Österreich hat ein Schallenberg-Geheimnis | The European

Bundeskanzler: Kurz mal weg

Wolfram Weimer12.10.2021Medien, Politik

Alexander Schallenberg gilt vielen nur als Statthalter für den zurückgetretenen Sebastian Kurz. Tatsächlich eignet sich Schallenberg zur Lösung delikater Krisen auch deshalb perfekt, weil seine Familie das seit Jahrhunderten übt – und ein Urahn vor 450 Jahren ein seherisches Gedicht über Rücktritte verfasst hat. Von Wolfram Weimer.

Neuer Kanzler von Österreich, Alexander Schallenberg, Foto: picture alliance / AA | Askin Kiyagan

Der Rücktritt von Sebastian Kurz wird in Österreich als vorübergehendes Manöver betrachtet. “Kurz mal weg”, titelt die “Kronen Zeitung”. Als “Schattenkanzler” (“Salzburger Nachrichten”) behalte Kurz die Fäden der Macht in der Hand, es handele sich um eine machtpolitische Rochade, “eine Art Putin/Medwedew-Modell” (“Die Presse”), Kurz bleibe “stiller Mitregent” (“Kleine Zeitung”), der neue Bundeskanzler Schallenberg sei “ein Garant dafür, dass Kurz ins Kanzleramt zurückkehren kann, wenn sich die Wogen glätten” (“Der Standard”).

Kurz scheint sich seiner Sache ebenfalls erstaunlich sicher. Er bezeichnet die Krise als eine Situation, die schon “viele Spitzenpolitiker erleben mussten”. Sämtliche Vorwürfe seien falsch. Er werde es beweisen.

Kurz bleibt im Spiel

Tatsächlich hat Kurz durch seinen schnellen Rücktritt einiges seiner politischen Macht gerettet. Seine Regierung hat überlebt und wird von ihm fortan maßgeblich gesteuert; er sitzt als neuer Fraktionschef der ÖVP sogar weiterhin mit am Kabinettstisch. Seine Partei hat sich weitgehend geschlossen hinter ihm versammelt. Der Rücktritt hat ihm nicht nur Häme und Hohn auf der einen politischen Seite, sondern auch Respekt auf der anderen eingebracht. Manche seiner Fans stilisieren ihn gar zum tapferen Helden gegen linke Justiz- und Medienmachenschaften. Im besonders Kurz-kritischen “Standard” analysierte Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl, Kurz wandele sich “vom Macher zum Märtyrer: Sebastian Kurz hat am Wochenende ein rhetorisches Lehrstück hingelegt”.

Nun liegt politischer Druck auf der österreichischen Staatsanwaltschaft für Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät. Reichen ihre Ermittlungsergebnisse überhaupt für eine Anklage? Wieso landen geheime Ermittlungsakten und private Chatverläufe während der laufenden Ermittlungen regelmäßig in den Medien? Sind die schwerwiegenden Vorwürfe (Untreue, Bestechung, Bestechlichkeit) wirklich belegbar? Oder dienten sie nur zur Inszenierung eines medialen Tribunals?

Schallenberg leistet Treueschwur

Es ist nicht gesichert, dass der Skandal so weit trägt, wie man in der Opposition hoffen mag. An Neuwahlen hatte sie ohnedies kein Interesse. Denn Stimmung und Umfragen in Österreich signalisieren, dass Kurz wie 2019 gestärkt aus der Krise hervorkommen könnte. Schon wähnen erste ÖVP-Funktionäre Kurz als Spitzenkandidat für die nächste (womöglich vorgezogene) Wahl.

Das ganze Manöver Kanzlerrochade kann aber nur unter zwei Bedingungen funktionieren. Erstens muss Kurz strafrechtlich tatsächlich unbeschädigt bleiben. Und zweitens darf der neue Bundeskanzler ihm nicht in den Rücken fallen.

Damit richten sich Österreichs Augen nun auf Alexander Schallenberg. Der 52-Jährige leistet direkt nach seiner Ernennung bereits eine Art politischen Treueschwur: Er halte die “im Raum stehenden Vorwürfe” gegen Kurz für “falsch”, er sei “überzeugt davon, dass sich am Ende des Tages herausstellen wird, dass an ihnen nichts dran war.”

Immer wenn es schwierig wird …

Doch kann Kurz sich auf Schallenberg wirklich verlassen? Entwickelt der im Amt nicht womöglich eigene Ambitionen? Insider der ÖVP sehen in beiden ein “perfektes Tandem”. Als Kurz vor seiner Zeit als Kanzler noch Außenminister war, habe ihn der welt- und sprachgewandte Schallenberg bereits als Chefstratege eng beraten. Beide sendeten seither politisch auf einer Wellenlänge und seien einander außergewöhnlich loyal.

Schallenberg scheint prädestiniert für diese sensible Konstellation, denn er ist nicht nur gelernter Diplomat und damit ein Profi in Geschmeidigkeit. Er entstammt einer uralten Adelsfamilie, die geradezu auf so etwas spezialisiert ist. Immer wenn es in Österreich heikel wird, kommt ein Schallenberg und löst Machtprobleme durch spezielle Eleganz.

Vor 450 Jahren war es Christoph von Schallenberg (1561 bis 1597), der nicht nur als Regent der niederösterreichischen Lande für Ausgleich sorgen musste. Vor allem im Dauerkrieg gegen die Osmanen und als Kommandant der Donauflotte (eine Marine, die es gar nicht ernsthaft gab) hieß es, die Türken fern und den Kaiser im Amt zu halten. Dessen Sohn Georg Christoph von Schallenberg (1593 bis 1657) war Oberstproviantmeister und Oberstkommissar in Oberösterreich, vor allem aber ein Mittler zwischen den verfeindeten Konfessionen, trat selber zum Katholizismus über und verfasste hernach versöhnliche Liebesgedichte und diplomatische Brückenbauertexte.

Wichtiger Berater Maria Theresias

Vor 250 Jahren taucht wieder ein Schallenberg im Zentrum der Macht auf und stellt seine Geschmeidigkeit zu Dienste. Georg Christoph von Schallenberg wird “Obrist-Höfstäbelmeister” (wer Österreich verstehen will, sollte Titelkunde studieren) bei Kaiserin Maria Theresia. Dieser Schallenberg leitete damit das Tafelzeremoniell, unter anderem bei der “Öffentlichen Tafel”, bei der das Publikum dem speisenden Monarchen zusehen konnte. Es handelt sich um einen hochpolitischen Vorgang, und Schallenberg nutzte es für weitreichende Diplomatie, baute über das Essen Beziehungen nach Frankreich aus, pflegte mit dem Gemahl Maria Theresias das sozial engagierte Freimaurertum und band Mozart ans Kaiserhaus.

Nebenher inszenierte Schallenberg mit Maria Theresia­s Besteck, dem goldenen “Mundzeug”, und dem naturgetreuen Blumenstrauß für den geliebten Gatten aus nahezu 3000 Diamanten und Edelsteinen eine symbolträchtige Selbstdarstellung der Macht mit Preziosen. Mit Pracht und Glanz politische Dominanz zu entfalten sei genauso wirksam, aber klüger als Kriege zu führen.

Diplomat in dritter Generation

Auch der Großvater des neuen Bundeskanzlers hat Österreich in besonders heikler Mission gedient. Herbert Schallenberg betreute unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die Wiedereröffnung der österreichischen Vertretung in Prag. Bereits am 12. Mai 1945, nur vier Tage nach Kriegsende, war Schallenberg dort und organisierte eine Massenflucht. Denn in der ersten Zeit nach Kriegsende diente das Botschaftsgebäude tausenden Flüchtlingen, die nach Österreich zurück wollten, als provisorische Unterkunft. Der Vater des heutigen Kanzlers wiederum, Wolfgang Schallenberg (Jahrgang 1930), war Generalsekretär im Außenministerium (1992 bis 1996) und Botschafter in Indien, Spanien sowie Frankreich. Dort wuchs Alexander Schallenberg auch auf.

Wegen seiner außergewöhnlichen Weltläufigkeit und familiären Diplomatentradition wird Schallenberg in Wien zuweilen “Alexander der Feine” gennant. Ein Alexander der Große wolle er gar nicht sein.

Genau darauf wird Sebastian Kurz bauen – und ein 450 Jahre altes Gedicht von Christoph Schallenberg (der Donauflottenkommandant verfasste Liebes-, Spott- und Trostlyrik) lesen können – es liest sich heute wie eine Paraphrase auf ein mögliches Kurz-Comeback:

Ach, ach, wie weh tut scheiden,
Doch das tröstet mich zu Zeiten:
Wenn ich den Urlaub genommen,
Wenn ich wiederum tu kommen,
Bringts mir so viel der Freuden,
Dass ich alle Stund wollt’ scheiden.

Quelle: ntv.de

 

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