Digitale Smartphone-Bank überflügelt die Commerzbank | The European

Berliner Startup ist genauso wertvoll wie die Commerzbank

Wolfram Weimer2.11.2021Medien, Wirtschaft

Zwei Österreicher gründen mit N26 eine digitale Smartphone-Bank. Inzwischen ist die mit neun Milliarden Dollar bewertet und überflügelt sogar die Commerzbank. Wer sind die jungen Männer hinter Deutschlands erfolgreichstem Fintech, das herkömmliche Banken so alt aussehen lässt? Von Wolfram Weimer.

Das Logo der Smartphone-Bank N26 ist auf der App zu sehen, Foto: picture alliance/dpa | Christophe Gateau

In der Frankfurter Konzernzentrale der Commerzbank musste man in dieser Woche einmal ganz tief durchatmen. Die zweitgrößte deutsche Bank mit ihren 48.000 Mitarbeitern ist von einem Berliner Startup eingeholt worden. Die Smartphone-Bank N26 wird nach einer erfolgreichen Finanzierungrunde jetzt mit 9 Milliarden Dollar bewertet. Die Berliner sind damit zum wertvollsten Fintech in Deutschland aufgestiegen – und genauso wertvoll wie die 151 Jahre alte Commerzbank. Doch während bei der Commerzbank Personalabbau und Filialschließungen auf der Tagesordnung stehen, meldet N26 an jedem Tag durchschnittlich 2000 neue Kunden. Mehr als sieben Millionen sind es bereits – und keiner davon war je in einer Filiale. Denn die gibt es gar nicht. N26 ist eine rein digitale Smartphone-Bank – einfach zu handhaben, digital, weithin kostenlos. Klick und App statt Schalter und Papierkram. Jeder Kunde wird geduzt, und Konten kann man auch Samstagnacht eröffnen. Das Geschäft boomt. In deutschen Großstädten hängen inzwischen Werbeplakate für N26 mit dem Spruch: “Nicht die Bank deines Opas”.

Während die Frankfurter Herren in Nadelstreifen verwundert die Augenbrauen hochziehen, können sich die Berliner Gründerjungs vor Investorenanfragen kaum retten. Zu den Geldgebern, die an N26 beteiligt sind, gehören der Versicherungskonzern Allianz, der Staatsfonds GIC aus Singapur, der chinesische Internet-Riese Tencent, Earlybird und der US-Investor Peter Thiel. Auch die US-Beteiligungsgesellschaft Dragoneer Investment Group (ein 20 Milliarden schwerer Fonds aus San Francisco), Third Point Ventures (ein 17 Milliarden schwere Hedge Fonds aus New York) und Coatue Management (eine 50 Milliarden-Investmentfirma von der Wall Street) sind jetzt bei den Berlinern eingestiegen. Kurzum: Das ganz große Geld setzt plötzlich auf N26.

Doch wem vertrauen die Großkapitalisten da eigentlich ihr Geld? “Max und Valentin” so nennen sie sich auf der Homepage der Neo-Bank. Es handelt sich um zwei Österreicher, Valentin Stalf und Max Tayenthal, Mittdreißiger, die so wirken als hätten zwei smarte Kumpel aus Wien gerade ein neues Edelrestaurant am Prenzlauer Berg eröffnet. In Wahrheit sind sie auf dem Weg, zu den neuen Elon Musks der deutschen Finanzindustrie zu werden.

Mit Taschengeld fing es an

Begonnen haben die beiden 2013 in einem Wiener Wohnzimmer mit der Idee, eine App zu entwickeln, in die Eltern Guthaben für ihre Kinder laden können, um so deren Ausgaben zu managen. “Papayer” tauften sie das digitale Taschengeld. “Als das Produkt dann in der Testphase war, kamen immer mehr Tester auf uns zu, die das Produkt nicht für ihre Kinder, sondern für sich selbst verwenden wollten. Das Teenager-Produkt war der Anfang und hat uns den Weg zur größeren Idee gezeigt”, berichtet Stalf, der nach seinem Wirtschaftsstudium in St. Gallen bei Rocket Internet als “Entrepreneur in Residence”, einem Inkubator und Investor für Online-Startups, gelernt hat. Dort war er an der Entwicklung mehrerer Unternehmen aus der Branche der mobilen Zahlungsdienste beteiligt, darunter Payleven und Paymill. “Bei Rocket lernt man, keine Angst zu haben: Du willst eine Bank gründen? Just do it.” Also tat er.

Valentin Stalf sieht aus wie der Fußball-Torwart Loris Karius und wird von Mitarbeitern als Mann beschrieben, der das Wort Selbstbewusstsein in Majuskeln buchstabieren kann. In seinem Lebenslauf schreibt er, er habe “die Vision, eine Bank zu schaffen, die dem Lifestyle des 21. Jahrhunderts entspricht”. Als offizielles Ziel gibt er aus: “Wir wollen die erste weltweit digitale Bank aufbauen.” Er habe N26 gegründet, “um neue Maßstäbe in einer Industrie zu setzen, die für viele Menschen unzugänglich bleibt und nicht funktioniert”.

Ein Bußgeld hat die BaFin bereits verhängt

Das klingt alles ziemlich amerikanisch dick aufgetragen – und erweckt Misstrauen, insbesondere im dramatisch überregulierten deutschen Bankenwesen. Soll man diesem jungen Mann mit den langen blonden Haaren, der eine “Milliarden-Company” bauen und Banken revolutionieren will, wirklich ernst nehmen? Wieso werden Geschäftszahlen nicht veröffentlicht? Wie hoch sind die Verluste? Wie viele der 7 Millionen Kunden zahlen überhaupt irgendetwas? Ist das alles seriös?

Die Bankenaufsicht BaFin beklagt seit zwei Jahren Defizite bei der Betrugs-Bekämpfung und Compliance-Verstößen. Die Jungs seien wohl “etwas unbekümmert unterwegs”, heißt es unter Bankenaufsehern. Hacker entdecken bei der App Sicherheitslücken. Die Konkurrenz raunt böse, N26 sei eine gigantische Geldwäschemaschine. Tatsächlich verhängte die BaFin im Juni ein Bußgeld von 4,25 Millionen Euro wegen verspäteter Einreichung von Verdachtsmeldungen und mangelhafter Geldwäschekontrollen. Seit Mai überwacht sogar ein Sonderbeauftragter, ob N26 die Compliance wie versprochen verbessert. Der Aufsicht ist nun versprochen, die massenhaften Kontoeröffnungen besser zu prüfen und über die nächsten Monate in Europa mit maximal 50.000 bis 70.000 Neukunden pro Monat zu wachsen. N26 zeigt sich um Seriosität bemüht und kommt den Aufsehern entgegen. Ein Geldwäschebeauftragter wird ein- und ein neues Compliance-Management aufgesetzt.

Investoren und Kunden scheint die Problematik nicht zu stören. Auf beiden Seiten fließt derzeit das Geld in Strömen herein. Jetzt sollen zu den 1500 weitere 1000 Mitarbeiter in den Bereichen Technologie, Produktmanagement und digitaler Sicherheit eingestellt werden. Gleichzeitig nimmt die Bank auch ihren Börsengang ins Visier. “Mit den Investoren, die wir mit an Bord bekommen haben, machen wir auch einen ganz wichtigen Schritt in Richtung Börsengang in den kommenden Jahren”, kündigt Stalf an. Wenn ihm der Börsengang auch noch gelingt, dann wird er wohl auch die Deutsche Bank überholen. Die ist schließlich auch schon 151 Jahre alt.

Quelle: ntv.de

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