In zehn Jahren werden die 67-Jährigen die 92-Jährigen pflegen. Kurt Biedenkopf

Der Verbrecher-Gott

Wer in der vergangenen Woche aus der Fremde dem politischen Treiben in der deutschen Heimat zusah, den musste tiefe Abscheu und Besorgnis erfassen. Aus kaltem Machtwillen entsagte Kanzlerin Merkel letzten Prinzipien innerer Führung. In Gestalt ihres unseligen Ministers zu Guttenberg verhöhnte sie die Leitwerte von Wissenschaft und Bildung – und damit das Fundament ihrer eigenen Republik. Warum es bei der Causa Guttenberg um mehr geht als den Aufbruch zur Schlingelrepublik.

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Liegen die Tatsachen offen, verbleibt die Herausforderung des Verstehens. Weshalb ist der überführte Minister weiter im Amt? Vor allem aber: Warum in dieser Form, das heißt, unter offenbar ausdrücklicher Billigung des Wahlvolkes? Ein Gutteil des Landes bejubelt den Plagiator und Wortbrecher, steht fest zu ihm, attestiert ihm hervorragende Leistung und Eignung. Diese zunächst paradox anmutende Dynamik ist es, die den Fall zu Guttenberg in relevanter Weise mit der offen zur Schau gestellten Kriminalität eines Silvio Berlusconi oder auch Wladimir Putin verbindet. Denn dieser Typus des selbst ernannten Ehrenmanns wird vom Volk nicht etwa trotz, sondern gerade wegen seiner offenbaren und von niemandem bezweifelten Ruchlosigkeit bejubelt!

Sündenbock und Schadenfreude

Es würde die Lage kulturell sehr vereinfachen, ließe sich das Phänomen auf eine simple Sündenbock-Dynamik zurückführen. Ein guter Teil der Kommentatoren fand sich in dem Gedanken befriedigt, dass ein anderer Mensch für eine Tat gezüchtigt wird, die man in digitalen Zeiten selbst einmal begangen hat – oder zumindest gerne begangen hätte. Solches Empfinden ist im besten Sinne christlich-sozial. Gerade die christliche Kultur beruht auf der Idee des Opfers. Dass eine heilige Gestalt hinabsteigt und sich – für uns – der öffentlichen Demütigung preisgibt, ist das zentrale narrative Element der Jesus-Erzählung. Und zu Guttenberg wäre der nicht hoffnungslose Narzisst, der er ist, hätte er im Bundestag auf die Gelegenheit verzichtet, in höchster rhetorischer Not ausdrücklich auf die gesellschaftlich heilsamen und gar pädagogisch wegweisenden Aspekte seines (natürlich!) freiwilligen Wiederabstiegs in die Sphären des Menschlichen hinzuweisen. Seht her, selbst ich vermag die „Quadratur des Kreises“ nicht! Bewundert mich, denn, ja, auch ich habe Fehler begangen! Es war am Bildschirm weiß Gott kaum zu ertragen.

Freilich, gerade bei seinen treuesten Anhängern kam diese Volte besonders schlecht an. Denn reinigende Buße ist die Sache des gemeinen Guttenberg-Fans keineswegs. Nichts könnte dem Führerkult um „KT“ ferner sein als die Bitte um ehrliche Vergebung. Vielmehr begehren die Vasallen des Gutsherrn – lautstark klatschend und zu den Klängen des Rocksongs „Hells Bells“ – mit allem Nachdruck, dass ihr Idol nicht zur Verantwortung gezogen wird, dass er sich nicht nach geltenden Normen und Maßstäben richten muss! Gerade diese Aussicht begeistert sie und führt zu unbedingter Stimmbereitschaft.

Die Geschichte des Mayor Walker

Nur wenige deutsche Beobachter werden sich in den letzten Tagen mit dem Fall des Mayor Walker beschäftigt haben. Es handelt sich um einen New Yorker Bürgermeister, der für übelste Veruntreuung öffentlicher Gelder vor Gericht stand. Anstatt ihn aber an den Pranger zu stellen, ihn mit einer erniedrigenden Maske durch das Dorf zu jagen oder ihm – selbstverständlich symbolisch – einfach Nase und Ohren abzuschneiden, streuten ihm seine Wähler beim Weg aus dem Gerichtssaal unter größtem Jubel Blumen auf den Weg. Der Mob erklärte in zynischem Gleichmut, man hätte auch gern diese Chance gehabt, „mit genauso viel Dreck am Stecken durchzukommen“.

Das ist der charakteristische Unterschied unseres Zeitalters: Der Verbrecher-Gott putscht die Boshaftigkeit der Massen nur noch auf, aber er büßt nicht mehr für sie. Wir haben das Verfahren unserer Vorfahren ins Gegenteil verkehrt. Sie verspotteten den Verbrecher und töteten ihn dann. Wir ehren ihn ernsthaft – und lassen ihn leben. Gar über Leben und Tod unserer Soldaten entscheiden.

Die beiden unmittelbar vorangegangenen Abschnitte dieses Textes sind – bei geringfügigen Anpassungen – übrigens einem Artikel entnommen, den der deutsche Kulturwissenschaftler und Philosoph Edgar Wind unter dem Titel „The Criminal God“ aus dem amerikanischen Exil im Journal of the Warburg Insitute (Vol 1, No.3) veröffentlichte. In Deutschland schrieb man damals das Jahr 1938. Dark times.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Kayser, Kai Wegrich, Ernst Elitz.

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