Der Witz an der Schule

von Wolfram Eilenberger14.09.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Cedarvale-Grundschule in Toronto, Kanada, verbietet ihren Schülern Witze. Genau, Witze. Die Oberen der wohl multiethnischsten Stadt der Welt wollen so Ausgrenzung vermeiden. Ein Lösungsansatz für die nach dem Sarrazin-Skandal anlaufende Integrationsdebatte in Deutschland? Wohl kaum!

Meinungsfreiheit beginnt in der Schule. Sollte man meinen. Genauso wie die Vermittlung demokratischer Grundwerte. Was soll man also von Verordnungen wie dieser halten? “_Folgende Aktivitäten sind strikt untersagt und unmittelbar der Schulleitung zu melden: gezielte Ausgrenzung, Drangsalierung, Verweigerung der Zusammenarbeit mit anderen, Schimpfworte, Belästigungen, Beleidigungen, Graffiti und Witze._” So steht es geschrieben an der Eingangstür der Cedarvale-Grundschule in Toronto, Kanada.

Das totale Witzverbot

Ja, Sie haben richtig gelesen: Witze sind an der Schule meiner Kinder offiziell verboten, und zwar, gemäß Amtsvorgabe, Witze jeglicher Art und Sorte! Schon klar, als multiethnischste Stadt des Planeten hat die Stadt Toronto besonders darauf zu achten, dass ihre Schulkinder nicht wegen ethnischer oder kultureller Hintergründe ausgegrenzt, gehänselt oder gar nachhaltig traumatisiert werden. Aber mit dem totalen Witzverbot scheinen die kanadischen Offiziellen dann doch über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Tatsächlich erinnert das angeschlagene Warnplakat in seinem strikten Befehlscharakter an die wohl bekannteste Erziehungsanstalt des modernen Abendlandes, also die Abtei Thelema, wie sie François Rabelais einst in seinem Roman “Gargantua und Pantagruel” entwarf. Über der Eingangspforte dieser Lehranstalt stand nämlich Folgendes zu lesen: _Heuchler und Frömmler, Gog und Magog, lumpige Bettler, Säufer am Trog, Schelme und Schurken, Kutten und Zänker, Streithammel, Ochsen und muffige Stänker, ihr Mistgesindel, schert euch fort, und sucht euch einen andern Ort!_ Inhaltlich klingt das durchaus ähnlich. Aber der Ton ist dann doch ein grundlegend anderer. Denn als wahrer Renaissancemensch wollte der wortgewaltige Rabelais noch voll und ganz auf die öffnende und demokratisierende Kraft des Humors und Lachens vertrauen. Sein Werk strotzt deshalb nur so von tabubrechenden Unflätigkeiten, Beleidigungen und – Witzen! Starrer, witzfreier Gehorsam galt ihm als genaues Gegenteil eigenständigen Denkens. Ganz besonders verhasst war Rabelais, als einstigem Mönch, dabei der pathetische, unausgelastete und damit immer auch verlogene Ernst der mittelalterlichen Mönchsschulen. Nimmt man die städtischen Warnplakate an Torontos Schulen beim Wort, scheint jedoch exakt die triste Endstufe witzfreier Bedingtheit als ideales Lernklima für den real existierenden Multikulturalismus angestrebt zu werden.

Mistgesindel, schert euch fort und sucht euch einen anderen Ort!

Wie kommt es dazu? Was für ein Humorsinn leitet derart politisch korrekten Pädagogismus? Und was für ein Demokratieverständnis? Geht denn wirklich jeder Witz zu Lasten eines anderen? Fängt der Spaß, mit anderen Worten, immer erst da an, wo er für andere aufhört? Und selbst wenn es so wäre: Stellt die Fähigkeit, diese Spannungen und auch Kränkungen zu ertragen, ihnen aktiv und einfallsreich zu begegnen, nicht einen absolut entscheidenden Lernfortschritt in der Entwicklung zukünftig mündiger Bürger dar? Fragen, die auf den Schulhöfen unserer Grundschulen beginnen und für manch allzu freien Geist bis heute mit einem Schlachtermesser am Hals enden. Bei genauerer Betrachtung stellt die erlernte Fähigkeit, einen Witz, selbst einen hundsgemeinen, einzustecken – to take a joke, wie es im Englischen so schön heißt –, nichts Geringeres als die eigentliche Grundlage einer freien Gesellschaft dar. Weshalb wir auch in Zukunft all denjenigen, die in unseren öffentlichen Schulen, wo immer es auch sei, das totale Witzverbot predigen, mit der heiteren Stimme des Rabelais zurufen wollen: Mistgesindel, schert euch fort und sucht euch einen anderen Ort!

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