Pamphletbuch des Jahres: Lasst Euch nicht länger bevormunden | The European

Das gedruckte Freiheits-Feuerwerk

Wolfram Weimer17.11.2022Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Die Debattenkultur in Deutschland leidet. Nicht nur unter Polarisierungen, Fake News und Populismus. Es schleicht auch ein links-grün-woker Puritanismus in die Gesellschaft, der gar nicht mehr annehmen will, dass der andere womöglich auch Recht haben könnte. Nun erscheint ein provokantes Buch dagegen – wie eine Alarmsirene für die Freiheit. Von Wolfram Weimer 

Anna Schneider wird von links-grünen Ideologen gerne als „libertäre Kalaschnikow“ beschimpft. Vermutlich weil sie in ihren geistigen Schützengräben liegen und Angst vor der Treffsicherheit ihrer Argumente haben. Die aus Österreich stammende Chefreporterin der WELT ist seit Jahren eine scharfsichtige Kommentatoren des deutschen Kollektivismus und Streiterin für liberale Perspektiven.

Mit einigem Knall kommt nun ein Buch von ihr auf den Markt „Freiheit beginnt beim Ich“ (dtv, 112 Seiten, 12 Euro, Kadegu), in dem sie sich selbst eine „Libertin“ nennt und so beschreibt: „Wenn mich jemand fragt, wie ich mich mit einem Satz beschreiben würde, zitiere ich am liebsten Nietzsche. »Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.«“ Schneider flirtet mit ihrer Rolle als liberale Provokantin.

Doch ihr Buch ist kein argumentatives Kalaschnikowgeschoss – eher ein leuchtendes Silvesterfeuerwerk der Freiheit. 

Im Branchenjargon handelt es sich um ein Pamphletbuch, wie weiland der „Empört Euch“-Bestseller von Stéphan Hessel – nur dass sich hier eben mal keine Linke oder Grüne oder Klimakleberin, sondern eine Bürgerliche empört.  Das Buch ist eine Anklage, ein emphatischer Aufruf im Gestus von Émile Zolas „J’accuse“. In vier Kapiteln seziert Schneider zunächst die heutigen Bedrohung der Freiheitsidee, dann entlarvt sie die identitätspolitischen Auswüchse (sie nennt es „Schubladenwesen“) einer neuen Bevormundung. Das dritte Kapitel greift auf das geistige Erbe und Vorbild der Philosophin Ayn Rand zurück und erklärt diese zur Heldin des modernen Liberalismus. Das vierte Kapitel ist eine nadelstichige Abrechnung mit dem deutschen Liberalismus in Parteiengestalt – also der FDP.

Schneider schreibt im Leitartikelduktus, verwebt persönliche Erfahrung mit analytischen Einordnungen, Partikularkritik mit Fundamentalphilosophie. Sie geht weder systematisch noch wissenschaftlich vor, sie verbirgt ihre Haltung nicht im Kleid irgendeines Scheinobektiven. Sie erlaubt sich lustvolle Polemik. Das macht das Buch unterhaltsam und spannend, vor allem aber entlarvend. Denn Schneider legt den Finger der Freiheit tief hinein in die deutsche Wunde des Neo-Kollektivismus. Sie ruft laut nach dem Ich, wo die formierte Gesellschaft immer nur dem Wir Priorität gibt.
Von Heinrich Heine stammt die Klage: „Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib. Der Franzose wie seine Braut. Der Deutsche wie seine lästige, alte Großmutter.“ Die Klage ist Legende, und bei der Lektüre des Schneider-Buches muss man öfter an Heine denken. Denn Schneider beschreibt schmerzhaft genau, wie große, wichtige Debatten unseres Landes zusehends in engen Korridoren der Weltbilder geführt werden, in denen Toleranz und Freiheit die kleinste Kategorie zu werden droht.

Schneider decouvriert die freiheitsfeindliche habituelle Grundierung unserer politischen Willensbildung.

Die sollte in einer vitalen Demokratie eigentlich von Offenheit und Toleranz, von Neugier auf das andere Argument und Respekt vor dem Andersdenkenden geprägt sein. Der Gedanke, dass der Andersdenkende auch Recht oder mindestens gute Argumente haben könnte, dass dem Gegenüber schlichtweg Vernunft unterstellt wird – das geht in immer mehr Debatten tatsächlich verloren. Rechts-, wie Links- wie Ökopopulisten geht es nie um ein abwägendes Tauschen von Urteilen, ihnen geht es um die Mobilisierung von Vorurteilen. Damit haben sie in vielen Ländern des Westens die klaren Wasser der Debatten-Brunnen vergiftet.
 
Da in diesen Brunnen auch andere, von esoterischen Querdenkern bis zu militanten Islamisten, ihr Gift verteilen, müssen wir uns um ihn kümmern.

Nachdem wir im 20. Jahrhundert die apokalyptischen Grauen des ideologischen Furors von Faschismus und Kommunismus endlich überwunden hatten, dachten wir doch, unser Brunnen steht und das ideologische Zeitalter sei endlich überwunden. Wir wähnten uns mit Jürgen Habermas auf dem Weg zum zum repressionsfreien Diskurs. Nun aber müssen wir feststellen, dass neue „Ismen“ heranwachsen – vom Putinismus bis zum Sinoismus, vom Genderismus bis zum Ökologismus der „letzten Generation“

Schneiders Buch ist in dieser Lage ein wertvoller Weckruf, denn auch in der demokratischen Mitte unserer Zivilgesellschaft bekommen Diskurse zuweilen repressive, totalitäre Züge, das Gift im Brunnen wirkt bei vielen auch von uns Aufgeklärten. Sowohl beim Migrationsstreit als auch bei Klimafragen und jüngst in der Coronadebatte hat der offene Diskurs scharfe Kanten und Verklemmungen gezeigt. Schneider zeichnet das – etwa an der Impfpflicht-Debatte exakt nach – und wirft der FDP schließlich vor, die Freiheitsidee nicht entschieden genug zu verteidigen.

Das Buch greift immer wieder auf die geistigen Gründungsväter des Liberalismus zurück, was hilfreich ist. Denn vom Wissenschaftsdiskurs könnten wir eigentlich lernen, Relativitäten zu akzeptieren, gedanklich frei zu bleiben, skeptisch zu hinterfragen, auf neue Einsichten einzugehen und Ideen zu erproben. Doch diese Bereitschaft schwindet zuweilen, sobald es politisch wird. Dann entfaltet sich zusehends ein neuer Puritanismus der Besserwisser. Dieses Buch hält den neuen Puritanern einen Spiegel vor.

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