Berlin erfindet die „Border Art“

von Wolfram Weimer31.01.2017Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Donald Trump baut die zweitgrößte Mauer der Weltgeschichte und läßt Muslime nurmehr selektiv einreisen. Der Bürgermeister Berlins macht sich daraufhin mit einem Brief an Donald Trump lächerlich. Eine neue Ausstellung in Berlin aber gibt feinsinnige Antworten der Kritik.

Für die meisten Europäer ist der Amtsantritt von Donald Trump in etwa so erfreulich wie Reizhusten. Jeden Morgen wacht man unruhig mit der Frage auf, was das Trumpelstilzchen nun wieder angestellt hat. Zusehends wirkt das hektische Regierung per Schnelldekret wie die Nachwahlkampfzuckung eines ADHS-Präsidenten.

Weltpolitik ist kein Streichelzoo mehr

Man lernt in diesem Winter jedenfalls: Weltpolitik ist kein Streichelzoo mehr. Der sanfte Multikulti-Wohltätigkeitsbazar der Obamas, Ban Ki-Moons und Merkels weicht einem neo-nationalistischen Hardball-Spiel. Die USA formieren sich zur „gated community“.

Wenn also derart Mauern gebaut und bunkernde Weltpolitik gemacht wird, dann kann Berlin nicht schweigen, meint zumindest der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Und so macht er Schlagzeilen mit einem einigermaßen lächerlichen Brief an den amerikanischen Präsidenten. Er will in große Fußstapfen treten uns versinkt darin. „Dear Mr. President, don’t build this wall!“, ruft er pathetisch über den Atlantik, um den Mantel der Geschichte zu erhaschen, den einst Ronald Reagan („Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!“) und Ernst Reuter („Bürger der Welt, schaut auf diese Stadt!“) zum Wallen gebracht haben.

Dass ausgerechnet Müller die Berliner Mauer nun mit dem Mexiko-Wall in Verbindung bringt, ist peinlich. Denn er selbst bildet gerade eine neue (und miserabel gestartete) Regierungskoalition mit der SED-Nachfolge-Partei – just also mit den Mauerbauern und Stasi-Seilschaften. Er verniedlicht mit seinem Brief das grausame Bauwerk von einst und verhöhnt deren Opfer, wenn er billiges politisches Kapital aus einem grotesken Vergleich schlagen will. Die Welt schreibt dazu: „Hat Müller niemanden, der ihn vor solchem Stuss bewahrt?“

Es gibt eben Unterscheide zwischen Schutz und Unterdrückung, zwischen Demokratie und Diktatur, die Müller zu verwischen sucht. Wenn eine DDR-Diktatorentruppe das eigene Volk mit Minenstreifen und Selbstschussanlagen einsperrt, dann ist das eben etwas anderes als wenn eine demokratisch legitimierte Regierung Grenzschutz gegen illegale Einwanderung betreibt. „Gated Community“ ist eben nicht gleich „Gated Community“.

Ausstellung „Gated Communities“

Den Sinn für die feinen Unterschiede der Grenzwahrheit findet hingegen eine zweite Aktion aus Berlin. Die Ausstellung „Gated Communities“ im VKU-Forum an der Invalidenstrasse zeigt Werke der Künstlerin Julia Theek. Sie stellt sich auf tiefgründige Weise der uralten Frage, wen man eigentlich wo hereinläßt. Ihre malerischen Antworten sind raffiniert und vielschichtig. Die Bilder warnen vor allzu schnellen Einsichten und moralischen Besserwissereien. Mauern und Zäune sind ambivalenter als man im ersten Reflex ahnt. Denn es schotten sich nicht nur Reiche gegen Armee ab, auch politisch Korrekte gegen unangenehme Wahrheiten, Besitzstandswahrer gegen Innovatoren, Gewerkschaften gegen Startup-Unternehmen, Apple schottet sich gegen Google ab, China gegen Pressefreiheit, der arabische Raum gegen Menschen- und vor allem Frauenrechte.

Auch Weltbilder werden abgeschottet, linke wie rechte, und man ahnt beim Sichten der Bilder, dass Abschottung auch etwas Positives haben kann. Wenn man sich vor Hass abschottet, vor Gewalt oder Ideologie oder auch nur vor dem Kommunikationswahn der digitalen Moderne, indem man sein Handy abschaltet. Oder vor der Raserei der Moderen, die viele Menschen in Retro-Reflexe flüchten läßt auf der Suche nach verlorenen Heimaten. Merke: Wer nach allen Seiten offen ist, der ist nicht ganz dicht.

Es ist also mit der Abschottung eine verflixt ambivalente Sache. So kann man „gated communities“ auch übersetzen mit “behütete Gemeinschaften“, wie Informatiker es tun, wenn sie die informationelle Selbstbestimmung schützen wollen.

Die Künstlerin Theek spaziert mit ihren Bildern leichtfedernd durch die widersprüchlichen Pfade der Erkenntnis. Und sie findet einen ästhetischen Weg durch den neuen Dschungel der Zäune. Sie klagt an, ohne bevormundend oder pädagogisch zu wirken, sie gibt den Blick frei, wo es einen Horizont der Hoffnung gibt.

Theek ist eine Grenzgängerin aus der Grenzstadt Potsdam, eine Vertreterin der Generation Mauerfall, die Ideen und Formen so herrlich frei miteinander kombiniert wie dies nur von Menschen gewagt wird, die Unfreiheit wirklich kennen. Und sie ist eine Grenzgängerin der malerischen Formen. Ihr von der Street Art beeinflusstes Werk umfasst neben Malerei auch Plastik, Fotografie, Filme und Multimedia. Die Eigenheit der Arbeiten besteht in der Interpretation tradierter Motive, gerne aus dem alten Preußen mit ästhetischen Erfahrungen der Apple-Generation.

Die Bilder der Gated-Ausstellung sind herrlich ambivalent in der Dialektik von Glanz und Rost, Pathos und Flüchtigkeit, Feinem und Grobem, Preußen und PopArt, Statik und Schwebendem. Julia Theek ist eine malende Mauereinreißerin, die das Thema der Grenze zu einer „Border Art“ verfeinert. Sie führt das Motiv des grenzüberfliegenden Vogels subtil in viele Bilder ein, und ihre Vögel schauen verschmitzt.

Das Bild „Wallstreet“ wirkt wie ein künstlerischer Kommentar zur Politik Donald Trumps. Es zeigt die Fassade des New Yorker Börsengebäudes an der Wallstreet – aber so mit einer amerikanischen Patriotismus-Fahne verhangen, dass es gar keinen Eingang mehr gibt. Diese Bilder schmuggeln Wahrheiten und Kritiken über die Grenzen des Klischees. Denn überall wo Grenzen sind, wird geschmuggelt. Theek schmuggelt Weisheit und Wärme über die Zäune – und immer auch ein Schuss Optimismus und Humor. Vielleicht schaut sich der Regierende Berlins die Ausstellung mal an. Dann kann er lernen: Kunst ist die Intelligenz der Unterscheidung. Aber Intelligenz ist eben auch die Kunst der Unterscheidung.

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