Wir müssen den Menschen die Dimensionen der Energiewende verdeutlichen. Torsten Albig

Das richtige Leben im falschen System

Wolfgang Thierse plädiert auf The European für eine klare Unterscheidung zwischen dem politischen System der SED-Diktatur auf der einen Seite und den darin lebenden Menschen auf der anderen. Nur so könne man in der Debatte um die historische Bewertung der Geschichte der DDR zu einem differenzierten Urteil kommen.

Im 20. Jahr nach der friedlichen Revolution in der DDR erleben wir, dass erneut heftige Debatten um die historische Bewertung der Geschichte der DDR geführt werden. In diesem nicht ganz unwichtigen Diskurs ist es nötig, immer neu den Versuch zu differenziertem Urteil zu unternehmen und sich nicht auf die Versuchungen einer allzu menschlichen, aber gefährlichen Schwarz-Weiß-Malerei einzulassen.

Zwischen Ostalgie und Verharmlosung

Die Menschen, die in der DDR lebten, haben das verständliche Bedürfnis, dass ihre Biografien im Rückblick angemessen, dass sie fair bewertet werden. Deshalb ist es wichtig, dass man auch über die Lebenspraxis und über den Alltag der Menschen spricht und nicht nur Vernichtungsurteile gefällt werden. Versuche, genauer und differenzierter über die Geschichte der DDR zu urteilen, enden aber auch 20 Jahre nach dem Mauerfall oft in der Anschuldigung, man wolle die SED-Diktatur verharmlosen. Das ist ein absurder Vorwurf!

Der Umgang mit der DDR-Geschichte leidet unter anderem daran, dass sie in den 90er-Jahren politisch und medial vermarktet wurde – als eine Skandalgeschichte von Feigheit und Verrat, insbesondere vor dem Hintergrund der Tätigkeit der Stasi. Das ist zwar verständlich, doch die DDR-Geschichte erschöpft sich darin nicht. Ich plädiere dafür, zu unterscheiden zwischen dem politischen System der SED-Diktatur und den darin lebenden Menschen. Das System ist wegen seines diktatorischen Charakters gescheitert, aber nicht alle Menschen, die in diesem System leben mussten, sind gescheitert. Denn auch das gab es: das richtige Leben im falschen System!

Positive und negative Aspekte der DDR

Also reden wir auch über die Notgemeinschaft der Bürger gegenüber dem Staat, über die alltägliche Solidarität, die sie zwischen den Menschen erzeugte! Auch andere Alltagserfahrungen haben viele in sympathischer Erinnerung: von der sozialen Sicherung über die Kindergartenversorgung bis hin zu einer selbstverständlicheren Beteiligung der Frauen an der Arbeit, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Wenn man allein auf die – doch unbestreitbar zuhauf vorhandenen – negativen Aspekte der DDR verweist, besteht die Gefahr, dass viele Ostdeutsche sich dagegen wenden und sagen: Unsere Erinnerung ist anders.

Ganz gewiss gehört zu einer differenzierten Betrachtung allerdings auch, unmissverständlich zu sagen, was die DDR eindeutig nicht war: ein Rechtsstaat. Es gab in der DDR keine unabhängige Justiz, keine Verwaltungsgerichtsbarkeit. Man konnte den Staat und seine Akteure rechtlich nicht belangen. Die DDR war eine Diktatur, ein Staat, der in vielen Lebensbereichen und auf vielfältige Weise Menschen gegängelt und bevormundet hat. Er hat sie in ihrem Fortkommen und bei der Entfaltung ihres persönlichen oder familiären Glücks behindert. Er ging so weit, seinen Bürgern das Menschenrecht der Freizügigkeit zu verweigern, seine Bürger einzumauern und Flüchtige an der Grenze erschießen zu lassen. Das alles darf nicht vergessen werden.

Dennoch ist in diesem System doch auch gelebt worden – bunt und grau, leidenschaftlich und ängstlich, mit Witz und mit Unterwerfung, intelligent und dumm. 20 Jahre nach der staatlichen Vereinigung sollte es vorbehaltlos möglich sein, dass die Menschen in Ost und West sich gemeinsam ihrer Geschichte und ihrer Lebensgeschichten erinnern und sich ihre Biografien dabei mit Respekt und auf Augenhöhe erzählen können. Ohne ein System zu beschönigen und zu verteidigen, dass wir zum Glück hinter uns haben!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Günter Grass, Karl-Heinz Paqué, Michael Lühmann.

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