Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Kein Gral, nirgends

Die Festspiele in Bayreuth werden von Terrorangst überschattet und zeigen einen religionskritischen „Parsifal“ als Passionsspiel. Der wirkt schaudernd aktuell. Dem Publikum gefällt es, den Medien nicht.

Bayreuth

Uwe Eric Laufenberg ist so etwas wie der Audi unter den Regisseuren. Er ist vielleicht nicht so breitreifen-querfeldein, schlammspritzend wie ein Schlingensief-Jeep, auch nicht so durchgeknallt röhrend wie ein Meese-Maserati oder siebziger-Jahre-linksquietschend wie ein Castorf-2CV – aber bei ihm weiß man, was man hat: Vorsprung durch Technik nämlich.
Laufenberg inszeniert den Parsifal zeitgeist-spurgetreu als religionskritisches Gleichnis. Seine Bühnenblinker warnen vor dem Gewaltpotential der Religionen, sein dramaturgischer Motor knurrt ob der Fesseln des Dogmas. In diesen Terror-Zeiten, da selbst direkt vor dem Festspielhaus in Bayreuth die Polizeisperren aufgezogen werden müssen, ist das eine geschmeidige Anamnese. Laufenberg hatte das Konzept schon vor Jahren für Köln fertig, womit er ziemlich weit vorne war mit dieser Technik, der Religion so lange nachzuspüren, bis man ihr totalitäres Risiko erkennt. Dass das aber in der Wirklichkeit so weit führt, dass der islamische Terrorismus Bayreuth in einen Hochsicherheitstrakt zwingt, hätte man sich kaum ausmalen können. Smokingjacken werden bei Zugang von Polizeihänden abgetastet, Damenhandtaschen geprüft, rote Teppiche eingerollt, Staatsempfänge abgesagt, am Himmel kreisen Hubschrauber überm Hügel. Wer sagt, der Islamismus werde unser freies Leben nicht verändern, der lügt. „Die Welt“ beobachtet deprimiert: „Neben den bunten Fahnen an der Auffahrt wehen kleine schwarze Tücher von den Masten – die Aufführung ist den Opfern des Amoklaufs von München gewidmet. In diesem Jahr sind es keine Fest-, es sind Bayreuther Trauerspiele.“

Laufenbergs Inszenierung ist perfekt passend

Darum ist Laufenbergs Inszenierung perfekt passend, es verweben sich gerade das Draußen und Drinnen des Festspielhauses. Doch Laufenberg verwebt auch Christentum und Islam, Hoffnung und Verzweiflung, Glaube und Nihilismus, Grauen und Größe, Sex und Sakristei. Er macht aus der Kirche eine Moschee, macht mit Riten und Symbolen Vexierspiele der Entlarvung. Alles fühlt sich an wie ein pädagogisches Passionsspiel mit modernen Elementen des Regietheaters. Dieser Laufenbergsche Parsifal taumelt im Nordirak umher, wo ja nicht bloß die Wiege unserer Kultur stand, sondern heute auch die Isis des Teufels Wiederkehr vermuten lässt. Das Christenkloster ist von Granaten getroffen, die Mönche-Gralsritter sind von Krieg und Soldaten umzingelt, hernach ist das gleiche Gebäude Moschee mit Vollverschleierten, die zu Blumenmädchen-Bauchtänzerinnen mutieren. Und die Moral von der Geschicht: Religiöse Extremismen sind austauschbar.

Laufenberg lässt es Kreuze regnen, Flüchtlinge auftreten und das ertrunkene Flüchtlingskind aus der Ägäis legt sich auch noch mahnend auf die Bühne. Seine Audi-Inszenierung scheint dauernd zu brummen: Horch, horch, die Religion, brems, brems! Vielen Kritikern ist das alles zu viel, zu platt, zu gewollt, zu demonstrativ, zu pädagogisch. Der Spiegel kritisiert: „Eine allzu geradlinige Regie, die nicht immer zwischen Ironie und Plattheit zu unterscheiden weiß.“ Der Bayerische Rundfunk mokiert sich: „Das ist gut gemeint, handwerklich schwach umgesetzt, oft langweilig und leider auch nicht frei von Kitsch.“ Die FAZ sieht diesen Parsifal gar „zerquetscht zwischen Pseudoaktualität und handgeschnitzter Oberammergau-Konvention“.

Das Publikum hingegen ist begeistert. Das hat drei Gründe: Erstens – dieser Parsifal ist musikalisch wie theatralisch auf einem solide hohen Niveau, die Zuschauer erleben eine Welt, die aus den Fugen gerät, darum sehnen sie sich nicht mehr nach Bühnen, auf denen die Dinge aus den Fugen geraten. Das Konventionelle ist die neue Avantgarde. Vor allem die musikalische Seite überzeugt. Der hell-kristalline Parsifal-Tenor von Klaus Florian Vogt, die große, warme Kundry-Stimme von Elena Pankratova, der Grandios-Gurnemanz von Georg Zeppenfeld – diese Kunst kommt von schierem Können.

Zweitens haben diesen Parzival zwei Ersatzmänner retten müssen – Hartmut Haenchen sprang für den ohne Begründung abgereisten Andris Nelsons ein, Laufenberg für den Hyper-Exzentriker Jonathan Meese. Beide Einspringer haben ihren Job professionell erledigt. Auch das wird in Zeiten des überreizten Blendwerks dankbar aufgenommen. Ein Hoch aufs Handwerk, auf die Bessermacher anstelle der Besserwisser. Die Magie des überraschend erfolgreichen Ersatzspielers kennt jeder Fußballfan, nun wird sie auch in Bayreuth gefühlt.
Der dritte Grund für den demonstrativen Applaus liegt im gefühlten Niedergang der Festspiele. Das Publikum spürt den lauer werdenden Wagnerwind und will ihn mit Solidarität wieder stark klatschen. Wenn schon keine Politiker mehr kommen konnten, der Glamour nicht mehr inszeniert werden durfte, dann wäre bei einer schlechten Publikumsreaktion die Krise Bayreuths allen offenbar geworden. Da hält die Gemeinde der Wagnerianer dagegen. Also gibt es Applaus wie ein „Wir schaffen das“.

Und doch ist Laufenberg aus anderen Gründen eine Figur mit Zukunft. Ihm geht der Zynismus mancher Kollegen ab, er ist ein Regisseur voller Respekt für das Werk, die Musik, die Darsteller, das Publikum. Am Ende des ironischen Zeitalters ist das eine angenehme Passung einer Kultur, die sich selber nach all den Brechungen und Verneinungen und Experimenten wieder finden muss. Und so ist Meeses Scheitern und Laufenbergs Publikumserfolg wie ein Fingerzeig des Schicksals auf ein Bayreuth, das sich möglicherweise im Konservativerwerden rettet.

Laufenberg verheißt zudem, dass das Technische ein kommendes Instrument der Wagner-Bearbeitungen werden könnte. Seine zwei Video-Einspieler mit Google-Earth-Flügen und Photoshop-Sandgesichtern auf Leinwänden im Vollbühnenformat deuten an, was Bayreuth im 21. Jahrhundert liefern und faszinieren könnte – eine neue optische Welt der Bewegtbild-Digitalität. Sofort fühlen sich die harten Sessel Bayreuths loungig an, schlagartig wird die lange Weile des Narrativ zum Kurztaktangebot für den Kopf.

Bild vom Christentum ist falsch

In einem freilich liegt dieser Parzival völlig falsch – in seinem Bild vom Christentum, seiner Interpretation des Parzival-Epos und der Propaganda für das vermeintlich Natürliche. Die Inszenierung macht aus dem Gralssucher-Helden einen Taumelnden zwischen den Konfessionen, aus den Gralsrittern eine sadistische Mönchssekte, aus Blumenmädchen Sexsklavinnen, aus Klingsor einen Moslem, der heimlich Kruzifixe sammelt und alles zu einem religiösen Fetisch erklärt, aus dem am Ende ein Penis aus dem Kreuz wächst. In dieser Inszenierung ist jede Religion pervers und gewalttätig und deformativ. So kann man es – wenn man den modernen Islamismus überhaupt für Religion und nicht für Ideologie hält – natürlich sehen; aber das spart aus, dass es in Wahrheit eben fundamentale Unterschiede gibt zwischen einer (christlichen) Religion der Liebe und einer (muslimischen) Religion des Schwertes, und dass just diese Unterschiede den immer wieder kehrenden Kulturkampf ausmachen. Vor allem aber hat das alles mit dem eigentlichen Geheimnis von Parsifal nichts zu tun. Auch nicht die vermeintliche Rettung aus dem Religionsfundamentalismus, die im dritten Akt angeboten wird – da wachsen doch tatsächlich Aloe-Vera-Blätter als Erlösung herbei? Bitte!? Nacktes Frauentanz-Ringelpietz im Regen als Sehnsucht einer Zurück-Zur-Natur-Erlösung? So grün, so lächerlich, so weit weg von der Eigentlichkeit dieses Werkes.

Am Ende ist bei Parsifal wie im wahren sterbenden Leben der Fundamentalismus halt doch nur ein politischer Nebenkriegsschauplatz. Die große Frage nach Erlösung, nach dem Gral, nach dem Sinn vom Sein aber ragt monumental hervor, und sie bleibt pure Religion. Diese Frage ist größer als die von Religionskriegen oder Fundamentalismen oder Konfessionen. Merke: So klein ist Gott eben doch nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfram Weimer: Bodo Ramelow und die Deutsche Nationalhymne

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