Die Umfragewerte für die Grünen fallen immer weiter | The European

Annalena Baerbock – der gefallene Engel

Wolfram Weimer7.09.2021Medien, Politik

Beim Wahlkampfauftakt noch im Rausch, folgte der Kater nach den ersten missglückten Auftritten: Annalena Baerbock ist tief gestürzt. Nun findet sie nicht mehr zu alter Form zurück. Die Umfragewerte für die Grünen fallen immer weiter. Sie ist von Kanzler- auf Ministerinnenmaß geschrumpft – ein Triell sollte es eigentlich nicht mehr geben. Von Wolfram Weimer.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung von Bündnis 90/Die Grünen spricht Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Partei für die bevorstehende Bundestagswahl, Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Bernd Wüstneck

Im Frühjahr war Deutschland im grünen Baerbock-Rausch. Die TV-Magazine und Titelseiten großer Zeitschriften kürten sie zum neuen Superstar der Republik, die politischen Herzen flogen ihr massenweise zu, in den Umfragen überholten die Grünen sogar die Union. Da CDU und CSU noch zankten und die SPD irgendwie aus der Zeit gefallen schien, wirkte Annalena Baerbock schon als gefühlte Bundeskanzlerin einer neuen Greenlounge-Republik.

Doch im Mai dreht sich plötzlich die Stimmung. Erst die Debatte um Boris Palmer, dann die grüne Basis-Initiative zur Streichung des Wortes Deutschland im Wahlprogramm, Meldungen über zweifelhafte Großspenden, undurchdachte Verbotsforderungen für Kurzstrecken- und Billigflüge. Sofort bröckelten die Umfragezahlen. Journalisten schauten auf einmal kritischer hin und entdeckten nicht nur verschwiegene Nebeneinkünfte. Ein gefälschter Lebenslauf und ein Plagiatsbuch führten zu einem Vertrauens-Crash der Kandidatin.

Der Baerbock-Zug entgleiste im Mai schlimmer als vor vier Jahren der Wahlkampfzug von Martin Schulz nach ähnlicher Anfangs-Euphorie. Und wie der Schulz-Zug 2017 crashte die Baerbock-Bahn 2021 auch deshalb, weil das Anfangstempo zu scharf war. Schulz wurde 2017 mit ultimativen 100 Prozent auf dem Parteitag gewählt, linke Medien überschlugen sich in Begeisterung, 10.000 neue SPD-Parteieintritte wurden gemeldet – doch wenn der Höhenflug zu stürmisch ausfällt, ist auch der Absturz um so  gewaltiger, das eine provoziert das andere geradezu.

Dieser Ikarus-Effekt hat auch Annalena Baerbock erwischt, sie ist der Sonne der medialen Bescheinung zu nahe gekommen, nun ist sie darin verglüht. Der alte Journalistenspruch „Wir fahren mit Politikern gerne den Aufzug hinauf, aber noch lieber hinunter“, findet in Baerbock ein Fallbeispiel. Was im Frühjahr noch als „erfrischend jung“ entzückte, gilt im Sommer auf einmal als „völlig regierungsunerfahren“. Was damals als „zielstrebig und selbstbewußt“ beeindruckte, gilt jetzt nurmehr als „karrieregeil“.

Der Absturz von Baerbock erinnert viele im politischen Berlin an den von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg – nur dass sie inmitten ihrer Skandale nicht zurücktreten wollte. Es hätte im Mai die gute Gelegenheit gegeben, die Kandidatur mit feiner Geste an Robert Habeck abzutreten – für die Grünen wäre die Abwärtsspirale damit abgewendet worden, für Baerbock hätte es als souveräner Schritt zur Seite wirken können. Doch obwohl einige in der Grünenspitze sich das gewünscht hätten – Baerbock wollte einfach nicht und verbiß sich weiter in ihren eigenen Ambitionen.

Nun sind die Umfragewerte für die Grünen von 26 bis 28 Prozent auf 16 bis 18 Prozent abgerutscht – Tendenz fallend. Die Chance, eine grüne Kanzlerin zu stellen, sind verspielt. Baerbock hat zwar – nachdem sie eine zeitlang abgetaucht war – eine professionelle Aura zurück gewonnen. Doch weder sie noch die Partei finden nach dem Tiefschlag für die Reputation zurück zu alter Stärke. Das hat auch damit zu tun, dass das Publikum jeden Tag sieht, dass Robert Habeck der bessere Kandidat gewesen wäre. Ähnlich wie bei der Union – wo Söder als der gefühlt bessere Mann wahrgenommen wird – so steht auch Baerbock im Schatten –  im Schatten der Fähigkeiten, vor allem aber der moralischen Reputation von Habeck.

Die Frage der Integrität wiegt bei einer grünen Kanzlerkandidatin schwerer, weil die Grünen den hohen Ton der Moralität pflegen und zur politischen Waffe haben werden lassen. Wenn Baerbock also ungewöhnlich hohe Nebeneinkünfte verschweigt und dem Bundestag nicht pflichtgemäß gemeldet hat, wenn sie ihren Lebenslauf frisiert und ein Buch präsentiert, das ein Plagiat ist, dann wirkt das medial wie die Nadel, die den moralischen Ballon zum Platzen bringt.

Die jetzt zu betrauernde Rolle des gefallenen Engels ist auch deswegen für Grünenwähler so bitter, weil Baerbock über eine klare politische Haltung und eine gute Rhetorik verfügt, weil sie die einzige Frau im Wettbewerbsfeld ist, weil sie eine neue Generation und Frische verkörpert und obendrein die erste Mutter im Kanzleramt gewesen wäre.

Nun aber sinken die Umfragewert so weit hinab, dass sogar die FDP in Schlagdistanz geraten ist. Schon fragen die Liberalen mit guten Argumenten, warum es eigentlich noch Trielle im TV-Wahlkampf gibt. Tatsächlich stellen die Grünen im Bundestag die kleinste Fraktion – und in den Umfragen sind sie weit von jeder Kanzleroption entfernt. In den Fernsehsendern gibt es erste Überlegungen aus dem geplanten Triell entweder ein Duell mit Laschet und Scholz oder ein Quartett unter Einbeziehung Lindners zu machen. Fazit: Baerbock ist von Platz 1 auf Platz 3 gefallen – und auch der ist nicht mehr sicher.

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