Die Fifa ist ein Seelenverkäufer des Fußballs | The European

Treten Sie zurück, Herr Infantino!

Wolfram Weimer22.11.2022Medien, Politik

Der FIFA-Präsident verkörpert die zynische Geldgier und offene Korruption des Fußballverbands. Mit höhnischen Auftritten verschlimmert er den Skandal um die Katar-WM immer weiter. Es wird Zeit, dass die mächtigen Fußballverbände Europas endlich einen Neuanfang einfordern. Von Wolfram Weimer

Quelle: Shutterstock

Sehr (nur noch bei Despoten) verehrter Herr Infantino,

wer es höflich mag, der spricht Sie noch als Präsident an. Wer nachsichtig ist, nennt sie eine tragische Figur. In Wahrheit sind Sie ein Seelenverkäufer. Sie haben die Seele des Fußballs verkauft und die Werte der Demokratie gleich mit. Sie betreiben diesen Verkauf derart obszön, dass Sie alle Fußballspieler und Fußballfans der Welt beschämen. Sie dürfen unmöglich 2023 als Fifa-Chef wiedergewählt werden. Sie sollten vielmehr nach dieser peinlichen WM möglichst rasch zurücktreten. Ich hoffe, dass die großen europäischen Fußballverbände, die einem wunderbaren Sport und seinen Werten verpflichtet sind, endlich die große Machtfrage stellen und einfach aussteigen, wenn Sie sich erneut Mehrheiten zur Wiederwahl kaufen.

Stolze Demokratien wie Frankreich, England, Holland, Spanien, Italien und Deutschland können Ihren goldenen Fifa-Tempel zum Einsturz bringen, wenn sie nur mutig handeln. Denn eine WM ohne diese Länder wäre keine WM mehr. Oder sehen Sie das anders, Herr Infantino?

Seit 2016 führen Sie die Geschäfte des Weltfußballverbands, und man kann sagen, das Geschäftliche erledigen Sie gut. Sie haben in ihrer Amtszeit die Weltmeisterschaft zweimal hintereinander mit güldenem Händchen an Despoten verkauft, einmal an Russland, einmal an Katar. Mit den Verträgen zur WM 2022 haben Sie Rekordeinnahmen in Höhe von 7,25 Milliarden Euro erzielt. Schon die gut 6 Milliarden aus Russland waren ganz großes Dollarkino. Laut der Nachrichtenagentur AP haben Sie nun die Fifa-Reserven in der Schweiz auf 2,4 Milliarden Euro steigen lassen. Da können Sie sich ein offizielles Jahresgehalt von 2,7 Millionen Euro im Jahr auch gönnen – Sie verdienen damit ja nur siebenmal so viel wie ein deutscher Bundeskanzler.

Doch den Preis für das viele Geld lassen Sie uns alle zahlen.

Sie zwingen uns zu Statisten Ihres Spiels, dessen Hauptregel lautet, dass man sich auf dieser Welt alles kaufen kann. Ihre Fifa ist seit Jahren eine von Korruption, Eitelkeit, Geldgier und Größenwahn angekränkelte, hermetische Welt. Doch diese von Ihnen so arrogant verteidigte WM wird zum Fanal. Denn die Wahrheit ist ganz einfach: Diese WM von Katar verrät grundlegende Menschenrechte. Sie betreibt Sportswashing in obszöner Form. Sportswashing für eine unerträgliche Frauen-Apartheid im arabischen Raum. Sportswashing für eine inakzeptable Homophobie. Sportswashing für ein Sklavensystem der Arbeitererniedrigung und einen Rassismus, der Süd-Asiaten als minderwertiger ansieht als Araber. Sportwashing für eine Despotie, die weder Meinungsfreiheit noch Opposition duldet, sondern sie in Geheimdienstkellern grausam mundtot macht. Und Greenwashing für die größten Verursacher und Profiteure von fossiler Energieverschmutzung.

Das alles ist schlimm genug. Sie aber setzen dem bitteren  Theater noch die Krone auf, indem sie Kritiker verhöhnen und die Maßstäbe der Menschenrechte bewusst relativieren. Mit ihrem bizarren Auftritt bei der Eröffnungs-Pressekonferenz haben sie die Integrität die Fifa zum Vexierspiel von Überzeugung degenerieren lassen.

Wenn Sie schwere Menschenrechtsverletzungen in Arabien damit verteidigen, dass auch Europäer vor Jahrhunderten schon Übles in der Welt angerichtet hätten, dann betreiben sie das klassische argumentative Spiel von Diktatoren und Menschenschlächtern. Damit legitimieren sie das Böse und erniedrigen Grundwerte zu Jetons der Geschichte, die man im Spiel des Lebens hier oder da hin oder gar nicht setzen kann. Das Besondere an Menschenrechten aber, Herr Infantino, ist, dass sie immer und überall gelten, egal was woanders und wannanders passiert ist. Sie sind nicht scheibchenweise zu haben, sondern unantastbar. Sie aber fingern an ihnen herum wie an Tauschware. Damit eröffnen sie eine völlig neue Dimension des Abgrunds Ihrer Fifa-Welt. Korrupt und geldgierig zu sein, ist eine traurige Sache. Die Folterkeller aber schönzureden, das ist ein Offenbarungseid des Moralischen. Denn wo Menschenrechte verletzt werden, werden Menschen verletzt.

“Als ich den FIFA-Präsidenten gesehen habe, war ich schockiert. Und ich habe mich in dem Moment auch geschämt, ein Teil dieser Veranstaltung zu sein”, sagte Dänemarks Sportdirektor Peter Möller stellvertretend für viele Europäer. Haben Sie das gehört? Oder Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor von Human Rights Watch, der Ihren Auftritt so kommentierte: “Infantino nennt die Kritik an Katar Heuchelei und heuchelt dabei, dass sich die Balken biegen.“ Was sagen Sie zu Nicholas McGeehan, Direktor von FairSquare, der glaubt, “dass der FIFA-Präsident seine Argumente direkt von den katarischen Behörden erhält”.

Vielleicht ist das so. Denn Sie sind ja aus Europa ausgewandert und wohnen ja schon seit vielen Monaten mit Ihrer Familie in einer Luxuswohnung in Doha. Wissen Sie was: Sie sollten am besten dort bleiben, wo sie die beste aller Welten wähnen.

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