Die Umfragewerte für die Grünen fallen | The European

Fünf Gründe, warum Corona den Ökologismus schwächt und die Klimadebatte verändert

Wolfram Weimer23.11.2020Medien, Politik

Die Umfragewerte für die Grünen fallen. Dahinter steht auch ein grundlegender Wandel der politischen Kultur durch die Pandemie. Sie sorgt für einen neuen Blick auf die Natur, auf Risiken und große Problemlagen. Der apokalyptische Ökologismus ist erschüttert, die Klimapanik schwindet. Der Blick auf die Naturwissenschaft wird offener. Ein neuer Typus des ökologischen Pragmatismus bricht sich Bahn. Von Wolfram Weimer.

Annalena Baerbock, Vorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen, Foto: imago images / Reiner Zensen

Die Corona-Pandemie hat die Klima-Ängste schlagartig als Hauptthema der deutschen Gesellschaft verdrängt. Der Vorgang ist mehr als nur ein kurzfristiger Agendawechsel im öffentlichen Diskurs. Denn das Trauma der Pandemie wird den Ökologismus als politische Bewegung nachhaltig schwächen. Dies spiegelt sich schon in den Wahlumfragen der Grünen. Und das hat fünf Gründe.

1. Akute Angst schlägt latente Sorge

Der Ökologismus der vergangenen Jahre hat davon gelebt, Ängste zu mobilisieren. Ängste vor dem „Klimakollaps“, der „Klima-Katastrophe“, dem „Klima-Genozid“, der Verwüstung, der Überflutung, der Überhitzung, Naturkatastrophen aller Varianten. Weltuntergangsszenarien wurden skizziert. Doch das politische Problem der Klima-Aktivitsten bestand darin, dass Klimawandel in Wahrheit ein sehr langsamer, Generationen übergreifender Prozess ist. Darum wurden „Kipppunkte“ und „Point of no returns“ thematisiert, um das Gefühl zeitlicher Dramatik zu erzeugen.

Die Corona-Pandemie hat diese Szenerie nun erschüttert. Wenn es reale, akute Bedrohungen dieser Dimensionen gibt, dann werden mittelbare Bedrohungen in ferner Zukunft plötzlich klein. Die Öffentlichkeit lernt notgedrungen, mit ihrem Angsthaushalt rationaler umzugehen. Man kann sich durchaus um einem langfristigen Klimawandel sorgen. Aber im Moment einer akuten Menschheitsbedrohung, die Hunderttausende in einem Jahr dahin rafft, wirken die theoretisch bedrohten Leben in kommenden Jahrzehnten auf einmal klein. Eine Gesellschaft, die eine so massive, konkrete Kollektivangst wie die Pandemie durchlebt hat, wird auf Jahre hinaus weniger Sinn haben für neue, aber eben ferne und notwendigerweise konstruierte Großängste. Der Todesvirus im Jahr 2020 verdrängt schlichtweg die Klimakatastrophe des Jahres 2100.

2. Wissenschaft hat viele Antworten

In der Klimadebatte wurde eine zeitlang der Eindruck vermittelt, die Wissenschaft habe nur eine Erkenntnislinie. Das Klimaaktivisten-Narrativ, wonach 97 Prozent der Klimaforscher sich in allem einig seien, wird nach der Pandemie-Erfahrung niemand mehr glauben. So wie in der Pandemie so gibt es auch in der Klimaforschung sehr differenzierte auch widersprüchliche Erkenntnisse, eine lebhafte Debatte der Wissenschafter, unterschiedliche, konträr forschende Wissenschaftsfelder und vor allem mehr Unwissen als Wissen. Offene Wissenschaft hat nie einen Absolutheitsanspruch, sie will falsifizieren und sich hinterfragen. Die Klimadebatte hatte hingegen zusehends eine ideologische Engführung des Wissenschaftsdiskurses eingefordert.

Nach der Pandemie wird das eine kritische Öffentlichkeit aber nicht mehr akzeptieren. Denn selbst in den Fragen, wie gefährlich ein konkretes, stark erforschtes Virus ist, wie genau es sich überträgt, wie es mutiert, wie es zu bekämpfen ist und wie Gesellschaften Risiken abwägen müssen, gehen die Antworten weit auseinander. Umso mehr wird man das auch für die Klimaforschung einfordern, deren Zusammenhänge von Sonne bis Golfstrom, von Kohlendioxid-Einträgen bis Vulkaneruptionen viel komplexer und langfristiger wirken als die Funktionen eines Virus.

Zudem wird die Öffentlichkeit, andere Wissenschaftsfelder in ihren Diskurs einholen wollen als jeweils nur die eine Naturwissenschaftsteildisziplin. So wie im Gefolge der Pandemie neben den Virologen auch Mediziner, Ökonomen, Psychologen, Sozialforscher, Pharmazeutiker befragt wurden, um das Problem zu bekämpfen – so wird auch in der Klimadebatte die Deutungshoheit der Klimaforscher nicht mehr unangetastet bleiben. Kurzum: Die Debatte um den Klimawandel wird nach der Pandemie-Erfahrung aus der Engführung absoluter Thesen herausgeführt.

3. Die Natur ist nicht nur gut

Die Corona-Pandemie hat die Menschheit recht brutal daran erinnert, dass die Natur kein Streichelzoo vor lieblichem Landschaftspanorama ist. Die romantische Vorstellung, dass die Natur an sich „gut“ sei – also einer moralischen Kategorie unterworfen wird (häufig dem bösen, umweltzerstörenden Menschen gegenüber gestellt), wird im Moment einer massiven Bedrohung aus der Natur infrage gestellt. Denn tatsächlich besteht die Natur aus Sicht des Menschen nicht nur aus süßen Eisbärbaybs und klugen Delphinen, die man retten sollte. Die Natur ist für den Menschen seit jeher auch eine existentielle Bedrohung, die es zu bewältigen gilt. Und sie steht mit ihrer Survival-of-the-Fitest-Logik keineswegs ethisch über dem Menschen. Wenn die „Childfree-Rebellion“ zugunsten der Klimarettung Kinderlosigkeit einfordert oder .Sprecher*innen von Extinction Rebellion (XR) den Corona-Virus loben, weil er Luft und Wasser sauberer werden lasse, entlarvt der ideologische Ökologismus seine moralische Fehlsichtigkeit.

4. Risiken sind nie total, man muss sie abwägen

Mit der Pandemie verliert der Ökologismus seine apokalyptische Macht. Der Klimawandel wird plötzlich nurmehr ein Problem neben anderen. Damit wird ideologischen Grünen die „innerweltliche Religiosität“, wie Rüdiger Safranski das nennt, untergraben. Krypto-religiöse Apokalyptik braucht Aussschließlichkeit, nichts darf schlimmer sein als der Klimawandel, um die Dringlichkeit des Problems politisch sichtbar zu machen. Im Moment einer Pandemie aber, erkennt die Öffentlichkeit, dass Risiken vielfach sein können und man sie abwägen muss.

Eine rationale Haltung der Risikoabwägung aber passt nicht zum Untergangs-Messianismus der Klimaretter. Der herrschende Diskurs wird in Anbetracht vielfältiger Risiken notwendigerweise pragmatisch. Nahe und ferne Risiken zu vergleichen, wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit gegen ökologische abzuwägen, sie einzuordnen – all das führt dazu, dass Risiken relativiert werden. Das aber bedeutet einen zivilisatorischen Gewinn für Gesellschaften als Ganzes, für ideologische Bewegungen aber ist das fatal. Sie verlieren ihren Absolutheitsanspruch für ihr Lieblingsrisiko.

5. Problemlöser sind wichtiger als Panikmacher

Im Moment einer ernsten Krise lernt die kritische Öffentlichkeit sachliche Kompetenz völlig neu schätzen. Vom Comeback des seriösen Nachrichtenjournalismus über den Respekt von Intensivstationspflegerinnen bis zur Wiederentdeckung von Pharmaforschern reicht die neue Wertschätzung von originärem Können und Wissen. Die Forscher, die mit den neuesten Instrumenten der Gentechnik (auch verpönt unter Ökologisten) einen Impfstoff entwickeln, werden einer fundamental bedrohten Gesellschaft wichtiger als die Aluhut-Mahner oder Verschwörunsgtheoretiker. Problemlöser werden Panikmachern durch die Erfahrung einer großen Krise deutlich vorgezogen. Dies wird Auswirkungen auf die Klimadebatte haben. Auch dort wirken kreischende How-dare-you-Mädchen plötzlich wie verblendete Zeugen Jehovas ihrer eigenen Religion. Ökologische Problemlöser, die mit neuen, grünen Technologien die Welt tatsächlich sauberer machen, wachsen hingegen zu neuen Leitfiguren einer Ökobewegung, die nach dem Schock der Pandemie vermutlich erwachsener, vernünftiger und lösungsorientierter wird als zuvor. Wenn aber Elektroautobauer wie Elon Musk die Apokalyptiker wie Greta als Orientierungsfiguren ablösen, hat der Kapitalismus einen weiteren Etappensieg über den Ökosozialismus errungen. Pragmatische Bessermacher sind jetzt mehr gefragt als ideologische Besserwisser.

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