Es ist nicht Sache eines Politikers, allen zu gefallen. Margaret Thatcher

Die Jesuitin der CDU

Merkels Kabinettsliste ist ein Lehrstück an Machtpolitik. Die Führung wird jünger, meinungsfreudiger und – ein Signal an wertkonservative Kernwähler – katholischer. Doch die Schlüsselfigur ist nicht Jens Spahn.

Angela Merkel hat ein Kabinettstück vollbracht. Ihre Ministerliste für die neue Bundesregierung war ein geschickter Schachzug in Bedrängnis – und hat ihr den Parteitag gerettet. Merkel war zuvor in ihrer eigenen Partei schwer angeschlagen, vom Wirtschaftsflügel, von der Jugend, wichtigen Landesverbänden und Konservativen verlassen. Die Kritik war zur offenen Abrechnung angewachsen und es fühlte sich in der CDU zuweilen endzeitig an – wie weiland in den Schlusstagen von Helmut Kohl. Doch die Personal-Rochaden der letzten Woche wirken wie ein Befreiungsschlag. Selbst Merkel-Kritiker wie Thüringens CDU-Vorsitzender Mike Mohring bescheinigen der Kanzlerin, sie sei “einen großen Schritt auf die Partei zugekommen” und setze “gewichtige Zeichen der Erneuerung”.

Insbesondere die Berufung von Jens Spahn – hier folgte Merkel dem Motto: Wer den Feind umarmt, macht ihn bewegungsunfähig – wird nun als Handreichung an ihre innerparteilichen Kritiker verstanden. Das stimmt, doch darin liegt nicht der personalpolitische Coup der Kanzlerin. Merkel hat ihre Öffnung zu den Wertkonservativen geschickt verbunden mit Modernisierungssignalen. Die neue Führungsriege der Union ist deutlich jünger, habituell moderner und weiblicher als je zuvor. Nicht nur die Hälfte der CDU-Ministerien wird von Frauen besetzt, das Kanzleramt und das CDU-Generalsekretariat eben auch.

Die Handreichung an die Konservativen zeigt sich weniger in der Nominierung von Jens Spahn als in einem für die CDU wichtigen Element – die neuen Führungskräfte sind katholisch. Mit Hermann Gröhe, Peter Tauber und Thomas de Maizière gehen drei bekennende Protestanten von Bord. Dafür kommen mit Jens Spahn, Julia Klöckner, Peter Altmaier, Annegret Kramp-Karrenbauer und Anja Karliczek explizite Katholiken.

In der Identitätswelt der CDU ist das ein konfessioneller Erdrutsch. Das katholische Milieu bildet traditionell die Kernwählerschaft der Union, ein wichtiges, mobilisierungsträchtiges Milieu – ähnlich wie die Gewerkschaften bei der SPD. Diese wertkonservative Basis war loyaler und leiser zwar, aber eben auch spürbar auf Distanz zu Angela Merkel gegangen. Indem Merkel nun eine katholische Riege beruft, kommt sie den Wertkonservativen in der Partei viel nachhaltiger entgegen als mit der Einzelpersonalie Spahn.

Klöckner ist Sympathieträgerin der Union

Denn die Neuen sind nicht nur per Taufschein katholisch, sie sind im politischen Katholizismus engagiert. Annegret Kramp-Karrenbauer ist wie Julia Klöckner und Kulturstaatsministerin Monika Grütters sogar im Zentralrat der Katholiken. Anja Karliczek postet auf ihrer Website: “Ich bin römisch-katholisch und lebe meinen Glauben gern. Aus meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Kirche habe ich in der Vergangenheit viel Energie gewonnen. Es hat mir Freude gemacht, zum Beispiel als Kommunion- und Firm-Katechetin.”

Die Nachfolge von Angela Merkel dürfte damit wahrscheinlich katholisch geregelt werden. Doch in dem angeblich nun beginnenden Duell zwischen Jens Spahn und Annegret Kramp-Karrenbauer darf die Dritte im Spiel um die Macht der Zukunft nicht übersehen werden. Die nachhaltigste Personalie für die CDU könnte am Ende Julia Klöckner heißen. Klöckner ist medienpräsente Sympathieträgerin der Union und soll nun Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin werden.

Sie ist unter den Neuen die einzige stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende. Das heißt, sie ist (glänzende Wahlergebnisse bei Parteitagen zeigen das) tief unten und ganz oben fest verankert in der Partei, bereits seit 2012 Stellvertreterin Merkels. Anders als Spahn hat sie in ihrem Verhältnis zu Merkel eine kluge Beziehungsvariante aus Nähe und Distanz, aus Kritik und Loyalität gewählt. Wo manche in der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer als zu merkelnah ansehen, andere Jens Spahn als zu merkelkritisch wahrnehmen, verkörpert Klöckner die Mitte zwischen beiden.

Sie setzt – das wird in der CDU immer geschätzt – auf Verbindlichkeit und Konzilianz. Und sie bringt sich seit Jahren als geländegängige Generalistin in Position. Ihr gelingt es, die Balance zu halten zwischen der entschiedenen Burka-Verbieterin und der offenherzigen Pfälzerin, zwischen Charme und Kante, zwischen Weltoffenheit und Werteverteidigung. Der “Rheinischen Post” gibt sie zur Kabinettsliste raffiniert zu Protokoll: “Angela Merkel zeigt mit dieser Kabinettsliste, dass sie über den Tag hinaus denkt.”

Und – sie ist nicht nur katholisch, sie hat sogar Theologie studiert und kennt sich in der bunten Ordenswelt der Katholiken bestens aus. Sie erzählt zuweilen folgenden Witz: “Ein Benediktiner, ein Dominikaner, ein ­Franziskaner und ein Jesuit beten zusammen, als das Licht ausgeht. Der ­Bene­diktiner will weiter beten, er kann es auswendig. Der ­Dominikaner regt ein Streitgespräch über Licht und Dunkel an. Der Franziskaner schlägt vor, dass alle dem Herrn für das Licht danken sollen, das ihnen so sehr fehlt. Und dann wird es wieder hell. Der Jesuit hat die Sicherung ausgewechselt.” Der Witz dabei – sie ist die Jesuitin der CDU.

Quelle: n-tv.de

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfram Weimer: Der Richelieu der CSU

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