Von Christen, Heiden, Juden und Muslimen

von Yascha Mounk8.03.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Alle streiten sich darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Dabei ist vollkommen unklar, was die neblige Floskel, die uns entzweit, eigentlich bedeuten soll. Ein Klärungsversuch.

Dank Hans-Peter Friedrich haben wir schon wieder “die gute, alte Islamdebatte(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/5494-aufklaerung-im-islam am Hals. In deutschen Nachrichten, Feuilletons und Online-Foren wird mit geradezu morgenländischer Leidenschaft darüber gestritten, ob „der Islam zu Deutschland gehört“ – ohne dass irgendjemand die geringste Ahnung hat, was diese neblige Floskel eigentlich bedeuten soll. Worum geht es in der aktuellen Debatte also eigentlich? Was will Friedrich uns sagen, wenn er dem Islam abspricht, ein Teil von Deutschland zu sein?

Die Vorschriften der Bibel gehören genauso wenig zu Deutschland wie die des Korans

Fangen wir beim Eingemachten an. Vielleicht meint Friedrich ganz einfach, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, weil sich unsere Gesetze nicht nach den Dogmen des Korans oder den Vorschriften der Scharia richten sollen. Damit hätte Friedrich natürlich recht. Weder er noch Wulff noch konservative Buhmänner wie Renate Künast wollen, dass die Scharia zu deutschem Recht wird – ja, selbst die allermeisten deutschen Muslime wären dagegen. Leider muss Friedrich aber darunter, dass eine Religion zu einem Land gehört, etwas anderes verstehen. “Denn das Christentum gehört für ihn ja selbstredend zu Deutschland(Link)”:http://www.theeuropean.de/matthias-matussek/5302-deutsche-geschichte. Sollen deutsche Gesetze sich deshalb an den in der Bibel verbrieften Werten richten? Sollen „Sünden“ wie der Seitensprung oder die Homosexualität unter Strafe stehen? Wohl kaum – sonst müsste die gute Angela einige ihrer engsten Mitstreiter, von Guido Westerwelle bis hin zu Horst Seehofer, im Gefängnis besuchen.

Sind Kirchen wichtiger als Synagogen?

Friedrich und seinen wertewahrenden Mannen geht es also nicht um die Wiedereinführung eines christlichen Gottesstaates – sondern um die deutsche Geschichte. Nun ist es natürlich wahr, dass die Priester hierzulande lange vor den Imamen Wurzeln geschlagen haben. Trotzdem ist nicht sofort klar, auf welche Weise Deutschlands christliche Geschichte eigentlich für die Gegenwart relevant sein soll. Versuchen wir es also mit einer nicht besonders gewagten Interpretation, die Friedrichs bayerischen Parteifreunden auf den ersten Blick sicher gefallen würde: Sie besagt, dass Christen aufgrund ihrer langen Geschichte in Deutschland auch heutzutage einen gewissen Vorrang vor Muslimen genießen sollen. Wenn zum Beispiel über Baugenehmigungen entschieden wird, soll eine Kirche bessere Chancen haben als eine Moschee. Auch diese Deutung bringt aber leider zwei recht peinliche Probleme mit sich. Zum Ersten verstößt sie – und gerade dies wird gern den deutschen Muslimen vorgeworfen – allzu eklatant gegen “die Trennung von Kirche und Staat(Link)”:http://www.theeuropean.de/egemen-bagis/4582-eu-beitritt-der-tuerkei-2. Ein Land, in dem alle Staatsbürger gleichgestellt sind, darf es den einen eben nicht leichter als den anderen machen, ihre Religion friedfertig auszuüben. Zum Zweiten mag die jüdische Geschichte in Deutschland zwar älter (obzwar nicht gerade unkomplizierter) sein als die muslimische. Aber all das wohlmeinende Gefasel von der deutsch-jüdischen Symbiose – darin klingen Friedrich, Merkel, Wulff und Künast einander übrigens wieder gleich – kann kaum verstecken, dass das Judentum Deutschland weniger geprägt hat als das Christentum. Soll der Bau von Kirchen also nicht nur Vorrang vor dem Bau von Moscheen, sondern auch vor dem Bau von Synagogen bekommen? Darf der deutsche Staat den Religionsunterricht christlicher Schüler stärker subventionieren, als denjenigen von jüdischen Schülern? Wenn Friedrich konsequent ist, muss er diese Fragen wohl bejahen – aber dann wird es vielleicht sogar ein paar Lesern des „Bayernkurier“ etwas mulmig …

Auch die Heiden haben Deutschland geprägt

Es bleibt also nur eine recht absurde Minimalinterpretation übrig. Laut Friedrich ergibt es sich aus der Geschichte nicht, dass der Islam zu Deutschland gehört. Wieso? Na, weil sich aus der Geschichte nicht ergibt, dass der Islam – historisch betrachtet – zu Deutschland gehört. Damit hätte er dann natürlich recht, der Herr Friedrich. Aus der Geschichte ergibt sich tatsächlich, dass das Christentum Deutschland am stärksten geprägt hat. Etwas pietätlos darf man dann vielleicht hinzufügen, dass das Heidentum Deutschland – von der Zeit der Teutonen über mittelalterliche Hexenjagden bis hin zu den Nazis, der DDR und der heutigen Popularität von Horoskopen – am zweitstärksten geprägt hat. Auf dem dritten Platz kommen dann wohl die Juden, auf dem vierten Platz folgen die Muslime, und weit abgeschlagen, irgendwo auf den hinteren Plätzen, stünden dann die Hindus, die Buddhisten und die Zeugen Jehovas. Damit, wie Christen, Heiden, Juden und Muslime heutzutage behandelt werden sollen, hat all das aber herzlich wenig zu tun.

Inhaltslose Phrasendrescherei

George Orwell hat sich in seinem Essay „Politics and the English Language“ meisterlich über die Phrasendrescherei auch unserer Politiker mokiert: „Leute, die auf diese Weise schreiben, wollen normalerweise eine allgemeine Emotion ausdrücken – sie mögen eine Sache nicht und bekunden ihre Solidarität mit einer anderen Sache. Was genau sie sagen, ist ihnen aber egal.“ Dies ist der wirkliche Grund, warum Friedrichs Äußerungen ein Skandal sind. Wer die Islamkonferenz veranstaltet, darf den in Deutschland lebenden Muslimen an seinem ersten Arbeitstag nicht ins Gesicht sagen, wie sehr er sie verachtet. Sonst ist er auf seinem neuen Job augenscheinlich fehlbesetzt. Orwell macht aber auch verständlich, warum viele Repliken auf Friedrich ähnlich wirr sind. Denn diejenigen Politiker, die im Umkehrschluss posaunen, der Islam sei natürlich Teil von Deutschland, wissen genauso wenig, was sie uns damit eigentlich sagen wollen.

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