In memoriam Ludwig Baumann

von Wolfram Wette22.07.2018Europa, Gesellschaft & Kultur

Die „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“ trauert um Ludwig Baumann. Als Vorsitzender seit ihrer Gründung im Jahre 1990 war er zugleich das Gesicht der Vereinigung, das über viele Jahre hinweg in vielen großen und kleinen Medien präsent gewesen ist. The European dokumentiert die Trauerrede, die der Historiker Wolfram Wette auf ihn hielt.

Ludwig Baumann war ein außergewöhnlicher Mensch. Wer ihn kannte, hat ihn als eine authentische Persönlichkeit in Erinnerung. Was er sagte und wie er es sagte, besaß Überzeugungskraft, weil es auf der leidvollen Erfahrung eines Mannes beruhte, der in der Nazi-Zeit verfolgt worden war. Die gegen ihn wegen Desertion verhängte Todesstrafe, das monatelange Warten auf die Vollstreckung des Urteils, die Umwandlung der Strafe in KZ-Haft, später das Strafbataillon – diese Erlebnisse hinterließen tiefgreifende Spuren. Die NS-Militärjustiz, die ein Urteil des Bundesgerichtshofs treffend „Blutjustiz“ nennt, eine Justiz, die sich der Rechtsbeugung schuldig gemacht hat, fällte nicht nur die unglaubliche Anzahl von 30.000 Todesurteilen, von denen etwa 20.000 vollstreckt wurden. Sie traumatisierte Menschen wie Ludwig Baumann auch auf Jahrzehnte hinaus, oft sogar lebenslang: Allein schon der Name des ehemaligen Marinerichters Hans Filbinger weckte tiefsitzende Ängste in ihm.

Seine Leidensgeschichte trieb Ludwig Baumann jedoch nicht in eine lebenslange Depression, in Fatalismus und Resignation, sondern – vor allem in der letzten Phase seines Lebens – auf den Weg des Kampfes um die Wiederherstellung seiner Würde, um die Rehabilitierung seiner eigenen Person und die seiner Leidensgenossen. Diffamiert und verfolgt wurden die Deserteure der Wehrmacht ja nicht nur in der Nazi-Zeit selbst. Auch in der Nachkriegszeit änderte sich daran zunächst nur wenig bis nichts. Ich habe Ludwig Baumanns Erzählung noch im Ohr: Wie er sich Beschimpfungen anhören musste: Verräter, Feiglinge und Dreckschweine seien sie gewesen, die Deserteure und Wehrkraftzersetzer. Nicht nur die NS-Ideologie, sondern die ganze Tradition des preußisch-deutschen Militarismus schwang in solchen Diffamierungen mit. Die Opfer der NS-Militärjustiz reagierten auf die ungebrochenen Schmähungen, indem sie sich zurückzogen und über ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges schwiegen.

In der ersten Hälfte der 1980er Jahre erlebte das Land eine bis dahin nicht gekannte Massenbewegung für Frieden und Abrüstung. Stichwort: „Nachrüstung“. Auch Ludwig Baumann engagierte sich in der Friedensbewegung. Er war damals bereits um die 60 Jahre alt. Nun kam erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage eines möglichen Widerstandes gegen den Militärdienst auf. Von Soldaten und Reservisten der Bundeswehr, die nachträglich den Kriegsdienst verweigerten, wurde ein historischer Bezug zu den Wehrmacht-Deserteuren hergestellt, die sich unter sehr viel schwierigeren Bedingungen dem Kriegsdienst entzogen hatten.

Offenbar erkannte Ludwig Baumann, dass sich nun bessere Voraussetzungen als je zuvor dafür boten, gegen das Negativ-Image der Wehrmacht-Deserteure in der Öffentlichkeit offensiv aufzutreten und für ihre Rehabilitierung zu streiten. Und doch dauerte es noch einmal fast ein ganzes Jahrzehnt, bis 1990 eine kleine Schar alter Männer dem Aufruf Ludwig Baumanns folgte, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für die Rehabilitierung zu kämpfen. Es war die Geburtsstunde der „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“.

Ludwig Baumann war damals, als die Vereinigung ihre Arbeit begann, bereits 69 Jahre alt. Wie die Kundigen wissen, ging es nur zähflüssig voran, gegen große Widerstände innerhalb und außerhalb des Deutschen Bundestages, dann aber mit wachsender Zustimmung in der Gesellschaft und letztendlich mit dem zunächst gar nicht für möglich gehaltenen Erfolg, dass die Deserteure der Wehrmacht, die Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer und schließlich sogar die wegen Kriegsverrats Verurteilten rehabilitiert wurden: moralisch, juristisch und politisch – in drei Etappen: 1998, 2002 und 2009. Im Rückblick betrachtet, handelt es sich um eine späte Erfolgsgeschichte. Sie beruhte auf einem bemerkenswerten erstaunlichen Meinungswandel in der Bevölkerung und führte zu einer Mehrheit im Parlament, die 2002, als es um die Deserteure ging, aus SPD, Grünen und Linken bestand.

Ludwig Baumann hat zu diesem Erfolg maßgeblich beigetragen. Der zierlich, manchmal zerbrechlich wirkende Mann agierte nicht als lautstarker Interessenvertreter oder gar als Propagandist. Er sprach leise, stets frei, argumentierte überlegt, zeigte sich erkennbar verletzlich, aber nicht verbittert, verfiel auch nicht in einen Jammerton, obwohl er dazu nach dem, was ihm angetan worden war, allen Grund gehabt hätte. Seinen Gesprächspartnern teilte sich mit, dass sie in dem unprätentiös auftretenden und willensstarken Mann eine Persönlichkeit vor sich hatten, die mit geradezu unnachahmlicher Beharrlichkeit für ihre Ziele eintrat. Baumann sprach mit großem Ernst, wenn er auf die Würde jener Menschen hinwies, die Opfer der NS-Militärjustiz geworden waren, wenn er ihre Entkriminalisierung und Rehabilitierung forderte, weil er endlich frei sein wollte von der Ächtung und der Missachtung, die ihm aufgezwungen und aufgebürdet worden war.

Man merkte: Ludwig Baumann und seine „Mission“ waren eins. Darauf gründete sich auch sein Selbstbewusstsein, das ihm den Zugang zu wichtigen Politikerinnen und Politikern erleichterte, die sich für seine Sache einsetzten. Sie erkannten rasch, dass er über ausdauernde Kämpferqualitäten verfügte. Er verkehrte mit ihnen wie selbstverständlich auf Augenhöhe, ohne dabei anmaßend oder belehrend zu erscheinen. Was manche von ihnen nicht wussten oder erst im Laufe der Zeit erkannten: Ludwig Baumann konnte bei aller Bescheidenheit ungemein hartnäckig sein, wenn die Dinge nicht wunschgemäß voranschritten.

Ich möchte eine Episode einflechten, die bei einigen unter den Anwesenden vielleicht einen Wiedererkennungseffekt auslöst. In meinem Heimatstädtchen Waldkirch bei Freiburg im Breisgau organisierten wir im Jahre 1995 eine „Deserteurs-Gedenkwoche“ mit vielen Veranstaltungen. Auch Ludwig Baumann kam angereist. Er wohnte bei uns zuhause. Beim Frühstück trank er ein Glas Orangensaft und aß ein halbes Stück Brot, erzählte unter anderem, dass man in seinem Alter nur noch wenig zu sich zu nehmen braucht, und fügte ein paar konsumkritische Bemerkungen hinzu. Mein mit am Tisch sitzender ältester Sohn Florian, damals 19 Jahre alt, war so beeindruckt von der gelebten Bescheidenheit unseres Gastes, dass er sich entschloss, einen ähnlichen Weg der Konsumreduzierung zu gehen, was er seitdem auch realisiert hat. Damit will ich sagen: Ohne es selbst zu merken, wirkte Ludwig Baumann durch seine Haltung als Vorbild für andere.

So mag es auch gewesen sein, wenn Ludwig bei den vielen Auftritten, die er auf sich nahm, das Wort ergriff: Bei Gedenkfeiern und der Einweihung von Denkmälern für Deserteure der Wehrmacht, bei historischen Tagungen und Treffen mit Politikerinnen und Politikern, die er bewusst überparteilich in Pflicht nahm, etliche Male auch vor Ausschüssen des Deutschen Bundestages, in Gesprächen mit Gewerkschaftlern, Kirchenleuten und Friedensbewegten, mit Schülerinnen und Schülern. Letzteres bereitete ihm stets besondere Freude, bis zu seinem letzten öffentlichen Auftritt, am 27. Januar 2017 in Hamburg. Stets gelang es ihm, seine Zuhörer zu fesseln – dank der ihm eigenen Überzeugungs- und Ausstrahlungskraft. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner Desertion nicht das Falsche getan hatte, sondern das Richtige. Er wollte „nur leben“, wie er es in seiner Autobiographie noch einmal betont hat, gleichsam als seine wichtigste Hinterlassenschaft.

Ludwig Baumann wird keinen Nachfolger haben. Er war der letzte noch lebende Wehrmacht-Deserteur und ist nicht zu ersetzen. Er war der Vertreter jener anständigen „kleinen Leute“, die mit nüchternem, gesundem Menschenverstand, mit hartnäckiger Überzeugung meinen, dass Recht Recht bleiben muss – erfüllt von der tiefen Sehnsucht, nicht weiter nur in einem Kriege oder auf der bitteren Scheide einer Nachkriegs- und einer Vorkriegszeit zu vegetieren, sondern ganz einfach nur zu leben. Eine neue Generation hat nun die Chance, Ludwig Baumann nicht nur als einen Glücksfall zu begreifen, sondern als ein Vorbild anzunehmen und in seinem Sinne kämpferisch, beharrlich und ausdauernd einzutreten gegen Ungerechtigkeit und für den Frieden, für die Freiheit und die Würde des Menschen.

_Auszug aus der Wikipedia: Als 19-Jähriger wurde der 1921 geborene Baumann zur Kriegsmarine eingezogen. Am 3. Juni 1942 desertierte er zusammen bei Bordeaux in Frankreich. Nach dem Krieg erklärte Ludwig Baumann zu seinen damaligen Motiven: „Ich hatte erkannt, dass es ein verbrecherischer, völkermörderischer Krieg war.“ Am Tag nach der Desertion an der Grenze zum unbesetzten Teil Frankreichs von einer deutschen Zollstreife gestellt, wurde Baumann am 30. Juni 1942 wegen „Fahnenflucht im Felde“ zum Tode verurteilt. Davon, dass die Todesstrafe in eine 12-jährige Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, erfuhr er erst nach Monaten, die er in Todesangst in der Todeszelle eines Wehrmachtsgefängnisses verbracht hatte. Jeden Morgen rechnete er mit seiner Hinrichtung. Baumann wurde danach im KZ Esterwegen im Emsland inhaftiert und kam später in das Wehrmachtgefängnis Torgau. In Torgau erlebte er, wie Tausende andere Deserteure hingerichtet wurden. Doch er überlebte – und wurde Friedensaktivist. Am 5. Juli 2018 ist Baumann in Bremen verstorben._

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