Das diktatorische Erbe und dessen Umgang | The European

Blühendes Land schaffen

Wolfgang Templin15.08.2013Gesellschaft & Kultur

Bislang bedeutete Aufbau Ost, wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen. In Zukunft muss es um den sozialen Zusammenhalt gehen.

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Harald Hauswald

Die friedliche Revolution von 1989, die Arbeit der Runden Tische und die Ergebnisse der ersten freien Wahlen besiegelten das schnelle Ende der DDR. Offen blieb die Frage nach dem Umgang mit ihrem diktatorischen Erbe. Hier hatte der größte Teil der bundesdeutschen Elite – und sie stellte die entscheidende Kraft im Vereinigungsprozess – die Lektion aus dem Umgang mit der Verbrechenslast des deutschen Nationalsozialismus scheinbar wieder vergessen.

Vor und nach 1968 hatte sich mühsam die Erfahrung durchgesetzt, dass es nicht half, die Vergangenheit zu beschweigen, dass man nicht nur „Hitler und die Seinen“ für die Massenmorde und den mit dem Holocaust verbundenen Zivilisationsbruch verantwortlich machen konnte. Es galt, die nazistischen Verbrechenspotentiale in zahlreichen Teilen der deutschen Gesellschaft offenzulegen, Verantwortung und Mitverantwortung bis weit nach unten nachzugehen, zwischen Tätern, Helfershelfern und Mitläufern zu unterscheiden, sich der häufig schmerzhaften Geschichte der eigenen Familie zu stellen. Nur so konnte die Bundesrepublik zu einer wirklichen Demokratie werden und die Kräfte einer kritischen zivilen Gesellschaft freisetzen. Hier lag ihr wertvollstes Kapital und ihre eigentliche Überlegenheit gegenüber der DDR – nicht nur im verlockenden Wohlstand und der starken D-Mark.

Für den Umgang mit der kommunistischen Diktatur, einer Ideologie und Herrschaftspraxis, welche den kleineren Teil Deutschlands nach der Kriegskatastrophe über vier Jahrzehnte prägte, sollte das alles plötzlich nicht mehr gelten. Zuständigkeit oder gar Verantwortung für den Umgang mit dem Erbe des DDR-Kommunismus anzunehmen – daran dachten bundesdeutsche Politiker, Intellektuelle oder in den Neuen Bundesländern eingesetzte Beamte nicht im Traum. Den Blick nach vorn richten und so schnell wie möglich blühende Landschaften erschaffen, darum ging es. Schließlich hatte das bundesdeutsche Wirtschaftswunder ja auch so funktioniert.

Es blieb den DDR-Bürgerrechtlern, kritischen Bürgern aus den Neuen Bundesländern und einer Minderheit von Unterstützern aus dem Westen vorbehalten, sich dieser Verdrängung und Verweigerung erfolgreich zu widersetzen. Mit einem letzten Beschluss der frei gewählten Volkskammer, mit Besetzungsstreiks und Demonstrationen gelang es, die Schließung der Stasi-Akten zu verhindern und die Einrichtung einer Behörde zur rechtsstaatlichen Offenlegung und Verwaltung dieser Aktenbestände durchzusetzen. Akten, die nicht primär der Verfolgung von Tätern dienten, sondern zahlreichen Opfern einen Teil ihrer Würde zurückgaben, wissenschaftliche Forschung und den selbstverantwortlichen Umgang mit der eigenen belasteten Vergangenheit ermöglichten.

Zwischen Dämonisierung und Verharmlosung

Es galt, den Kampf um nahezu jede heute existierende Gedenk- und Erinnerungsstätte zu führen: Ob den Sitz des Mielke-Imperiums, das zentrale Untersuchungsgefängnis des MfS oder die spätere Mauergedenkstätte. Überall, nicht nur in Ostberlin, gab es Bürokraten und Ignoranten, die aus Blindheit oder eigenem Verdrängungsinteresse dagegen waren, sich der Berliner Mauer oder der Zellenschicksale in den Haftanstalten zu erinnern. Oft waren es die gleichen Personen und Kräfte, die auch dafür eintraten, endlich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit abzuschließen und schon gar nicht den Vergleich zwischen NS-Diktatur und kommunistischer Diktatur zu führen.

Bereits in den 1990er-Jahren standen sich mehrere Tendenzen beim Blick auf die DDR gegenüber, die auch ihre Vorläufer im Umgang mit der NS-Vergangenheit haben.

So gab und gibt es den Blick der Dämonisierung, welcher die Geschichte der DDR auf äußere Gewalt und innere Unterdrückung, auf Stacheldraht und Schießbefehl zu reduzieren sucht. All diese Elemente existieren natürlich und hatten entscheidendes Gewicht. Aber sie können die Verführungskraft der kommunistischen Ideologie, die Bindungswirkung des gesellschaftlichen Großexperiments, das die DDR im Kern war, nicht wirklich erklären. Damit auch nicht das Fortwirken sozialer Prägekräfte weit über 1989/90 hinaus, das Fortdauern und Erstarken einer authentischen DDR-Nostalgie.

Auf der anderen Seite gibt es den verharmlosenden Blick, der vom „guten antifaschistisch-demokratischen Beginn“ schwärmt, der dann leider in den Eisesgraden des Kalten Krieges zum Stalinismus missriet. Oder vom friedlichen Einschlafen der DDR spricht, die in ihren letzten Phasen schon keine Diktatur mehr gewesen sei. Hier werden die einfachsten historischen Wahrheiten über den Machtwillen der deutschen Kommunisten unterschlagen, die sich als Stalins beste Verbündete sahen und von Beginn an jeden Widerstand blutig brachen. Hier werden die Bereitschaft der DDR-Führung, ihre Macht mit allen Mitteln zu verteidigen, und der repressive Charakter des Systems bis zum kläglichen Ende unterschätzt. Nicht nur Egon Krenz neigte der chinesischen Lösung zu.

Auf der positiven Seite stehen immer zahlreichere Arbeiten von Historikern und Zeitzeugen, stehen biographische Erinnerungen und Dokumentationen, die sich dem Prinzip: „Differenzieren bis zur Kenntlichkeit“ stellen. Es sind die Arbeiten der ostdeutschen Historiker Stefan Wolle und Ilko-Sascha Kowalczuk, die den Zusammenhang von Alltagsleben und Diktaturcharakter der DDR beleuchten, die mentalen und gesellschaftlichen Voraussetzungen des friedlichen Umbruchs von 1989 beschreiben und die Herrschaftsseite der DDR entdämonisieren, ohne dass deren Praktiken dadurch an Erbärmlichkeit und Scheußlichkeit verlieren.

Historische Würfe, Detailarbeit, gesellschaftliche Initiativen und internationale Vernetzung kommen hier zusammen und zeigen die Größe einer Aufgabe, die mit jedem weiteren Jubiläum deutlicher sichtbar wird.

_Die Bilder in dieser Debatte stammen von dem Berliner Fotografen Harald Hauswald. Sein Bildband “„Vor Zeiten – Alltag im Osten, Fotografien 1976-1990“”:http://www.lehmstedt.de/hauswald_zeiten.htm erschien im Juni 2013 im Lehmstedt-Verlag._

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