Hinter uns liegen 2000 Jahre, die von der Frage nach Gott geprägt sind. Martin Walser

Die Letzten sind die Ersten

Heute ist die FTD zum letzten Mal erschienen. Beginnt nun das große Zeitungssterben? Nein, es wäre zu früh, für die Zunft Trauer zu läuten. Hier verschwinden Generationenblätter, die sich lange selbst überlebt hatten. Die anderen Titel haben Zukunftschancen – wenn sie von den Kutschenherstellern lernen.

Heute wird die „Financial Times Deutschland“ beerdigt. Nur zwölf Jahre wurde sie alt. Wirtschaftlich war sie immer schwach, aber galt von Anbeginn als zu schön, um zu sterben. In zwei Monaten könnte es auch vorbei sein für die „Frankfurter Rundschau“, die Grand Old Liberal Lady der deutschen Presse. Sie ist seit 1945 an den Kiosken und war jahrzehntelang eine alles überragende Größe links auf dem Markt.

Es verschwinden nur die Generationenblätter

Beginnt nun das große Zeitungssterben? Nein, es wäre zu früh, für die ganze Zunft Trauer zu läuten. Hier verschwinden Generationenblätter, die sich am Ende erstaunlich lange selbst überlebt hatten. Die anderen Titel haben noch Zukunftschancen, allerdings nicht als bloße Zeitungen.

Am Freitag werden die Letzten die Ersten sein im befürchteten Print-Massengrab. Die „FTD“ war die letzte neu gegründete Tageszeitung in Deutschland. Zwölf Jahre ist das erst her – und zugleich ein ganzes Zeitalter: New Economy, Neue Mitte, Volksaktien für Jedermann – das Millennium erschien wie eine Wende hin zu neuen Märkten und Möglichkeiten. Doch die Neuen Medien waren im Jahr 2000 längst da, und es wirkte schon damals kühn, noch mit einem im Grunde 250 Jahre alten Medium an den Start zu gehen, mit Buchstabendruck auf Papier, selbst wenn es rosa schimmerte.

Auch die „FR“ nur ein Kultblatt ihrer Generation

Die „FTD“ fiel auf als Mahnerin für Veränderungen aller anderen Branchen an der Schwelle des digitalen Jahrhunderts. Dort wähnte sie ihre Käufer, die eine neue Wirtschaft leben – und lesen – wollten. Doch es waren nie genug, um diese Zeitung am Leben zu halten.

Auch die „FR“ war im Grunde das Kultblatt nur einer Generation. In den sechziger Jahren wies es den Anti-Adenauer-Deutschen aus. Das waren damals überwiegend junge Leute, Akademiker und Studenten, die sich links der Mitte sahen. Das waren viele und wurden immer mehr. Es soll Jahre gegeben haben, in denen die „FR“ Abo-Bestellungen zurückwies, weil sie mit dem Druck der Zeitungen nicht hinterherkam. Einen Teil ihrer Leser begann die „Rundschau“ schon vor 30 Jahren zu verlieren an die 1979 neu gegründete „taz“. Den Garaus machte ihr schließlich der Niedergang ins Provinzielle.

Den Weg in die Moderne finden

Wie alle anderen Zeitungen hatten auch diese zwei noch versucht, irgendwie online Fuß zu fassen. Doch eben nur irgendwie, was nicht reicht. So ganz genau weiß noch kein Zeitungshaus, wie es sich aufstellen soll im Netz, um neues Geld zu verdienen. Immerhin wagen alle den Schritt, sehen „das Internet“ nicht mehr als „Phase“, die wieder vorübergeht. Sie sehen es als bedrohliche Konkurrenz ihrer eigenen Produkte; leider aber auch intern. Dort, wo Print und Online nebeneinander arbeiten, hindern sie sich gegenseitig am Wachsen.

So ist es bisher immer gewesen: Ganze Branchen sind erloschen, weil sie unfähig waren, sich selbst in die Moderne zu transferieren. Vor 125 Jahren lachten die Kutschenhersteller über Leute wie Carl Benz und Gottfried Daimler und deren Kutschen ohne Pferd.

Der Vergleich mit der Kutsche und dem Auto

Doch kaum eine dieser Firmen, die mit dem Bau von Kutschen Vermögen machten und denen es blendend ging, als 1886 der erste Kraftwagen vorgeführt wurde, hat den Sprung in das Motorenzeitalter geschafft. Genau genommen gab es nur einen Stellmacher, wie das damals hieß, der dann mit dem Bau von Autos Geld verdiente: Karmann. Der ist zwar inzwischen auch pleite, doch müssen sich die Zeitungsverleger heute trotzdem fragen, wer unter ihnen der Karmann der Printmedien sein wird.

Die Zeitungen stehen, verglichen mit der Geschichte von Kutsche und Auto, heute etwa im Jahr 1910. Die ersten zwanzig Jahre des Internets haben sie schlecht genutzt. Jetzt muss sehr schnell umsatteln, wer weiterleben will als Unternehmen.

Zeitenwandel im Journalismus gewinnt an Tempo

Herausgeber, Geschäftsführer und Verleger suchen nun neue Geschäftsfelder. Mit der Autorität der einen Zeitung ließe sich vielleicht eine Business-School gründen, die Geld in die Kasse bringt; und mit dem Ansehen der anderen eine Tourismusbörse? Zeitungen werden womöglich quersubventioniert werden oder am Ende so viel kosten wie die ganzen anderen guten alten Dinge – deren Käufer Qualität zu schätzen wissen. Im Idealfall wird die feine Printzeitung ein Bei-Produkt sein, das zwar die Verlage Geld kostet, aber wie edler Lack auch andere Produkte des Hauses glänzen lässt.

Der Zeitenwandel im Journalismus wird jedenfalls rasant an Tempo zunehmen. Es dauerte gut 50 Jahre, bis die Kutschen von den Straßen verschwunden waren. Der Printjournalismus muss seine Zeit nutzen, um diesem Schicksal zu entgehen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Journalismus, Financial-times, Medienwandel

Debatte

Nach der Pleite der „Frankfurter Rundschau“

Medium_57c4cb764a

Die Rache der Geschichte

Der Verkauf der „Frankfurter Rundschau” ist ein tragikomisches Stück. Nicht nur müssen es die verbleibenden Redakteure nun bei der „FAZ" schaffen. Nein, auch das Gelände, auf dem sie dies tun werde... weiterlesen

Medium_9664aaddf6
von Hugo Müller-Vogg
07.03.2013

Kolumne

Medium_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
10.12.2011
meistgelesen / meistkommentiert