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Den linken Märchen Spiegel vorhalten

Der Spiegel-Skandal um Fake-Reportagen ist im Kern politischer Natur. Claas Relotius konnte nur erfolgreich sein, weil er das Weltbild seiner linksgrünen Medienszene ausmalte. Politische Einseitigkeit macht systematisch blind. Der Skandal zeigt exemplarisch, dass ideologische Maulkörbe der Demokratie schaden

Der Spiegel-Skandal um gefälschte Reportagen wird lustvoll mit dem Stern-Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher verglichen. Das mag Konkurrenten gefallen, die schadenfroh über die Hamburger Misere herfallen. Da wird Arroganz mit Häme gerächt. Doch die Übertreibung führt an der Wahrheit vorbei. Genauso wie die eilfertige Verniedlichung, dass es sich bei den Relotius-Reportagen nur um Einzeltaten vom angeblich so genialen Felix Krull des Gegenwartsjournalismus handeln würde.
Den Skandal als grotesken Einzelbetrug darzustellen, verschleiert den Kern des Problems. Relotius war nicht genial, er war gefällig, geschickt und hoch opportunistisch. Das Problem, das sich mit ihm decouvriert, ist nicht singulärer, es ist systemischer Natur. Es geht bei dem Skandal nicht um Verfahrensfragen zur Textkontrolle oder um feuilletonistische Erwägungen, ob die Reportage überholt sei und womöglich immer eine semi-literarische Welt aus Wille und Vorstellung zimmere. Der Spiegel-Skandal ist im Kern politischer Natur.

Lügen passen ins Weltbild

Die geschmeidigen Lügen des Claas Relotius wurden vom Spiegel geglaubt und unter Applaus durch gewinkt, weil sie perfekt in ein ganz bestimmtes Weltbild passten. Weil sie dieses Weltbild geradezu tapeziert haben. Und zwar in rot-grünen Farben.

Hätte Relotius die Weiße-Rose-Überlebende Traute Lafrenz nach den Ereignissen von Chemnitz sagen lassen, sie finde die AfD gar nicht so schlimm und könne in Chemnitz keine wirklichen Hetzjagden erkennen, die Gegenleser und Faktenchecker beim Spiegel wären sofort aufgewacht. Aber die freie Erfindung des Zitats “Deutsche, die streckten auf offener Straße den rechten Arm zum Hitlergruß, wie früher” fügt sich aus Lafrenz Mund perfekt in ein linkes Antifa-Bild, der Bogen von der Weißen Rose zu Chemnitz war geschlagen. Und er gefiel. So sehr, dass man das gar nicht hinterfragen wollte. Es war eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Doch politisch Einäugige erkennen das nicht mehr.

Hätte Relotius die Einwohner von Fergus Falls nicht wortreich als Einwanderungshasser und Waffennarren erfunden, sondern als warmherzige, tüchtige Trumpwähler, er hätte es nie ins Blatt geschafft. Hätte Relotius die emotionale Reportage über das Lifeline-Boot nicht als Heldengeschichte von Flüchtlingsrettern sondern als eitlen Rechtsbruch und dubiose Geschäftemacherei geschildert, die Fakten wären hinterfragt, keine Zeile wäre gedruckt worden. Hätte er den Aleppo-Flüchtling nicht als selbstlosen Menschen erfunden, der nach dem Fund von Bargeld sogar auf den Finderlohn verzichtete, sondern als frauenverachtenden Vergewaltiger, er hätte keinen Journalistenpreis mehr erwarten können.
Ob es in den Reportagen um Kritik am Guantanamo-System oder an der Todesstrafe in den USA geht – Relotius bediente vor allem linke Klischees: er erzählte blumig, was der rot-grüne Mainstream lesen wollte. Nur deshalb blieben alle Alarmglocken still. Hätte er sich erfindend über schwarze DDR-Kassen der Linkspartei hergemacht und die Heldentat eines katholischen Pfarrers oder gar eines CSU-Politikers gefühlsduselnd gefeiert, er wäre damit nicht durch gekommen.

Der Spiegel-Skandal hat wenig mit handwerklichen oder organisatorischen Problemen zu tun. In Wahrheit arbeiten die Kollegen des Nachrichtenmagazin in aller Regel sorgfältig und professionell. Und auch die vorbildliche Art und Weise, wie der Spiegel den Skandal selber öffentlich und transparent gemacht hat, spricht für seine journalistische Integrität.

Politischer Geist als Wahrheitsproblem

Doch ein bestimmter politischer Geist des Spiegels ist zuweilen mächtiger als Faktencheckerregeln. Es ist ein altlinker Geist, der deswegen immer noch ideologisch ist, weil er Wirklichkeit und Wahrheit immer wieder einmal zurecht trimmt, so dass die Story propagandistisch auch wirkt. Darum gibt es einen inneren kulturellen Zusammenhang zwischen den Texten von Relotius und Spiegeln-Covern wie denen, die Trump als Henker zeigen oder Sachsen pauschal als braunen Sumpf diffamieren. Trump ist ein derart unsäglicher Präsident, dass fast jede Kritik an ihm berechtigt ist. Aber ein Blut triefender Kopfabschneider ist er dann doch nicht. Es ist just dieses Relotiushafte am Spiegel-Blattmachen, der eine Schritt zu viel in die Welt der Zuspitzung, bis Demagogie oder Lüge daraus geworden ist. Diese dramaturgische Haltung erwächst aus politischer Verbissenheit. Zu besichtigen auch beim Blick auf Sachsen und dem beleidigenden Spiegel-Cover über ein Bundesland als vermeintlichen Nazihort. Denn auch hier ist die Wahrheit ganz anders, nämlich vielfältiger, bunter, hoffnungsvoller. Sachsen ist schlichtweg kein brauner Sumpf. Das Land aber mit brauner Farbe und Frakturschrift genau so zu brandmarken, malt eine linke politische These übertrieben grell aus als hätte Relotius es in Metaphern gekleidet.

Der Spiegel-Skandal wird nur deswegen als so tiefgreifend empfunden, weil es just um diesen politisch-kulturellen Kern, weil es um die Restbestände von Ideologie in der öffentlichen Debatte geht. Stünde nur das Fehlverhalten eines einzelnen Mannes zur Debatte, wäre das keinen Streit wert. Die Debatte wird deshalb so groß, weil der Spiegel sich politisch demaskiert.

Das Problem, dass weltanschauliche Verbohrtheit den Journalismus deformieren kann, hat die Linke übrigens nicht exklusiv. Links wie rechts lauert die Gefahr der Wirklichkeitsverdrehung. Der Springer-Konzern hatte das Problem in den sechziger und siebziger Jahren mit rechter Einäugigkeit. Doch der Verlag hat sich spätestens seit den neunziger Jahren in zuweilen quälenden Reinigungsprozessen davon emanzipiert und sich geistig liberalisiert. Dem Spiegel hingegen steht das jetzt erst bevor. Er steckt mit mancher Bewusstseinskategorie noch in den siebziger Jahren fest, er wähnt sich als kritische Großinstanz einer Schützengräbendemokratie, die es längst nicht mehr gibt. Das selbst ernannte „Sturmgeschütz der Demokratie“ rohrkrepiert in einer liberalen Gesellschaft, und schon die Sturmgeschütz-Metapher ist so selbstverliebt, schräg und falsch als hätte Relotius sie erfunden. Es wird Zeit, dass auch der Spiegel aus den ideologischen Schützengräben heraus kommt und aus dem Sturmgeschütz ein Pflug wird, der die Wirklichkeit einfach so umpflügt wie sie ist – und nicht wie altlinke Weltanschauungen sie gerne hätten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfram Weimer: Leitfaden für Propaganda und Denunziation

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