Wenn ich mich in eine Idee verliebe, ist der Tag perfekt. David Lynch

Vom Bösewicht zum Alliierten

Der russische Präsident war vor Jahresfrist der kalte Feind des Westens. Doch in Syrien- und Migrationskrise wird er plötzlich zum Verbündeten. Er bietet das, was die USA vermissen lassen – weltpolitische Gestaltungsmacht.

Wladimir Putin galt vor wenigen Monaten als die lebende Tellermine der Weltpolitik. Ein Hochsicherheitsrisiko nicht nur für die Ukraine. Seine neo-zaristische Politik, das moderne Russland als imperiale Despotie in die Offensive zu schicken, machte allen Nachbarn, zusehends aber auch dem Westen Angst. Die Mischung aus KGB-Methoden, Hinterhof-Kerletum, Gas-Milliarden und Neo-Nationalismus ließ den Putinismus bei Europäern so beliebt werden wie Militärstiefel beim Kirchentag.

Vor allem die Invasion russischer Truppen in der Ukraine, die offene Annexion der Krim und die Einschüchterung kleinerer Nachbarn von Georgien über Moldawien bis ins Baltikum ließ Sorgen vor einer Rückkehr der sowjetischen Säbbelrassler groß werden. Putin tat obendrein innenpolitisch einiges, um das Image des grimmigen Bären mit blutigen Tatzen bedrohlich werden zu lassen.

Putin wird wieder hofiert

Doch nun ist plötzlich vieles anders. Aus dem Trutz-Bären wird erstaunlich rasch ein Schutz-Bär. Putin ist in der Syrienkrise auf einmal ein strategischer Partner. Europa und die USA wissen inzwischen, dass man Russland braucht, um den Syrien-Konflikt zu beenden – und langfristig auch, um den globalen Islamismus einzuhegen. Darum wird Putin auf einmal wieder hofiert. Auf dem Klimagipfel in Paris spricht man weniger über Klima als über den Krieg gegen den IS-Terror. Die Massenmigration nach Mitteleuropa hat den Handlungsdruck dramatisch erhöht. Und so wird der Gegner von gestern ein Gesprächspartner von heute und ein Alliierter von morgen.

Putin, der noch im Sommer beim G7-Gipfel ausgeladen war, genießt die neue Rolle und posiert in Paris nicht nur als Friedensstratege für den Nahen Osten. Er wirft sich gar ein grünes Mäntelchen um und feiert sich als Klimaretter. Durch die Erderwärmung drohten weltweit nicht nur “hohe wirtschaftliche Schäden”, sondern auch ein Verlust an Lebensqualität. Russland habe deshalb bereits “aktive Maßnahmen” ergriffen. “Unser Land gehört zu den en ersten Ländern, die den Energieverbrauch reduziert haben”, schnurrt der Kremlchef im Gestus des Öko-Onkels.

Das Comeback auf der Weltbühne hat er freilich auch der Schwäche Amerikas zu verdanken. Denn Obamas schwankende Nahost-Politik und sein Zaudern beim Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges – das selbst seine Parteifreundin Hillary Clinton für einen schweren strategischen Fehler hält – haben Russland und anderen Regionalachten erst die Räume der Präsenz geschaffen. Just in dem Maße wie Obama weltpolitische und militärische Gestaltungsmacht schleifen ließ, packte Putin zu. Und – der russische Präsident hat, anders als die Amerikaner, im Syrienkonflikt eine klare strategische Linie verfolgt. Die Allianz mit Assad ist zwar moralisch fragwürdig, aber realpolitisch ist sie womöglich das kleinere Übel in einer teuflisch verbissenen Region.

Die USA haben bis heute auf Saudi-Arabien als Stabilisierungsmacht und Verbündeten gesetzt. Nun zeigt sich aber, dass Saudi-Arabien selber als Kriegstreiber und IS-Unterstützer ein doppeltes Spiel spielt. Und moralisch ist die grausame Despotie Riads keinen Deut besser als Assad – Saudi-Arabien ist so etwas wie ein XXL-IS-Staat in Existenz, bei dem geköpfte Menschen und radikaler Islamismus zum Alltag gehören wie die Abwesenheit vieler Menschenrechte.

Die USA haben sich verzockt

Alle beteiligten Regionalmächte – von der Türkei über Saudi-Arabien bis Iran – betrachten Syrien und Irak als ihr Schlachtfeld um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Terrorismus ist ihnen bloß eine jeweils genehme Waffe. Es wird also eine geostrategische Lösung für die Region brauchen, um den Konflikt zu befrieden. Womöglich wird man Syrien und Irak teilen und neue, stabilere Grenzen ziehen müssen. Um also Frieden zu erzwingen und die Massenflucht der Menschen zu beenden, wird man Partner brauchen, die bereit und fähig sind, in großen Linien zu handeln und militärisch einzugreifen. Russland bietet sich als eine solche Ordnungsmacht an, und also wird Russland gebraucht.

Diese Entwicklung bietet zugleich die Gelegenheit, die Beziehungen mit Moskau wieder auf eine bessere Gesamtgrundlage zu stellen. Zwar wird Putin in seinem Leben kein lupenreiner Demokrat mehr, aber er könnte doch ein berechenbarer Zweckpartner werden. In der Ukrainefrage zeigt sich bereits eine neue Milde und Kooperationsbereitschaft Putins. Er sucht einen Weg zurück zur Normalität mit dem Westen – vor allem wirtschaftlichen Normalität. Und auch strategisch wird der Westen Russland noch brauchen, um die blutigen Offensiven der globalen Islamisten zu bändigen. Die Wandlung vom Bösewichten zum Alliierten hat etwas Peinliches, und doch bietet sie Chancen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ntv.de.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfram Weimer: Bodo Ramelow und die Deutsche Nationalhymne

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