Der Herzensbrecher

von Wolfram Weimer22.02.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Joachim Gauck ist Herzenskandidat der Grünen und Sozialdemokraten. Doch wie das mit der großen Liebe manchmal so ist: Eines Tages wacht man auf und fragt sich, wen man sich da eigentlich ins Bett geholt hat.

Sozialdemokraten und Grüne freuen sich über den designierten Bundespräsidenten so, als sei Joschka Fischer Papst geworden. Im Hochgefühl eines machtpolitischen Erfolgs schwadronieren sie, Joachim Gauck sei ihr „Herzenskandidat“. Doch dieses Herz könnte bald brechen. Denn Gauck ist nicht nur ein Freigeist – “er ist ein expliziter Anti-Linker(Link)”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/10027-kein-bundespraesident-gauck und wird diejenigen, die ihn jetzt aus parteitaktischen Gründen bejubeln, noch hell entsetzen. In vielen seiner Positionen steht er da, wo Grüne und Sozialdemokraten sonst nur „Rechte“ und „Neo-Liberale“ wähnen und verpönen. Das dürfte noch lustig werden, denn diese Präsidentschaft hat das Zeug, zum größten Trojanischen Pferd der bundesrepublikanischen Geschichte zu werden.

Erste rot-grüne Politiker gehen auf Distanz

Im Internet “formiert sich bereits eine Anti-Gauck-Bewegung”:http://theeuropean.de/park-enno/10086-die-piratenpartei-und-joachim-gauck, weil einige sich einmal genauer angeschaut haben, was Gauck in den vergangenen Jahren für Ansichten verbreitet hat. Unter den Schlagworten „No Gauck“ und „Not my president“ macht sich das Entsetzen der linken Szene bereits breit. Erste rot-grüne Politiker gehen schon auf Distanz und murmeln irritiert etwas vom „Querkopf“. Gauck hat Sarrazin verteidigt, die Occupy-Bewegung verhöhnt, den Sozialstaat als überdehnt kritisiert und wettert gegen jede Verniedlichung der DDR. Er hat jenen stählernen Freiheitswillen, den DDR-Bürgerrechtler zuweilen in sich tragen und der im bundesrepublikanischen Sozialisierungsteig schroff herausragt. Er ist so wenig ein Sozialdemokrat, wie ein Samuraischwert ein Kinderspielzeug ist. “Plötzlich merkt man, dass Grüne und Sozialdemokraten Gauck vor zwei Jahren nur als eine Marionette aufgestellt hatten, um die Merkel-Regierung vorzuführen(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/10050-konsenskandidat-joachim-gauck. In Wahrheit wollten sie ihn nicht um seiner selbst und schon gar nicht um seiner Weltanschauungen willen, sondern nur, um die Regierung mit einem Kandidaten zu destabilisieren, der eigentlich aus deren Mitte kommt. Nun will es die Ironie der Politik, dass dieser Macht-Marionetten-Kandidat tatsächlich Bundespräsident wird. Auf diese Entwicklung trifft das altdeutsche Sprichwort zu: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Die Rolle des Unberechenbaren

Das Unterhaltsame an dieser Situation ist, dass Gauck die Rolle des Unberechenbaren auch noch mit besonderem Elan spielen wird. Anders als Horst Köhler oder Christian Wulff dürfte er kein Zögling der politischen Korrektheit werden. Und er kann seine Positionen mit einer ungewöhnlichen Begabung verbreiten: Er ist ein wahrhaft grandioser Redner, ein Mann mit Haltung und Ethos, ein tapferer Kämpfer für autonomes Denken und gegen hohle politische Korrektheit. Man darf davon ausgehen, dass sich schon bis zum Wahltag eine ganze Reihe von Rot-Grünen von ihm abwenden werden und er mehr Gegenstimmen bekommen dürfte, als man jetzt meint. Für die politische Kultur in Deutschland könnte die Konstellation hinterher ein Glücksfall werden. Das System der machtpolitischen Taktik wird zum Opfer ihrer selbst – hoffentlich.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Wenn Merkel geht, müssen wir das Land neu aufbauen

An diesem kalten Julitag, an dem man heizen müsste, um eine erträgliche Raumtemperatur für Schreibtischarbeit zu bekommen, hat Kanzlerin Merkel Geburtstag.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu