Vom Glück der Hunde

von Wolfram Eilenberger11.02.2010Gesellschaft & Kultur

Das Tier spielt in der philosophischen Betrachtung des Glücks eine zentrale Rolle. Erasmus, Nietzsche, Dostojewski und Co. beschäftigte der Gedanke. Liegt also im “Zurück zur natürlichen Selbstvergessenheit des Tieres” die Zufriedenheit? Aber ja!

Der unglückliche Mensch – und nur ihn quält ja die Frage nach dem Glück – wendet sich gedanklich gern dem Tiere zu. Ach, wie beschwerlich meine Existenz doch ist, klagt er, und wünscht schon bald frei wie ein Vogel zu sein (Erasmus), genügsam wie eine Kuh (Nietzsche), in düstersten Momenten gar gleichgültig wie ein Insekt (Dostojewski). Hunde werden in diesem Zusammenhang nur selten genannt. Denn viel eher als beste Freunde sind Hunde ja zunächst unsere Untertanen – zum Gehorchen und Dienen gezogen, was, ein jeder weiß es im Inneren, Wesen wie uns nicht wahrhaft glücklich machen kann.

Es fällt schwer, sich einen Zyniker als wahrhaft glücklichen Menschen vorzustellen

Gewiss, vergessen wir nicht die ehrwürdige Philosophentradition der nach den Hunden benannten griechischen Kyniker, die den Glücksakzent einst auf die selbst gewählte Bedürfnislosigkeit des freien Streuners legten. Aber wie der heutige Wortgebrauch schon anzeigt, fällt es schwer, sich einen Zyniker als wahrhaft glücklichen Menschen vorzustellen. Viel eher erkennt ihn unsere Zeit als hoffnungslos deklassiertes Subjekt, das sich zum Preise der Weltverfluchung mit der ausweglosen Misslichkeit seiner Situation abgefunden hat – also als paradigmatische Verkörperung des Unglücks. Dem Impuls, sich das Tier zum Vorbild einer glückserfüllten Existenz zu nehmen, folgt auch der große amerikanische Philosoph John Dewey, wenn er schreibt: “Das Verhalten von Fuchs, Hund und Drossel mag uns an jene ganzheitliche Erfahrung erinnern, die wir zerbrechen, wenn unser Tun zur mühevollen Arbeit wird, und wenn uns das Denken von der Welt hinwegführt.” Unglück ist nach dieser Beschreibung ein durch Reflexion erzeugter Abstand zur Welt, in der wir leben. Sagen wir, ein Verlust von Gegenwärtigkeit – von Präsenz. Das Tier hingegen, führt Dewey aus, “ist in allen seinen Aktionen voll präsent … Darin liegt jene Anmut des Tieres, mit der der Mensch nur schwerlich konkurrieren kann.” Und er schließt: “Ein Hund ist niemals pedantisch oder akademisch, denn diese Eigenschaften entstehen erst, wenn das Bewusstsein die Vergangenheit von der Gegenwart trennt und sie zum Modell macht, das kopiert werden soll.”

Die anmutige Selbstvergessenheit des Tieres

Aha. Wieder was gelernt. Das menschliche Unglück beginnt also immer dann, wenn die Vergangenheit unsere Fähigkeit verdunkelt, die Gegenwart in ihrer Fülle wahrzunehmen und sie nach eigenen Zielen zu gestalten. Es ist der Moment, in dem das Neue zur Störung, die Wahl zur Qual, das Denken zum Grübeln wird. Tiere kennen das so nicht. So gesehen erwiese sich alles Streben nach dem Glück auf die Frage gegründet, wie es uns Menschen als denkbegabten Wesen wohl gelingen könnte, die anmutige Selbstvergessenheit des Tieres zurückzugewinnen, ohne dabei selbst wieder zum Tiere werden zu müssen. Wie das gehen soll? Nun, zumindest die guten alten Kyniker glaubten es zu wissen. Denn für sie bestand Philosophie ja in nichts anderem als der gelebten Vermutung, bereits die weder pedantisch noch akademisch betriebene Suche nach einer Antwort auf diese Frage vermöge uns glücklich zu machen. Wuff! Wuff!

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