Kein Gral, nirgends

von Wolfram Weimer30.07.2016Gesellschaft & Kultur

Die Festspiele in Bayreuth werden von Terrorangst ĂŒberschattet und zeigen einen religionskritischen „Parsifal“ als Passionsspiel. Der wirkt schaudernd aktuell. Dem Publikum gefĂ€llt es, den Medien nicht.

Uwe Eric Laufenberg ist so etwas wie der Audi unter den Regisseuren. Er ist vielleicht nicht so breitreifen-querfeldein, schlammspritzend wie ein Schlingensief-Jeep, auch nicht so durchgeknallt röhrend wie ein Meese-Maserati oder siebziger-Jahre-linksquietschend wie ein Castorf-2CV – aber bei ihm weiß man, was man hat: Vorsprung durch Technik nĂ€mlich.
Laufenberg inszeniert den Parsifal zeitgeist-spurgetreu als religionskritisches Gleichnis. Seine BĂŒhnenblinker warnen vor dem Gewaltpotential der Religionen, sein dramaturgischer Motor knurrt ob der Fesseln des Dogmas. In diesen Terror-Zeiten, da selbst direkt vor dem Festspielhaus in Bayreuth die Polizeisperren aufgezogen werden mĂŒssen, ist das eine geschmeidige Anamnese. Laufenberg hatte das Konzept schon vor Jahren fĂŒr Köln fertig, womit er ziemlich weit vorne war mit dieser Technik, der Religion so lange nachzuspĂŒren, bis man ihr totalitĂ€res Risiko erkennt. Dass das aber in der Wirklichkeit so weit fĂŒhrt, dass der islamische Terrorismus Bayreuth in einen Hochsicherheitstrakt zwingt, hĂ€tte man sich kaum ausmalen können. Smokingjacken werden bei Zugang von PolizeihĂ€nden abgetastet, Damenhandtaschen geprĂŒft, rote Teppiche eingerollt, StaatsempfĂ€nge abgesagt, am Himmel kreisen Hubschrauber ĂŒberm HĂŒgel. Wer sagt, der Islamismus werde unser freies Leben nicht verĂ€ndern, der lĂŒgt. „Die Welt“ beobachtet deprimiert: „Neben den bunten Fahnen an der Auffahrt wehen kleine schwarze TĂŒcher von den Masten – die AuffĂŒhrung ist den Opfern des Amoklaufs von MĂŒnchen gewidmet. In diesem Jahr sind es keine Fest-, es sind Bayreuther Trauerspiele.“

Laufenbergs Inszenierung ist perfekt passend

Darum ist Laufenbergs Inszenierung perfekt passend, es verweben sich gerade das Draußen und Drinnen des Festspielhauses. Doch Laufenberg verwebt auch Christentum und Islam, Hoffnung und Verzweiflung, Glaube und Nihilismus, Grauen und GrĂ¶ĂŸe, Sex und Sakristei. Er macht aus der Kirche eine Moschee, macht mit Riten und Symbolen Vexierspiele der Entlarvung. Alles fĂŒhlt sich an wie ein pĂ€dagogisches Passionsspiel mit modernen Elementen des Regietheaters. Dieser Laufenbergsche Parsifal taumelt im Nordirak umher, wo ja nicht bloß die Wiege unserer Kultur stand, sondern heute auch die Isis des Teufels Wiederkehr vermuten lĂ€sst. Das Christenkloster ist von Granaten getroffen, die Mönche-Gralsritter sind von Krieg und Soldaten umzingelt, hernach ist das gleiche GebĂ€ude Moschee mit Vollverschleierten, die zu BlumenmĂ€dchen-BauchtĂ€nzerinnen mutieren. Und die Moral von der Geschicht: Religiöse Extremismen sind austauschbar.

Laufenberg lĂ€sst es Kreuze regnen, FlĂŒchtlinge auftreten und das ertrunkene FlĂŒchtlingskind aus der ÄgĂ€is legt sich auch noch mahnend auf die BĂŒhne. Seine Audi-Inszenierung scheint dauernd zu brummen: Horch, horch, die Religion, brems, brems! Vielen Kritikern ist das alles zu viel, zu platt, zu gewollt, zu demonstrativ, zu pĂ€dagogisch. Der Spiegel kritisiert: „Eine allzu geradlinige Regie, die nicht immer zwischen Ironie und Plattheit zu unterscheiden weiß.“ Der Bayerische Rundfunk mokiert sich: „Das ist gut gemeint, handwerklich schwach umgesetzt, oft langweilig und leider auch nicht frei von Kitsch.“ Die FAZ sieht diesen Parsifal gar „zerquetscht zwischen PseudoaktualitĂ€t und handgeschnitzter Oberammergau-Konvention“.

Das Publikum hingegen ist begeistert. Das hat drei GrĂŒnde: Erstens – dieser Parsifal ist musikalisch wie theatralisch auf einem solide hohen Niveau, die Zuschauer erleben eine Welt, die aus den Fugen gerĂ€t, darum sehnen sie sich nicht mehr nach BĂŒhnen, auf denen die Dinge aus den Fugen geraten. Das Konventionelle ist die neue Avantgarde. Vor allem die musikalische Seite ĂŒberzeugt. Der hell-kristalline Parsifal-Tenor von Klaus Florian Vogt, die große, warme Kundry-Stimme von Elena Pankratova, der Grandios-Gurnemanz von Georg Zeppenfeld – diese Kunst kommt von schierem Können.

Zweitens haben diesen Parzival zwei ErsatzmĂ€nner retten mĂŒssen – Hartmut Haenchen sprang fĂŒr den ohne BegrĂŒndung abgereisten Andris Nelsons ein, Laufenberg fĂŒr den Hyper-Exzentriker Jonathan Meese. Beide Einspringer haben ihren Job professionell erledigt. Auch das wird in Zeiten des ĂŒberreizten Blendwerks dankbar aufgenommen. Ein Hoch aufs Handwerk, auf die Bessermacher anstelle der Besserwisser. Die Magie des ĂŒberraschend erfolgreichen Ersatzspielers kennt jeder Fußballfan, nun wird sie auch in Bayreuth gefĂŒhlt.
Der dritte Grund fĂŒr den demonstrativen Applaus liegt im gefĂŒhlten Niedergang der Festspiele. Das Publikum spĂŒrt den lauer werdenden Wagnerwind und will ihn mit SolidaritĂ€t wieder stark klatschen. Wenn schon keine Politiker mehr kommen konnten, der Glamour nicht mehr inszeniert werden durfte, dann wĂ€re bei einer schlechten Publikumsreaktion die Krise Bayreuths allen offenbar geworden. Da hĂ€lt die Gemeinde der Wagnerianer dagegen. Also gibt es Applaus wie ein „Wir schaffen das“.

Und doch ist Laufenberg aus anderen GrĂŒnden eine Figur mit Zukunft. Ihm geht der Zynismus mancher Kollegen ab, er ist ein Regisseur voller Respekt fĂŒr das Werk, die Musik, die Darsteller, das Publikum. Am Ende des ironischen Zeitalters ist das eine angenehme Passung einer Kultur, die sich selber nach all den Brechungen und Verneinungen und Experimenten wieder finden muss. Und so ist Meeses Scheitern und Laufenbergs Publikumserfolg wie ein Fingerzeig des Schicksals auf ein Bayreuth, das sich möglicherweise im Konservativerwerden rettet.

Laufenberg verheißt zudem, dass das Technische ein kommendes Instrument der Wagner-Bearbeitungen werden könnte. Seine zwei Video-Einspieler mit Google-Earth-FlĂŒgen und Photoshop-Sandgesichtern auf LeinwĂ€nden im VollbĂŒhnenformat deuten an, was Bayreuth im 21. Jahrhundert liefern und faszinieren könnte – eine neue optische Welt der Bewegtbild-DigitalitĂ€t. Sofort fĂŒhlen sich die harten Sessel Bayreuths loungig an, schlagartig wird die lange Weile des Narrativ zum Kurztaktangebot fĂŒr den Kopf.

Bild vom Christentum ist falsch

In einem freilich liegt dieser Parzival völlig falsch – in seinem Bild vom Christentum, seiner Interpretation des Parzival-Epos und der Propaganda fĂŒr das vermeintlich NatĂŒrliche. Die Inszenierung macht aus dem Gralssucher-Helden einen Taumelnden zwischen den Konfessionen, aus den Gralsrittern eine sadistische Mönchssekte, aus BlumenmĂ€dchen Sexsklavinnen, aus Klingsor einen Moslem, der heimlich Kruzifixe sammelt und alles zu einem religiösen Fetisch erklĂ€rt, aus dem am Ende ein Penis aus dem Kreuz wĂ€chst. In dieser Inszenierung ist jede Religion pervers und gewalttĂ€tig und deformativ. So kann man es – wenn man den modernen Islamismus ĂŒberhaupt fĂŒr Religion und nicht fĂŒr Ideologie hĂ€lt – natĂŒrlich sehen; aber das spart aus, dass es in Wahrheit eben fundamentale Unterschiede gibt zwischen einer (christlichen) Religion der Liebe und einer (muslimischen) Religion des Schwertes, und dass just diese Unterschiede den immer wieder kehrenden Kulturkampf ausmachen. Vor allem aber hat das alles mit dem eigentlichen Geheimnis von Parsifal nichts zu tun. Auch nicht die vermeintliche Rettung aus dem Religionsfundamentalismus, die im dritten Akt angeboten wird – da wachsen doch tatsĂ€chlich Aloe-Vera-BlĂ€tter als Erlösung herbei? Bitte!? Nacktes Frauentanz-Ringelpietz im Regen als Sehnsucht einer ZurĂŒck-Zur-Natur-Erlösung? So grĂŒn, so lĂ€cherlich, so weit weg von der Eigentlichkeit dieses Werkes.

Am Ende ist bei Parsifal wie im wahren sterbenden Leben der Fundamentalismus halt doch nur ein politischer Nebenkriegsschauplatz. Die große Frage nach Erlösung, nach dem Gral, nach dem Sinn vom Sein aber ragt monumental hervor, und sie bleibt pure Religion. Diese Frage ist grĂ¶ĂŸer als die von Religionskriegen oder Fundamentalismen oder Konfessionen. Merke: So klein ist Gott eben doch nicht.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Ursula von der Leyen ist eine ĂŒberzeugte EuropĂ€erin

„Der Prozess war schwierig, hat Wunden geschlagen und bedeutet einen RĂŒckschritt gegenĂŒber dem 2014 Erreichten. Das Geschehene muss aufgearbeitet werden, damit die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger 2024 unter deutlich besseren Voraussetzungen zur Europawahl gehen können. Heute gilt aber: Die ĂŒberpartei

Wie ein PrÀsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und auslĂ€ndischen Freunde der Ukraine ist entsetzt ĂŒber den Ausgang der ukrainischen PrĂ€sidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und GeschĂ€ftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflĂŒchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in BrĂŒssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erlĂ€utert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und ParlamentsprĂ€sident, sowie den Hohen Vertreter der EU fĂŒr Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grĂŒnen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der ĂŒber dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu