Nein, Herr Trump, es war Philipp Reis!

Wolfram Weimer26.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Donald Trump feiert in patriotischen Reden, dass der “amerikanische Held” Graham Bell das Telefon erfunden habe. Das stimmt nicht, klagt der Verleger Wolfram Weimer: Ein Deutscher hat das Telefon erfunden, dokumentiert er in seinem neuen Buch. Worum geht es in dem Streit genau? Wolfram Weimer sprach Kai Stoppel

Herr Weimer, Sie sind vielbeschäftigter Verleger und Publizist. Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet jetzt in das Leben des deutschen Erfinders Philipp Reis einzutauchen?

Donald Trump ist der Auslöser. Der amerikanische Präsident hat in mehreren Reden Graham Bell als den Erfinder des Telefons gefeiert als Beispiel für die Größe der USA. Sein unangenehmer Neo-Nationalismus nach dem Motto “America first” hat in mir den hessischen Stolz wachgerufen. Denn es war nun einmal nicht Graham Bell, sondern Philipp Reis.

Warum ist es Ihnen so wichtig, das klarzustellen?

Es geht um Fairness. Die halbe Welt glaubt inzwischen, dass Graham Bell der Telefonerfinder sei, weil Amerika das aus patriotischem Überschwang kommunikativ zelebriert. Philipp Reis wird damit seiner Ehre beraubt. Das ist umso trauriger, als dass es Reis im Leben ohnedies so schwer hatte. Er war ein Waisenkind, durfte nicht studieren, wurde von der Akademie verlacht, verstarb jung und war doch ein heiterer Mensch. Ein typisch deutscher Tüftler, der verliebt war ins Gelingen. Ihm möchte ich die Anerkennung zuerkannt wissen.

Unbestritten ist, dass Reis bereits Jahre vor Bell einen Apparat entwickelt hatte, der Klänge und Geräusche elektronisch übertragen konnte. 1861 wurde dieser erstmals öffentlich vorgestellt. Bell jedoch machte später ein Vermögen mit dem Telefon. Warum gelingt Reis das nicht ebenfalls?

Es stimmt: Bell wurde reich und berühmt, Reis starb arm und anonym. Bell hat das Reissche Telefon einfach nur weiterentwickelt. Ihm kann man daraus gar keinen Vorwurf machen. Er hat Reis öffentlich gewürdigt und in seinem Patentantrag sogar ausdrücklich festgestellt, das Telefon nur zu verbessern. Sein Vorteil aber war, dass er ein Patent anmelden konnte. In den USA gab es schon ein modernes Patentrecht, in Deutschland noch nicht. Reis konnte also gar kein Patent anmelden. Darum ist Bell – streng patentrechtlich – natürlich auch Erfinder. Aber die allermeisten Erfindungen der Vormoderne waren nicht patentgeschützt. Und wir würden ja heute auch nicht sagen, dass Johannes Gutenberg den Buchdruck nicht erfunden habe, weil es damals in Mainz kein Patentrecht gab.

Das Reis-Telefon soll Musik gut übertragen haben – umstritten ist hingegen, ob der Apparat dazu in der Lage war, menschliche Sprache verständlich zu übermitteln. Aber wäre das nicht die Bedingung, um die Apparatur nach heutigem Verständnis als erstes Telefon zu bezeichnen?

Das Argument stammt von den Anwälten des Bell-Konzerns, die im Laufe der Zeit allerlei Patentverfahren führen mussten. Es ist aber falsch. Zahlreiche wissenschaftliche Tests und dokumentierte Zeugenschaften belegen, dass das Reis-Telefon sehr wohl Sprache hat übermitteln können – schlecht zwar, und ja, schlechter als Musik, aber es funktionierte. Genau dies führe ich in meinem Buch detailliert aus.

Warum hat Reis seine Erfindung nicht weiter perfektioniert?

Weil er mit nur 40 Jahren an Tuberkulose starb. Er hat bis zu seinem Tod mehrere Modellreihen gebaut, die immer ein Stück besser wurden. Und er beauftrage einen Frankfurter Handwerker, eine Serie für den Verkauf zu bauen. Tatsächlich wurden davon etliche Exemplare in alle Welt verkauft – eines landete auch bei Familie Bell.

Auch in Nordamerika wurde noch im 21. Jahrhundert über den eigentlichen Erfinder des Telefons gestritten. Eine Resolution des US-Kongresses aus dem Jahr 2002 rückt dabei allerdings nicht Reis, sondern den Italiener Antonio Meucci in den Fokus. Dieser habe bereits 1860 seine “Teletrofono” genannte Erfindung, die elektronische Kommunikation ermöglichte, demonstriert. Das wäre ein Jahr vor Reis. Ein Irrtum der US-Abgeordneten?

Während die Entwicklungen von Reis ab 1861 gut dokumentiert sind, sind die Beiträge von Meucci erst ab 1871 eindeutig nachweisbar. Philipp Reis war einfach früher dran.

Zeigt dieser Vorgang nicht, wie schwierig es letztendlich ist, eine Erfindung einer einzigen Person zuzuordnen?

Das sehe ich anders. Natürlich sind die meisten großen Erfindungen immer das Werk von mehreren. Einer lernt vom anderen, eine Technik basiert auf anderen Techniken. Bei Philipp Reis aber ist es eine spektakuläre Sprunginnovation eines einzelnen Genies.

Sie betonen in Ihrem Buch den Gegensatz zwischen Reis und Bell: der geniale, aber etwas unbeholfene Deutsche auf der einen Seite, auf der anderen Seite der gewiefte US-Amerikaner, den Sie einen “genialen Vermarkter” nennen. Steht dieser Gegensatz heute noch ganz allgemein für den unterschiedlichen Umgang mit Forschung und technischem Fortschritt auf beiden Seiten des Atlantiks?

Ja, da ist etwas dran. Wir haben in Deutschland gute Erfinder, Tüftler, Forscher, Techniker, Ingenieure, vielfach die besten der Welt. Aber wenn es um die Vermarktung geht, haben Amerikaner uns definitiv vieles voraus. Marketing ist kein deutsches Wort. Unter deutschen Forschern gilt es häufig sogar als unfein, wenn man sein “Produkt” vermarktet. Ich finde: Wir könnten diesbezüglich ruhig ein wenig amerikanischer werden.

Es gibt viele Erfindungen, die Deutschen zugeschrieben werden. Konrad Zuse etwa wird häufig als Erfinder des Computers bezeichnet, den er 1941 baute und der unsere heutige Welt wie kaum eine andere Erfindung prägt. Sollte die Verbreitung des Wissens über “deutsche Erfinder” hierzulande mehr gefördert werden?

Unbedingt. Deutschland schätzt seine wissenschaftliche Intelligenz viel zu wenig. Oder sehen Sie Nobelpreisträger in Talkshows? Haben wir eine Walhalla für unsere Intelligenz? Verdienen Top-Forscher etwa so viel wie Investmentbanker? Wir sollten das ändern. Unser Land lebt von Menschen wie Philipp Reis. Sie haben unseren Respekt verdient. Auch darum habe ich dieses Buch geschrieben.

Mit Wolfram Weimer sprach Kai Stoppel

Quelle: ntv.de

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland ist über Nacht zu einer offenen Gesinnungsdiktatur geworden

Man wird in der Geschichte wohl kein Beispiel finden, welches veranschaulicht, wie in einer Demokratie von Politik und Medien so offen ein urdemokratischer Prozess dämonisiert und ein gewählter Ministerpräsident einer solchen Hasskampagne von Politikern und Medien ausgesetzt wurde, dass er und se

Der Rundfunkbeitrag ist einfach nicht mehr zeitgemäß

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU fordert die Landesregierungen auf, die Stimmung in der Bevölkerung ernst zu nehmen und umgehend Kostenschnitte für die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zu beschließen.

Wir dürfen uns von der AfD nicht die Demokratie zerstören lassen

Es gibt sie noch, die besonnenen Köpfe in der Politik. Wohltuend unaufgeregt das Interview mit Thüringens früherem Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU), Solche besonnenen Stimmen, die die Dinge vom Ende her durchdenken und nicht nur flotte Parolen oder moralische Dauerempörung im Programm h

Mit der verbrecherischen US-Oligarchie gibt es keinen Frieden und keinen „Klimaschutz“

Mit der verbrecherischen US-Oligarchie gibt es keinen Frieden und keinen „Klimaschutz“. Wenn die Grünen wirklich Frieden und Klimaschutz wollen, dann müssen sie der skrupellosen US-Oligarchie, die die halbe Welt terrorisiert, die kalte Schulter zeigen. Europa muss sich aus der Bevormundung der

Regierungsbildung in Thüringen: Dies ist ein bitterer Tag für die Demokratie

Dieses Ergebnis ist ein Dammbruch. Die Wahl des Thüringer Ministerpräsidenten hat gezeigt, dass CDU und FDP den Wählerauftrag nicht verstanden haben. Gemeinsam mit Stimmen der AfD haben sie die Wiederwahl Bodo Ramelows verhindert. FDP und CDU werden damit zum Steigbügelhalter der rechtsextremen

Sich mit der AfD wählen zu lassen, ist ein inakzeptabler Dammbruch

Es ist ein inakzeptabler Dammbruch, sich mit dem Stimmen der AfD und Herrn Höckes wählen lassen, so Ministerpräsident Bayerns Markus Söder.

Mobile Sliding Menu