Englands Angela Merkel

von Wolfram Weimer11.07.2016Europa

Großbritannien sucht einen neuen Premier. Die Innenministerin hat sich als alleinige Kandidatin der Tories durchgesetzt. Mit ihr bekommt London ein Duplikat der deutschen Bundeskanzlerin. Ist das gut oder schlecht?

Immer wenn England in schwerer Not taumelt, dann kommt eine Frau von historischem Format daher und richtet das Königreich wieder auf. Nach den Revolutionswirren befriedete Maria II. das geschundene Land, nach den Frankreich- und Glaubenskriegen führte Elizabeth I. eine stolze Seefahrernation hinaus zu Ruhm und Kolonien, aus den Kämpfen der industriellen Revolution formte Königin Victoria eine Weltmacht, und nach der Depression der siebziger Jahre überwand Großbritannien unter Premierministerin Margaret Thatcher den Niedergangskomplex. Jetzt könnte es in London wieder so weit sein. Der Brexit lässt das Königreich taumeln, Schottland steuert auf ein zweites Unabhängigkeits-Referendum zu und die Financial Times diagnostiziert “die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg”. Es wird also mehr als ein Premier gesucht, eher ein Retter, der das Land zwar aus der EU, aber nicht hinein in Spaltung und Isolation führt.

May und Merkel?

Die Chancen stehen gut, dass es wieder eine Frau richten und erstmals seit Margaret Thatcher ein weiblicher Premier in Downing Street 10 einziehen könnte. Als Favoritin gilt Innenministerin Theresa May (59). Sie ist so etwas wie die Angela Merkel Englands. Eine Pfarrerstochter, die spröde und nüchtern agiert, doch immer genau weiß, wo sie hin will. Wie Merkel war auch May in der Krisenzeit ihrer Partei Generalsekretärin, wie Merkel verteilte auch May politische Wundsalbe, wie Merkel setzte sich auch May gegen allerlei Macho-Männer mit kühler Zielstrebigkeit durch.

May ist fleißig wie ihr deutsches Vorbild und bringt eine langjährige Kabinettserfahrung mit, ja sie hält einen Rekord: Kein anderer Innenminister einer britischen Regierung der letzten hundert Jahre war so lange im Amt wie sie. „Sie hat das Durchhaltevermögen einer Deutschen“, sagen sie in London bereits.
Und wie weiland Angela Merkel nach dem Kohlsturz und den CDU-Spendenaffären ihre Partei wieder aufrichtete und versöhnte, so könnte auch Theresa May zur großen Versöhnerin der tief gespaltenen Tories werden. Denn zwischen dem Brexit- und dem Remain-Lager klaffen tiefe Gräben. May aber wählte schon während der Referendumskampagne – als hätte sie von Merkel auch den Politikstil des moderierenden Abwartens abgeschaut – eine Mittlerposition. Sie votierte zwar leise für einen Verbleib in der EU, aber in der entscheidenden Migrationsfrage blieb sie eine kämpferische Hardlinerin.

May will mit Brüssel ein für beide Seiten günstiges Handelsabkommen verhandeln, und in Sicherheitsfragen eng mit Europa zusammenarbeiten, um Terrorismus, Islamismus und wilde Immigration zu bekämpfen. Mehr aber nicht. Allen Spekulationen auf ein zweites Referendum erteilt sie eine klare Absage. Allerdings will sie auf Zeit spielen, um Londons Verhandlungsposition zu stärken. Bevor ihr Land einen Austrittsantrag stelle, müsse die Verhandlungsposition klar sein. Sie würde Artikel 50 in diesem Jahr nicht mehr auslösen.
Diese taktische Marschroute scheint in der Fraktion derzeit mehrheitsfähig. Viele konservative Abgeordnete trauen ihr eine besonnene, geschickte Verhandlungsführung zu. „Vor allem würde sie sich mit Merkel gut verstehen“, heißt es in London.

Tatsächlich sind die Parallelen zur deutschen Kanzlerin verblüffend. Beide haben weder Jura noch Politikwissenschaften studiert, sondern etwas Politikfernes, Merkel Physik, May Geografie. Beide sind kinderlos. Mit ihrem Mann habe sie sich Kinder gewünscht, berichtete die 59-Jährige, als Einzelkind aufgewachsene Frau der “Mail on Sunday”: “Aber es kam nicht dazu. Und ich gehöre zu den Leuten, die sich nicht mit Selbstmitleid aufhalten.” Das gilt auch für Merkel.

May gilt (ebenfalls wie Merkel) als sachlich stets gut vorbereitet, kompetent, aber (hallo Berlin) so kühl, dass ein Smalltalk mit ihr gar nicht möglich sei, beklagte sich seinerzeit der Vizepremier Nick Clegg von den Liberaldemokraten beim Premierminister. “Mach dir nichts draus, Nick”, soll Cameron geantwortet haben: “Mir geht es ganz genauso.” Sie trage nun mal das Herz nicht auf der Zunge, verteidigt sich May dazu und macht aus der Not eine Tugend: “Ich bin Tochter eines Landpfarrers und Enkelin eines Oberstabsfeldwebels. Der Dienst am Gemeinwesen hat mich definiert, solange ich denken kann.” Sie will Großbritannien also „dienen“, womit sie glatt Merkels erste Regierungserklärung abgekupfert haben könnte.

Doch in zwei Details ist May dann doch ganz anders als Merkel. Zum einen liebt die Innenministerin mutige Auftritte in ungewöhnlichen Kleidern. Nach Parteitagen zeigen Zeitungen gerne Fotostrecken ihrer extravaganten Schuhe. Zum anderen sagt May alle paar Monate verblüffend Indiskretes, was man von Merkel nie hören würde. So spricht sie zuweilen über ihre Gewichts-Schwankungen und die Tatsache, dass sie bei ihr sei Typ 1 Diabetes festgestellt worden sei. Und um das Dilemma moderner Karrierefrauen zu beschreiben, greift sie schon mal tief hinein ins schlüpfrige Sprüche-Inventar. „Früher täuschten die Frauen Orgasmen vor, konnten aber Minzplätzchen backen. Heute haben wir Orgasmen – aber wir täuschen das Minzplätzchenbacken vor.“ So etwas wäre Angela Merkel nie über die Lippen gekommen. Und Margaret Thatcher hätte nie im Leben ein Minzplätzchen gefaked.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf n-tv.de

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