktikanten dahingeschriebenen Texte runterleiert – während die NPD perfide gegen Ausländer hetzt.

Rhetorik ist nicht gleich Bombastik

In demokratischen Wahlen stehen sich im besten Fall unterschiedliche und klar formulierte Programme gegenüber. Gute Reden alleine können über die Ideenlosigkeit der heutigen Politik nicht hinwegtäuschen. Trotzdem sind sie unabdinglich, um den Wählern zu vermitteln, was die Parteien machen wollen, und wo ihre respektiven Schwächen liegen. Der rhetorische Wettkampf kann helfen, Wechselwähler besser zu informieren und Stammwähler zu den Urnen zu locken. Im Resultat verkleinert er also die erschreckend große Lücke zwischen Volk und Politik – und ist damit ein unentbehrlicher Stabilitätsfaktor. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass “Rhetorik nicht dasselbe ist wie Bombastik”:http://www.sw.fh-koeln.de/akjm/iks/dl/mw.pdf. Wie auf deutschen Schauspielbühnen zu viel geschrien wird, so glauben viele deutsche Politiker auch, dass sie Temperament oder Emotion nur mit “gehobener Stimme”:http://www.theeuropean.de/richard-schuetze/5699-staatsdiener-schaeuble ausdrücken können. In anderen Worten haben sie auch deshalb so viel Angst davor, große Reden zu halten, weil sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass die effektivsten Rhetoriker klingen müssen wie Hitler. Aber eine gute Rede muss nicht lang oder laut sein. Sie muss weder eine extreme Position verteidigen, noch den politischen Gegner verunglimpfen. Sie muss einfach nur in klaren Worten eine klare Position vertreten – so, dass der Durchschnittswähler verstehen kann, worum es geht, und warum ihn das Ganze überhaupt etwas angehen soll.

The Kanzler’s Question Time

Das beste Beispiel für die positive Rolle, die Rhetorik in einer Demokratie spielen kann, ist nicht die Rede von King George VI, sondern eine noch heute lebendige britische Tradition: _Prime Minister’s Questions_. In England beantwortet der Premierminister jede Woche die Fragen des Parlaments. Um von den Abgeordneten nicht fertiggemacht zu werden, muss er seinem Volk klipp und klar über die Regierungspolitik Rechenschaft abliefern. Das höchst rhetorische Spektakel trägt deshalb viel zur Qualität der politischen Debattenkultur bei – und ist außerdem mindestens so unterhaltsam wie ein gelungener Kinoabend. Ich hoffe sehr, dass viele Deutsche sich in den nächsten Wochen „The King’s Speech“ anschauen. Noch mehr hoffe ich aber, dass sie dann verlangen, dass auch Angela Merkel ab und zu eine gute Rede hält. Warum sollten wir uns eigentlich nicht an den Briten ein Beispiel nehmen und bei uns in Deutschland _The Kanzler’s Question Time_ einführen?

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