Disney musste sich bewegen

von Wolfram Knorr29.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Das Maus-Imperium kauft Marvels Superhelden. Grotesk oder raffiniert? Die Antwort ist zwingend: Disney musste sich bewegen, um nicht in der Sackgasse der Putzigkeit zu verharren.

Die Maus, die zum nationalen Symbol der USA wurde, kam “aus dem mächtigsten Imperium auf Erden, dem Geisterreich”, schrieb Ästhetikprofessor Bazon Brock. Die Empfehlung, dem Glück nachzustreben (“The Pursuit of Happiness”), atmet diesen Geist, auch wenn das Geisterreich erst von jenem Träumer geschaffen wurde, der es mit seiner Maus in die Realität überführte: Walt Disney. In seinem gewaltigen Imperium sollte man das Glück finden, nach dem jeder strebt. So wurde Disney mit der Maus als Galionsfigur zum wichtigsten nationalen Symbol, neben Cola und Jeans. Subversive Geister reizte es, diese Hochburg des Mittelstands in Bedrängnis zu bringen. Sie machten der putzigen Anthropomorphen-Schar aus Mäusen, Hunden, Enten, Gänsen, Wölfen und Schweinen mit martialischen Superkerlen Konkurrenz. Disney reagierte auf den immer aggressiveren Wettbewerb mit der Erweiterung seines Optimismus-Reichs mit Freizeitparks wie Disneyland und Disneyworld.

Die Konkurrenz antwortete mit immer gigantischeren Superhelden

Das Cleverle in diesem Revier war Stan Lee, der mit seinen Marvel-Comics ins Filmgewerbe einstieg und mit seinen “Erwachsenen-Superhelden-Filmen” wie “Spider-Man” oder “X-Men” tatsächlich das Maus-Imperium bedrohte. Vor allem weil Stan Lee auf die Idee kam, seine Heroen auf der Freud’schen Neurosen-Wildbahn auszusetzen. Die Muskelmänner litten auf einmal an ihrer Vergangenheit, wurden therapiereif und damit – zeitgemäß – richtig erwachsen. Die Disney-Galaxie beharrte auf ihrer Familientauglichkeit und setzte auf Teeniekomödien wie “Highschool Musical” und “Hannah Montana”. Die sind auch erfolgreich – aber mehrheitlich bei Mädchen! Was war mit den Jungs? Die goutierten lieber “Hulk” und Co.

Disney musste sich bewegen

Der rückläufige Merchandisingsektor beunruhigte Disney. Marvels schärfster Konkurrent, DC Comics (DC = Detective Comics), war als Tochterfirma von Warner Bros. ebenfalls ins Filmgeschäft eingestiegen. Als auch noch der Spielwarenriese Hasbro in Hollywood tätig wurde (“G.I. Joe”), musste Disney sich bewegen, um nicht in der Sackgasse der Putzigkeiten hängen zu bleiben. Im besonders lukrativen Game-Bereich war die Maus ohnehin alles andere als attraktiv. Da bot sich Marvel mit seinem enormen Superheldenschatz als “Rettung” an. Nach Bekanntgabe des Deals in Höhe von vier Milliarden Dollar reagierten die Händler an der Börse zunächst ähnlich negativ wie mancher Disney-Fan: Die Aktie fiel. Nicht lange, denn gerade in einer Rezession ist der Entertainmentmarkt besonders begehrt. Um den Sorgen zu entfliehen, flüchtet man gerne in die Welt der Fantasie. Andererseits ist der Comic-Markt hochgradig empfindlich. Gerade die Superhelden können ein Lied davon singen. Ihre Hoch-Zeit hatten sie während des Zweiten Weltkriegs. In den 50er-Jahren brach der Markt ein und reüssierte nurmehr bei den Hardcore-Fans. Erst in den späten 60ern, mit dem Aufstieg der Comics zur “Graphic Art”, erlebten die Superhelden durch ästhetisches Lifting eine Renaissance, die sie schließlich mit großem Budget auf die Leinwand spülte. Ob sich der Trend halten kann mit immer neuen Sequels und Prequels, wird allein an der Kinokasse entschieden. Doch das Filmgeschäft ist nur die eine Seite; der Disney-Konzern wird seine neuen Helden vor allem für das boomende Video- und Computerspiel-Geschäft nutzen und seine Freizeitparks mit “Spider-Man” wieder attraktiver machen.

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