Das Ende der großen Angst

von Yascha Mounk3.05.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Der Tod Osama Bin Ladens ist eine historische Zäsur. Mehr noch als die Bilder von der Bombardierung Bagdads oder die Slogans von Barack Obama haben die einstürzenden Twin Towers das letzte Jahrzehnt geprägt. Doch was kommt jetzt?

Am Tag nach al-Qaidas Angriff auf das World Trade Center begann die Post-9/11-Ära. Die furchtbaren Ereignisse in New York und Washington prägten ein Jahrzehnt. Gestern ging dieses Jahrzehnt zu Ende. Der Tod Osama bin Ladens läutet endlich die Post-post-9/11-Ära ein.

Eine historische Zäsur

Der Tod bin Ladens ist deshalb eine historische Zäsur. Zehn lange Jahre beherrschte der Kampf gegen den Terror die Politik. Außenpolitisch war es das Jahrzehnt der Kriege in Afghanistan und Irak. Innenpolitisch war es das Jahrzehnt der Antiterrorgesetze. Die Bilder vom einstürzenden World Trade Center prägten diese Ära – mehr noch als die Bilder von der Bombardierung Bagdads oder die Slogans eines einst strahlenden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten. Ja, 9/11 prägte sogar unser tagtägliches Lebensgefühl, das trotz all der forcierten Heiterkeit, trotz Britney Spears und Beyoncé und Lady Gaga, stets einen bedrohlichen Unterton beibehielt. Erst in den letzten Monaten verblich der Schatten der nichtexistierenden Türme ein wenig. Die Wirtschaftskrise gab uns reichlich andere Sorgen, und der arabische Frühling – in dem Islamisten bisher nur stumme Statisten waren – veränderte den Nahen und Mittleren Osten auf spektakuläre Weise. 2001 schien langsam lange her.

Ein heilender Schlussakkord

Während 9/11 aber ein wenig in den Hintergrund geriet, fehlte der westlichen Welt – und insbesondere den USA – noch ein heilender Schlussakkord. Konventionelle Kriege sind vorbei, wenn der Gegner kapituliert. Deshalb feiern die Amerikaner noch heute jeden 8. Mai den Victory in Europe Day und jeden 15. August den Victory over Japan Day. Aber wann ist ein Terrornetzwerk wie al-Qaida besiegt? Operativ gilt al-Qaida schon seit Jahren als geschwächt. Trotzdem fehlte uns noch das genugtuende Symbol, der sichtbare Endpunkt. Dieser ist jetzt erreicht. Tatsächlich mag sich gestern wenig verändert haben. Psychologisch aber ist der Tod Osama bin Ladens äußerst wichtig. Er schließt ein dunkles Kapitel definitiv ab, und erlaubt es uns, wieder in Richtung Zukunft zu blicken.

Der Rechtsstaat ist sicher

Die westlichen Länder, und insbesondere die USA, erhalten also ein Stück Normalität zurück. Die Gefahr von islamistischen Terrorangriffen besteht natürlich weiterhin. Und so wird auch der Krieg gegen den Terror weitergehen müssen. Aber er wird – zumindest solange den Terroristen nicht noch einmal ein ähnlich furchtbarer Angriff gelingt – in unserer reichlich komplizierten Welt nur einen von vielen Politikbereichen darstellen. Dies ist gerade auch für diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren über eine mögliche Aushöhlung des Rechtsstaats sorgten, ein Grund zum Aufatmen. Manche Antiterrorgesetze der Post-9/11-Ära sind sicher zu weit gegangen. Hoffentlich wird in den westlichen Demokratien, von den USA über England bis hier in Deutschland, jetzt manch ein panikverschuldeter Auswuchs wieder abgeschafft werden. Aber eine ernsthafte Gefahr für das Fortbestehen unserer freiheitlich-demokratischen Prinzipien besteht in der Post-post-9/11-Ära – falls es sie denn jemals gegeben hat – nicht mehr.

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