Zu Tode gesiegt

von Wolfram Weimer5.09.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die grüne Gesellschaft ist längst da – doch ihre Geschichte wird ohne die grüne Partei fortgeschrieben.

Der größte Verlierer in der vergangenen Legislaturperiode war die SPD. Der größte Verlierer in dieser Legislaturperiode ist die FDP. Zum größten Verlierer der kommenden Legislatur könnten die Grünen werden.

Noch wähnen sie sich dank passabler Umfragen stark, doch die Zeichen der Zeit deuten auf einen Abstieg. Der kulturelle Zenit ihrer Bewegung ist klar überschritten, ihr Rückhalt in der Gesellschaft altert, und zwar signifikant. Das Ergrauen der Grünen ist in ihrem Spitzenpersonal sichtbar. Von Jürgen Trittin bis Claudia Roth, von Renate Künast über Bärbel Höhn bis Sylvia Löhrmann wirkt die Truppe angerentnert.

Einstmals war es gerade das Personal, das eine avantgardistische Verheißung personifizierte – junge Leute mit einer anderen Sprache, unkonventionellem Äußeren und neuen Forderungen. Heute verbreiten die Grünen den Innovationscharme von evangelischen Kirchentagen. Sie erwecken den Eindruck, seit 20 Jahren nichts Neues mehr zu sagen. Vor allem die gefühlte Dominanz älterer, meckernder Frauen lässt die Partei richtig tantenhaft erscheinen. Merkwürdigerweise setzen sich die interessanten und in der Gesellschaft mehrheitsfähigeren Persönlichkeiten wie Boris Palmer gegen die Keifer-Clique nicht durch.

Postideologische Wärmestube der 68er

Der Generationswechsel will den Grünen einfach nicht gelingen. Wahrscheinlich, weil die Partei mehr als alle anderen ein Generationenprojekt ist – eine postideologische Wärmestube der 68er. Die aber werden langsam alt. Die Grünen ergrauen daher in ihren Themen, in ihrer Sprache, in ihrem Politikstil derzeit spürbarer als die anderen.

Die Grünen sind immer Anti-Kohlianer gewesen. Doch heute wird klar, dass sie durch und durch Kinder der Kohl-Ära geblieben sind – nur Kohl, und damit ihr Feindbild, ist eben weg. Die Bundesrepublik hat sich modernisiert. Schon durch ihre latente Technikfeindlichkeit wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Die Generation iPad wirkt neben den Öko-Naturwollfreunden wie flinke Enkel neben störrischen Omas.

Der politische Erosionsprozess, der dem habituellen und kulturellen folgen wird, hat bereits eingesetzt. Vor zwei Jahren war der Zenit ihrer Parteigeschichte erreicht. Damals schienen die Grünen auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte angelangt, nach dem Unglück von Fukushima durchzuckte Deutschland ein grüner Reflex wie nie zuvor. Die Umfragewerte überstiegen zeitweise die der SPD, und selbst im urkonservativen Baden-Württemberg siegten sich die Grünen bis ins Ministerpräsidentenamt. Politologen wähnten schon eine neue Volkspartei die Republik verändern.

Der Zeitgeist der Biogemüse- und Elektroauto-Republik wehte alles Grüne auf die Siegerseite der Geschichte. Die Angst der anderen Partei vor dem grünen Durchmarsch war so groß, dass Deutschland sich in einer Blitzaktion dazu entschied, alle Atomkraftwerke abzuschalten. Koste es, was es wolle.

Heute, nur zwei Jahre später, ist das Grünsein in etwa so cool wie eine knarrende Tür bei Tante Trude. Die Wähler und Unterstützer laufen der Partei zwar noch nicht davon, sie schleichen sich aber weg. Der demonstrative Linksschwenk im aktuellen Wahlkampf dürfte diesen Prozess verstetigen. Nicht nur die Kretschmann-Fraktion, selbst der Säulenheilige Joschka Fischer lässt durchblicken, dass er das für einen strategischen Fehler hält.

Dabei geht es weniger um Steuererhöhungen, als um die überflüssige Beschwörung ideologischer, alt(link)er Rezepte. Wo ist die Verlockung für die postideologische Zeit? Der Reiz für die Entertainmentgesellschaft? Die Provokation? Die Sehnsucht? Ein grün lackiertes Umverteilungsprogramm bietet weder etwas fürs Herz noch für den Verstand.

Für die grüne Krise des Programmatischen gibt es freilich handfeste Gründe: Einer liegt just in Angela Merkels Atomausstieg. Ihre Kehrtwende hat den Grünen ein Kernstück ihrer Legitimation aus der Hand geschlagen. Sie haben sich damit nach dem Motto zu Tode gesiegt: Mission erfüllt, abtreten bitte. Das gilt neben der Kernkraft für viele Fragen des ökologischen Wandels. Die Forderungen der Grünen sind schlichtweg Konsens geworden in der Republik.

Alles sieht nach Verwelken aus

Ein anderer Grund liegt in der habituellen Markenbildung der Partei, die jetzt nicht mehr richtig funktioniert. Die Grünen wurden viele Jahre auch deshalb gerne gewählt, weil sie vermeintlich gegen das Establishment, gegen verkrustete Strukturen und gegen Machtseilschaften standen. Als ein Protest gegen Obrigkeit an sich. Da sie inzwischen aber seit Jahren selbst Teil der Obrigkeit geworden sind, greift dieser Reflex nicht mehr. Und mit dem Aufkommen neuer Bewegungen von AfD bis Piratenpartei fliegt die Sache vollends auf.

Noch wird der gefühlte Alterungsniedergang durch den desaströs schlechten Kanzlerkandidaten der SPD überdeckt. Noch kann sich die Partei in den Umfragen so nutznießend behaupten. Hätte aber die SPD einen zugkräftigen, jungen Tatmenschen, einen Zukunftsverheißer, einen Avantgardisten oder emotionalen Mobilisierer, dann wäre das Strukturproblem der Grünen schon manifest. Latent aber wissen es die Beteiligten sogar selbst.

Das intellektuelle Milieu der Grünen mahnt schon seit einiger Zeit, dass die Partei eine neue Perspektive jenseits von Künast, Trittin und Roth und ihren rot-grünen Denkgehäusen braucht. Zumal mit dem Aufsplittern des Parteiensystems rot-grüne Regierungen immer unwahrscheinlicher, große Koalitionen aber immer wahrscheinlicher werden.

Die Grünen fallen damit zwischen die Stühle der Machtpolitik auf der einen und der kritischen Avantgarde auf der anderen Seite. Ob eine schwarz-grüne Vision dieses Dilemma aufbrechen kann, wird sich nach der Bundestagswahl zeigen.

Wenn sie diese Chance der Erneuerung nicht ergreifen, dann sieht alles nach Verwelken aus.

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