Eine Partisanentruppe will Putin stürzen | The European

Der neue Super-Staatsfeind des Kreml

Wolfram Weimer23.08.2022Medien, Politik

Das Attentat auf den Kreml-Ideologen Dugin erschüttert die russische Machtarchitektur. Ilja Ponomarjow verkündet, es gebe nun eine Partisanentruppe „Nationale Republikanische Armee“ zum Sturz von Putin. Ponomarjow wird damit schlagartig zum größten Staatsfeind des Kreml. Denn der Mann wagte es schon 2014, als einziger russischer Abgeordneter gegen die Annexion der Krim zu stimmen. Jetzt ruft er seine Landsleute zu den Waffen, um Putin zu stürzen – und beruft sich auf Willy Brandt. Von Wolfram Weimer

FILE - State Duma (lower chamber of Russian parliament) deputy Ilya Ponomaryov gestures as he arrives to the Gagarinsky district court in Moscow, Russia 21 June 2013. EPA/YURI KOCHETKOV (Zu dpa ",Staatsduma schließt russischen Oppositionsabgeordneten Ponomarjow aus")

Quelle: picture alliance +++ dpa-Bildfunk +++

Der Bombenanschlag auf den Kreml-Ideologen Alexander Dugin entsetzt Moskau. Dass in der gut bewachten russischen Hauptstadt die Tochter eines Putin-Scharfmachers einem Attentat zum Opfer fällt, erschüttert das Sicherheitsgefühl der Machthaber. Vor allem dass hinter dem Anschlag eine russische Widerstandstruppe namens „Nationale Republikanische Armee“ stecken soll, macht den Vorgang zu einem spektakulären Ereignis.

Der Mann hinter der Behauptung, dass sich eine Partisanentruppe mit Terroraktionen zum Sturz Putins formiere, heißt Ilja Ponomarjow. Und der ist nicht irgendwer – neben Alexej Nawalny wächst er gerade zum größten Oppositionellen Russlands heran. Anders als Nawalny ist Ponomarjow aus Russland geflohen und lebt politisch umtriebig im ukrainischen Exil. Er organisiert von Kiew aus eine politische Widerstandsbewegung gegen Putin. In einem am 9. August veröffentlichten Appell ruft er seine russischen Landsleute eindringlich auf, mit Waffengewalt gegen Putin vorzugehen: „Es wird Opfer geben, aber das ist der Preis… In das schöne Russland der Zukunft werden wir nur diejenigen mitnehmen, die zu den Waffen gegriffen haben, um Putins faschistisches Regime zu stürzen. “

Ponomarjows Aufruf zu den Waffen wird nun nach dem Moskauer Attentat als ein Startsignal für den innenrussischen Partisanenkampf verstanden.

In dem Appell erklärt Ponomarjow, warum er nicht – wie Nawalny – ins Gefängnis gegangen oder in den Westen geflohen ist. Er erinnert bewußt an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus: „Der deutsche Anti-Nazi-Untergrund ist nicht geflohen, er hat gekämpft. Auch die Polen flüchteten nicht, sondern bereiteten den Warschauer Aufstand vor. Und auch wenn das Schicksal es anders wollte, kämpften die Antifaschisten wie Willy Brandt. Und das ist für mich ein Beispiel, dem man folgen sollte.“

Ponomarjow hat in den sozialen Medien große Gefolgschaft bei Putin-Kritikern.

In ihren Augen wirkt der Bombenanschlag in Moskau nun wie die erste spektakuläre Aktion des bewaffneten Widerstands. In westlichen Geheimdienstkreisen wird allerdings bezweifelt, ob es die „Nationale Republikanische Armee“ wirklich schon gebe oder ob Ponomarjow sich diese nur herbei behaupten will. Es könne auch sein, dass er sich ukrainischer Militärhilfe bediene, um den Krieg nadelstichartig nach Russland zu tragen. Manche wähnen in ihm bereits einen Che Guevara des russischen Widerstands.

In jedem Fall wird sein politischer Aktivismus nun millionenfach verfolgt. Die Bombe von Moskau hat Ponomarjow zu einem russischen Super-Staatsfeind gemacht. Und er legt nach. In wenigen Tagen soll ein Buch von ihm mit dem provokanten Titel „Muss Putin sterben? Die Geschichte wie Russland eine Demokratie wird nachdem es gegen die Ukraine verloren hat“ erscheinen. Ponomarjow ist propagandistisch sehr aktiv und betreibt einen russischsprachigen Fernsehnachrichtensender namens „Februar Morgen“ und einen auf Internet-Nachrichtendienst “Rospartisan”. Dabei berichtet er über regierungsfeindliche “Partisanen”-Aktivitäten in Russland, wie Angriffe auf militärische Rekrutierungszentren. Zuweilen werden auch Anleitungen zum Bombenbau gegeben.

Ponomarjow entstammt einer sowjetischen Polit-Dynastie und war in jungen Jahren selbst Mitglied der kommunistischen Partei.

Seine Mutter, Larisa Ponomarjowa, war Abgeordnete im Föderationsrat, sein Onkel, Boris Ponomarjow, wirkte als Sekretär für internationale Beziehungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, sein Großvater, Nikolai Ponomarjow, war sowjetischer Botschafter in Polen. Die Familie stammt aus Nowosibirsk, der größten Stadt Sibiriens. Der junge Ilja war schon als Jugendlicher ein erfolgreicher Startup-Unternehmer, studierte Physik wie Wirtschaftswissenschaften und machte rasch Karriere beim Ölkonzern Yukos. Mit 30 war er ein russischer Vorzeige-Karrierist der digitalen Generation und wurde sogar nationaler Koordinator für die “High-Tech Parks Task Force”, ein öffentlich-privates Projekt, das bis zu sechs 6 Milliarden Dollar zur Entwicklung eines Netzwerks kleiner Startup-Inkubatoren mobileren sollte.

Mit 32 Jahren zog er als Abgeordneter in die russische Staatsduma ein.

Ponomarjow gehörte zu jenen jungen Russen, die vor zehn, zwanzig Jahren glaubten, Russland könne in eine demokratische, liberale, digitale Zukunft aufbrechen. Früh trat er für eine konsequente Gewaltenteilung ein, kritisierte er alte Machtcliquen und deren Korruption, organisierte Proteste gegen eine weitere Amtszeit von Wladimir Putin und avancierte zu einem Querkopf und Regimekritiker im Parlament. Schlagartig bekannt wurde er im März 2014, als er den Mut fand, als einziger Abgeordneter der Duma gegen die – in Russland allenthalben bejubelte – Annexion der Krim zu stimmen. Das Ergebnis – 445 Ja-Stimmen, eine Nein-Stimme – ließ damals weltweit aufhorchen: „Wer ist diese eine Stimme?“, fragte prompt die „ New York Times“ – und machte den Putin-Kritiker aus Sibirien einerseits weltberühmt andererseits zur Zielscheibe von Putins Rache. Er wurde zur Zielscheibe einer propagandistischen Hetzjagd, unter anderem durch ein riesiges Plakat im Zentrum Moskaus, auf dem er als „Landesverräter” gebrandmarkt wurde. Ponomarjow floh zuerst in die USA, dann in die Ukraine. Schon damals warnte er, Putin werde es nicht bei der Krim belassen, sondern irgendwann einen Angriffskrieg starten.  „Unglücklicherweise habe ich recht behalten“, meinte Ponomarjow acht Jahre später in einem CNN-Interview mit Christiane Amanpour.

Seit dieser Woche tritt er nun offen als Sprecher des bewaffneten Widerstands auf.

Dem ukrainischen Nachrichtenportals „The Kyiv Independent“ sagte Ponomarjow mit Blick auf das Bombenattentat in Moskau: „ Dieser Angriff schlägt eine neue Seite im russischen Widerstand gegen den Putinismus auf. Neu – aber nicht die letzte.“ Die Gruppe habe ihn ermächtigt, eine Erklärung abzugeben, behauptete er: „Wir erklären Präsident Putin zum Usurpator der Macht und zum Kriegsverbrecher, der die Verfassung geändert, einen Bruderkrieg zwischen slawischen Völkern entfesselt und russische Soldaten in den sicheren und sinnlosen Tod geschickt hat.“

Ponomarjow dürfte nun seinerseits zur Zielscheibe von russischen Attentatsversuchen werden. Er steht bereits unter dem Schutz der ukrainischen Sicherheitsbehörden, nachdem der ehemalige russische Abgeordnete Denis Woronenkow 2017 in Kiew erschossen wurde. Woronenkow war auf dem Weg zu einem Treffen mit Ponomarjow, als er erschossen wurde. Auch Woronenkow hatte die Annexion der Krim durch Russland als illegal kritisiert. Ponomarjow ist sich seiner Lage und Rolle inmitten der Gewalteskalation bewusst und beschreibt sie so: „Der Weg in die Freiheit führt nur über die Läuterung durch das Feuer.“

Dieser Artikel erscheint zuerst auf ntv.de

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