Man sollte jungen Mädchen alle Optionen zeigen – auch halbnackt auf einer Abrissbirne zu schwingen. Amanda Palmer

Die Party ist vorbei

Astronomische Haushaltsdefizite, Verstaatlichung des Finanzsektors und Stimuluspakete, natürlich hatte die Entstehung einer wutgeladenen Graswurzelopposition am rechten Rand eine Chance: Um ein präzises Bild der Dynamik zu gewinnen, müssen die kulturellen Hintergründe des neuen konservativen Widerstands berücksichtigt werden. Sie bestehen maßgeblich in der fortgeschrittenen Aushöhlung des Mythos vom amerikanischen Exzeptionalismus durch die real existierende Globalisierung.

usa amerikanischer-exzeptionalismus tea-party mythos

Mythos, das heißt hier: identitätssichernde Erzählung. Der Kern des amerikanischen Exzeptionalismus liegt in der Überzeugung, die Vereinigten Staaten nähmen als Nation eine heilsgeschichtliche Sonderrolle ein. Ihr unaufhaltsamer Aufstieg sei unleugbares Indiz einer gottgewollten Bevorzugung, aus der sich wiederum eine besondere weltgeschichtliche Verantwortung ableite.

Dieser Mythos ist in seinem Fundament bedroht. Die akuten innenpolitischen Krisenherde – von Wirtschaft über Erziehung bis zu Infrastruktur, Immobilien, Arbeitslosigkeit und Altersarmut – sind einfach zu nachhaltig und offensichtlich. Der Tatsachendruck damit zu groß. Amerika ist von konkreten Statusängsten geplagt.

Abschied vom Mythos des Exzeptionalismus

In diesen breiteren Kontext gestellt, ist die Tea-Party-Bewegung der politisch explosivste Ausdruck der angstbesetzten Unwilligkeit, Abschied vom Mythos des Exzeptionalismus zu nehmen. Getragen von einem drängenden Verlusts- bzw. Verratsempfinden, artikuliert sich die Bewegung deshalb in einer konsequenten Rückeroberungsrhetorik: "Reclaim America!“, rufen ihre Anhänger aus und marschieren unter dem Motto "Taking Our Country Back!“ bis nach Washington. Der explizite unterstellte Landesverrat wird dabei elitenfeindlich gedacht (Wall Street, Washington), die eigenen Verlustängste aber mit der Fiktion eines vergangenen goldenen Zeitalters beruhigt. Erklärtes Ziel der Bewegung ist nicht etwa die Wiederherstellung eines konkreten Gesellschaftszustands historischer Vergangenheit, sondern das trotzige Einfordern eines mythischen Sollzustands, dessen dokumentierter Bezugspunkt die amerikanische Verfassung bildet. Natürlich darf dabei nur der mutmaßlich eindeutige Wortlaut des heiligen Dokuments Verbindlichkeit beanspruchen. Interpretation ist Verrat.

Der politische Gegner wird rhetorisch zum Feind, deliberative Verfahren zu faulen Kompromissen, das schlichte Einnehmen eines anderen Standpunkts zum Symptom geistiger Verwirrung, Widerstand mit Waffengewalt eine offen erwogene Option. Das ist politischer Fundamentalismus par excellence.

Die Leute bei Laune halten

Die Republikanische Partei muss die außerordentlich motivierte Basis dieser von Angst und Verdrängung getriebenen Bewegung auf absehbare Zukunft hofieren und gezielt bei Laune halten. In dieser Erkenntnis bestand das entscheidende Ergebnis der Zwischenwahl von 2010. Sie bildet auch den medialen Hintergrund, vor dem das Attentat von Tucson, Arizona, als politischer Akt wahrgenommen werden musste. Zwar führt keine schlüssige Kausalkette von der rigoristischen, oftmals offen hasserfüllten Rhetorik der Tea-Party-Führer zum Handeln des jungen Täters. Doch liegt der Schock für alle Beteiligten darin begründet, dass es im Herzen niemanden überrascht hätte, wenn es genau so gewesen wäre. Ein Irrer exekutierte aus ganz eigenen Gründen eine Vision, auf deren Realisierung führende Tea-Party-Köpfe über Monate ruchlos angespielt hatten.

Zudem gilt: Auch Geisteskranke erhalten ihre Impulse letztlich von außen. Auch sie denken in den Zeichen und Worten, die wir alle verwenden und zirkulieren lassen. Der Begriff, der die Bewegung der Tea Party im Innersten ihrer Wut zusammenhält, lautet "American Exceptionalism“. Was dieser Begriff in Zeiten der Globalisierung mit wahrem amerikanischem Patriotismus zu tun haben könnte, bleibt dabei eine schrecklich offene Frage.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Noonan, Frank Bergmann, Fabian Lieschke.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Usa, Amerikanischer-exzeptionalismus, Tea-party

Debatte

Mehr Demokratie durch Vorwahlen

Medium_2ee83eadd8

Vorbild USA

Wissenschaftler beobachten eine wachsende Entfremdung zwischen Politikern und Wählern. Wieso Vorwahlen für Kandidaten à la USA diesem Problem Rechnung tragen könnten, erklärt Thomas Dörflinger. weiterlesen

Medium_4c8c242f39
von Thomas Dörflinger
20.09.2018

Debatte

In Europa verschärft sich die Finanzkrise

Medium_62e4d18881

Zehn Jahre nach der Lehman-Brothers-Pleite naht der nächste Crash

"Seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor genau zehn Jahren, die eine globale Finanz- und Bankenkrise auslöste, haben wir nicht Wasser ab-, sondern zusätzliches hineingepumpt. Betr... weiterlesen

Medium_e7b82badf9
von Mario Ohoven
13.09.2018

Debatte

Wie wettbewerbsfähig ist das Land der Mitte?

Medium_22f81aa28d

Wann wird China endgültig zur Weltmacht?

Wie sieht es wirklich mit der Wettbewerbsfähigkeit aus? Wann wird die USA als No. 1 der Weltordnung abgelöst, fragt Beatrice Bischof? weiterlesen

Medium_ad7ea38ca5
von Beatrice Bischof
02.09.2018
meistgelesen / meistkommentiert