Für das was Snowden getan hat, fehlt mir der Mut. Juli Zeh

Der neue Geist des Vertrauens

Der Staatsbesuch von Michail Gorbatschow in Bonn im Juni 1989 war ein Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion.

Die Beziehungen zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem als Reformer angetretenen sowjetischen Staats- und Parteichef Gorbatschow standen anfangs unter keinem günstigen Vorzeichen. Kohl hatte in einem Interview mit dem amerikanischen Magazin „Newsweek“ im Oktober 1986 einen missverständlichen Vergleich zwischen Gorbatschows publikumswirksamem Auftreten und dem NS-Propagandaminister Goebbels gezogen, der zu einer tiefen Verstimmung zwischen Bonn und Moskau geführt hatte. In den folgenden zwei Jahren war dann aber sukzessive das Eis gebrochen worden. Dazu beigetragen hatte der immer deutlicher werdende Reformwille der neuen sowjetischen Führung, die unter den Schlagworten „Glasnost“ und „Perestroika“ tatsächlich Transparenz und Umgestaltung in ihrem Machtbereich anstrebte.

Auf sowjetischer Seite hatte auch der Ärger über die Intransigenz der verknöcherten DDR-Spitze eine Rolle gespielt, die den Moskauer Vorgaben nicht folgen wollte, und vor allem die Erkenntnis, dass in Abrüstungsfragen die bundesdeutschen und die sowjetischen Interessen stellenweise sehr nahe beieinander lagen. Während die anglo-amerikanischen Nato-Verbündeten noch auf eine westliche Modernisierung bei den nuklearen Kurzstreckenraketen drängten, hatte die Regierung Kohl bei diesem Vorhaben eine Verschiebung durchgesetzt. Schon 1987 hatte Kohl persönlich – gegen den Widerstand von Teilen der Union – mit der Zustimmung zur Einbeziehung der bundesdeutschen Pershing Ia-Raketen in die Verhandlungen den Weg zum Abschluss des INF-Vertrages erleichtert. Die sowjetische Seite hatte die bundesdeutsche Position aufmerksam registriert, kam sie doch den eigenen Vorstellungen weit entgegen, zu ernsthaften Abrüstungsschritten zu gelangen. Rein atmosphärisch hatten vorangegangene Kontakte wie der Besuch des sowjetischen Außenministers Schewardnadse zu einer Entspannung beigetragen.

In den Augen Kohls konnte man mit Gorbatschow ernsthaft verhandeln

Von Beginn des Staatsbesuchs an wurde eine Vertrauensbasis geschaffen. Kohl und Gorbatschow fanden sofort einen guten Draht zueinander, grundsätzliche Probleme wie die Einbeziehung West-Berlins in ein Abkommen über Binnenschifffahrt wurden gleich ausgeräumt. Zum Gelingen trug auch bei, dass die Bonner Bürger in einer wahren „Gorbimanie“ den Gast feierten. Im persönlichen Gespräch – sehr viel eher Kohls Stärke als der Auftritt vor Fernsehkameras – gelangen erstaunliche Fortschritte. Vor allem bei einem langen Gespräch im Garten des Kanzlerbungalows wurde die Basis für die weitere Zusammenarbeit gelegt.

Die „Gemeinsame Erklärung“, die beide Seiten an die Presse gaben, betonte das Selbstbestimmungsrecht der Völker, was einen nicht zu unterschätzenden Erfolg bundesdeutscher Vorstellungen darstellte, da dies erstmal von sowjetischer Seite mitgetragen wurde. Die Einrichtung einer direkten Telefonleitung zwischen Kanzleramt und Kreml wertete die diplomatische Position der Bundesrepublik Deutschland auf. Entscheidend dürfte jedoch für die kommenden Monate der Geist des Vertrauens gewesen sein, der auf beiden Seiten entstanden war: In den Augen Kohls konnte man mit Gorbatschow ernsthaft verhandeln und substantielle Fortschritte erreichen, während die sowjetische Seite ihrerseits erkannte, dass der deutsche Bundeskanzler der Ansprechpartner im Westen war, der am ehesten an einer Überwindung der Teilung Europas interessiert war. In den kommenden Monaten sollten sich die bei diesem Besuch geknüpften Beziehungen bewähren.

Dieser Artikel ist zuerst bei der Konrad-Adenauer-Stiftung erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Weißgerber, Matthias Höhn, Martin Dulig .

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