Lars Klingbeil: Der Sanierungsfall-Manager

von Wolfram Weimer10.01.2018Innenpolitik

Die SPD leidet an alten Gesichtern der Erfolglosigkeit. Mit Lars Klingbeil taucht nun eine neue Figur auf, mit der die SPD wieder jünger, smarter und weniger weinerlich wirkt. Er könnte zum politischen Aufsteiger des Jahres und neuer Digitalminister werden.

Generalsekretäre von Parteien haben normalerweise ein Problem: Werden sie Sekretäre ihrer Vorsitzenden oder Generäle ihrer Partei? Die meisten entscheiden sich für ersteres oder – ehrlicher – sie werden dazu verdammt. Lars Klingbeil ist vom Start weg das Zweite, ein General – schon weil sein Vorsitzender Martin Schulz angeschlagen wie ein geduckter Unteroffizier des Politischen umhertaumelt.

Der neue SPD-Generalsekretär tritt dagegen mit seinen 1,96 Meter auf wie ein zuversichtlicher Feldherr. Als er vor wenigen Wochen gewählt wurde, verkündete er im Tonfall eines drahtigen Sanierungsfall-Managers: “Die SPD hat einen riesigen Erneuerungsbedarf.”

Nun hat er bei den Sondierungsgesprächen zur Großen Koalition erstmals die große Bühne der Republik betreten. Und auch hier klingen seine Kommentare geradezu generalig selbstbewusst: “Wir befinden uns in einer neuen Zeit. Und diese neue Zeit braucht eine neue Politik.” Deutschland bekomme jetzt “einen neuen politischen Stil”.

Eine Aussage – zwei Stoßrichtungen

Die Aussagen verraten zweierlei: Zum einen hat sich die SPD-Führung innerlich klar für den Gang in die Große Koalition entschieden. Ihr Generalsekretär übt schon man die narrative Verpackung. Zum zweiten – mit Lars Klingbeil bekommt die Partei plötzlich ein neues Gesicht. Er könnte der SPD gut tun wie eine habituelle Frischzellenkur. Denn die SPD hat jenseits von programmatischen Schwierigkeiten (soziale Gerechtigkeit ist den Deutschen derzeit kein Hauptthema), von Orientierungsschwächen (die Partei will nach links, das Wahlvolk rückt nach rechts) und einem Modernisierungsdefizit (in einer digital-liberalen Startup-Gesellschaft wirkt die SPD wie das gefühlte Kohlezeitalter mit Bergbaukumpeln, Gewerkschaften und Telefonzellen) vor allem ein Personalproblem. Die Führungsriege von Martin Schulz über Sigmar Gabriel bis Olaf Scholz kann einen Aufbruch nicht glaubhaft verkörpern. Klingbeil schon.

Der neue Generalsekretär wirkt in der SPD-Spitze wie der erste Digitale unter lauter Analogen. Nicht nur weil Digitalpolitik sein Steckenpferd ist. Sein Auftreten, sein Denken und seine Sprache sind vernetzter, freier und freundlicher. Ihm fehlt das weinerlich-aggressive seiner herkömmlichen Genossen. Er ist freundlich, konziliant und wie die “Bild”-Zeitung staunt “für einen SPD-Politiker außergewöhnlich gut gelaunt”. Er selbst beschreibt seinen smart-positiven Stil so: “Attacke ist für mich kein Selbstzweck. Ich werde nicht so breitbeinig auftreten, wie andere Generalsekretäre in Deutschland. Die Zeit der Testosteron-Männer ist hoffentlich vorbei.” Seine SPD wünscht er sich weniger griesgrämig. “Ich stehe für einen Weg, der durch Optimismus gezeichnet ist”, sagt er im Wissen, dass das in der SPD bislang eine Rarität ist.
“Peter Tauber der SPD”

In Berlin rufen ihn manche schon den “Peter Tauber der SPD”, weil er ähnlich wie sein CDU-Generalsekretärskollege ein positiv denkender Digitalexperte ist, der eher versöhnen als spalten will und sich als unideologischer Modernisierer positioniert. Wie Tauber in seinem hessischen Heimatort Gelnhausen (gut 20.000 Einwohner) so ist auch Klingbeil sehr in seinem niedersächsischen Munster (knapp 20.000 Einwohner) tief verwurzelt. Das Kleinstädtische als ein stabiler Bezugsraum für einen bürgerlichen Wertekanon zeichnet beide aus. Klingbeil zahlt noch Kirchensteuern, ist Sohn eines Berufssoldaten, ein Unterstützer der Bundeswehr und ein Verfechter des Heimatbegriffs.

Er ist Mitglied des bürgerlichen Seeheimer Kreises innerhalb der SPD. Als Zögling und früherer Mitarbeiter von Gerhard Schröder verteidigte er die Agenda 2010 und holte sich Schröder, obwohl viele in der SPD ihn verachten, auch 2017 im Wahlkampf auf die Bühne seines Wahlkreises. Mancher sieht in Klingbeil gar einen “Schröder 2.0” – schon wegen seines Siegertemperaments. Und auch, weil er offene Gegnerschaft pflegen kann, etwa gegen Sigmar Gabriel.

Klingbeil ist jedenfalls kein Leisetreter, nicht einmal musikalisch oder sportlich. Er spielt Squash, nicht Volleyball; und er hört keine leisen Schmuseballaden, sondern lieber lauten Rap-Rock. Einst selbst als Mitglied der Jugendband “Sleeping Silence” aktiv, greift er noch heute manchmal zur Rockgitarre. Und auf seiner Liederplaylist des Jahres steht der Berliner Rap-Rocker Casper ganz oben. Dessen neuestes Album “Lang lebe der Tod” empfehlen böse Zungen Klingbeil freilich süffisant als Leitmotiv für seine Wiederbelebungsarbeit bei der SPD.

Wenn man sich aber in der SPD umhört, was aus dem General 2018 werden könnte, dann bekommt man immer häufiger zur Antwort: “Digitalminister”. Tatsächlich ist er der führende SPD-Netzexperte und Verfasser des digitalen Grundsatzprogramms seiner Partei. Und er fordert offen die Schaffung eines Digitalministeriums. “Wir haben in den letzten vier Jahren versucht, die Digitalisierung als Querschnittsthema anzugehen, dabei ist es immer wieder hinten runter gefallen”, sagt er in FDP-Tonlage: “Es braucht jetzt jemanden, der das Thema vorantreibt und immer wieder den Finger in die Wunde legt, wenn es nicht vorangeht.” Die Chancen für ihn stehen nicht schlecht – es sei denn, Peter Tauber schnappt ihm den Job noch weg.

Quelle: “n-tv.de”:https://www.n-tv.de/politik/politik_person_der_woche/Klingbeil-viel-General-und-viel-Tauber-article20221545.html

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