Die Auswirkungen des Versailler Vertrages bis in die Gegenwart

Wolfgang Schimank22.06.2019Europa

Am 28. Juni 2019 jährt sich zum 100. Mal die Unterzeichnung des Versailler Vertrages. Dieser bestrafte die Deutschen äußerst hart, durch eine sehr einseitige Geschichtsdarstellung der Siegermächte gedeckt, und führte wegen vieler Ungerechtigkeiten schnurstracks zum Zweiten Weltkrieg. Mit den Folgen des Vertrages von Versailles habe ich mich bereits in einem Kapitel meines Buches „Ist Deutschland ein souveräner Staat?“ beschäftigt. Bevor ich Ihnen dieses Kapitel präsentiere, möchte ich mit einigen Mythen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges aufräumen und an der Fassade der moralischen Überlegenheit der Mächte der Entente kratzen.

Gründe für den Ersten Weltkrieg

Zunächst ist zu fragen, ob die einseitige Sichtweise der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands, wie sie die Alliierten im Vertrag von Versailles behaupteten, tatsächlich richtig ist oder nicht doch eine Verzerrung der tatsächlichen Verhältnisse darstellt.

Mit ihren Büchern „Juli 1914“ und „Die Schlafwandler“ haben Sean McMeekin und Christopher Clark Frankreich, Großbritannien und Russland nicht aus der Mitverantwortung bei der Entstehung des Ersten Weltkrieges entlassen. Die Tatsache, dass trotz dieser Bücher in Deutschland bestimmte fragwürdige Aussagen und Schlussfolgerungen über die Kriegsursachen hartnäckig kursieren, kann ich mir nur so erklären, dass es hier bestimmte Kreise gibt, die an der Wahrheit nicht interessiert sind und stattdessen lieber den Schuldkomplex der Deutschen pflegen wollen, um eine bestimmte Politik durchzusetzen. Warum Frankreichs Elite die Unterzeichnung des Vertrages von Maastricht durch Helmut Kohl, der die Abschaffung der D-Mark und die Einführung des Euros in Deutschland besiegelte, als den „Versailler Vertrag ohne Krieg“ (Le Figaro, 18.09.1992) bezeichnete und die Sektkorken knallen ließ, haben bis heute viele Deutsche nicht hinterfragt … Doch nun möchte ich zur Sache kommen.

Wie bereits der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler bemängelte, konzentriert sich in der deutschen Mainstream-Geschichtsschreibung (allem voran bei ARD und ZDF) die Aufmerksamkeit allein darauf, was das Deutsche Kaiserreich politisch und militärisch unternommen hatte. Die anderen Akteure werden außen vor gelassen. Am 4. März 2014 in der Veranstaltungsreihe „Forum W“ des Deutschen Bundestages beschrieb Münkler diese seltsame Geschichtsschreibung sehr bildhaft: „Da treffen sich fünf zu einer richtigen Schlägerei in einem Wirtshaus. Und der Richter befasst sich nur mit einem einzigen, der nachweislich mit einem Baseballschläger in das Gasthaus gegangen ist und sagt: ‚Die anderen interessieren mich nicht!‘“ Münkler missfällt diese „germanozen­trische“ Betrachtung. Für ihn kann die Geschichte nur richtig rekapituliert und verstanden werden, wenn einerseits alle Akteure berücksichtigt und andererseits von verschiedene Wissenschaftssparten aus Betrachtungen angestellt werden.

Es ist unbestritten, dass das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn den Krieg offiziell als Erste anfingen. Damit luden sie zweifelsohne große Schuld auf sich. Richtig ist aber auch, dass die Franzosen und Russen als Erste den Fuß auf deutschem Boden setzten, bevor das deutsche Militär in Elsass-Lothringen und in Ostpreußen in Aktion trat.

Alle Machthaber Europas und der USA, egal ob sie demokratisch gewählt waren oder als Adlige gewissermaßen die Macht geerbt hatten, waren um 1900 herum vom Sozialdarwinismus sehr stark geprägt. Sie waren der Ansicht, dass nur der Starke das Recht habe zu überleben. Aus dieser Sicht gab es keine „guten“ und keine „schlechten“ Großmächte. Übrigens: Noch heute bezeichnen US-amerikanische Präsidenten ihre Staatsbürger als „auserwähltes Volk“, das zur Weltherrschaft bestimmt sei.

Die Behauptung der französischen Politiker Raymond Poincaré und Georges Clemenceau, das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn hätten den Ersten Weltkrieg systematisch vorbereitet, wurde gern von den Entete-Mächten und ihren Verbündeten, und nach dem Zweiten Weltkrieg auch von den deutschen Medien und Politikern, übernommen (Fischer-Kontroverse). Ich möchte hier nur einige Beispiele nennen, die diese Aussagen ins Wanken bringen:

  1. Warum hatten das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn 1905 keinen Präventivkrieg gegen Frankreich geführt? Die Gelegenheit hierzu war äußerst günstig: Großbritannien leckte noch seine Wunden vom Zweiten Burenkrieg (1899–1902), und Russland hatte im Japankrieg (Februar 1904–September 1905) eine schwere militärische Niederlage erlitten. Es wurde zwar um diese Zeit der Schlieffenplan entwickelt, dieser blieb aber in der Schublade.
  2. Das französische Aufrüstungsprogramm wurde am 6. März 1913, das deutsche hingegen erst am 18. April 1913 von der Regierung verabschiedet.
  3. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg setzte seit 1911 verstärkt auf eine Verständigungspolitik mit Großbritannien. Seit Januar 1914 liefen insgeheim Verhandlungen zwischen Russland und Großbritannien, um eine gegen Deutschland gerichtete Marinekonvention zu organisieren. Durch einen Spion erfuhr Bethmann Hollweg von diesen Aktivitäten. Als er daraufhin den britischen Außenminister Edward Grey ansprach, log dieser ihn glattweg an und bestritt jegliche Aktion. Bethmann Hollweg wurde damit der Boden unter den Füßen weggerissen. Er resignierte und wurde fatalistisch. Der Tod seiner Frau verstärkte noch dieses Gefühl. In diesem Moment hatte er kein Argument mehr gegenüber dem Militär. Die Befürchtung einer Einkreisung des Deutschen Kaiserreiches und Österreich-Ungarns schien auch für die anderen Regierungsmitglieder nun zu einem unumstößlichen Faktum geworden zu sein. Für das Militär war die Lösung klar: Wenn es sowieso zum Krieg kommen wird, dann will das Militär lieber selbst bestimmen, wann er anfängt.
  4. Wenn das Deutsche Reich und Österreich zielstrebig auf einen Krieg hingearbeitet hätten, dann stellt sich die Frage, wie es möglich sein konnte, dass russische Truppen so weit in Ostpreußen eindringen konnten.
  5. Warum bat der Chef des Generalstabes für die gesamte bewaffnete Macht Österreich-Ungarn, Franz Conrad von Hötzendorf, um eine Woche Aufschub, um gegen Serbien loszuschlagen?
  6. Warum verlief für Österreich-Ungarn der Serbienfeldzug so desaströs?

Die Ermordung des Thronfolgers von Österreich-Ungarn, Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este, war für Österreich-Ungarn tragisch. Und sollten die Alliierten wirklich den Frieden als oberstes Gebot ihrer Politik erklärt haben, so wäre dieses Attentat eine riesengroße Dummheit gewesen. Denn Erzherzog Ferdinand wollte, wenn er Kaiser und König werden würde, den Trialismus einführen, also die slawischen Völker einbinden, und die Beziehungen zu Serbien und Russland verbessern. Stattdessen hatten insbesondere Frankreich und Russland Serbien für seine österreichisch-ungarisch-feindlichen Aktivitäten militärisch und finanziell unterstützt und Österreich-Ungarn gewissermaßen eine Falle gestellt.

Frankreich gewährte Russland Kredite in Milliardenhöhe. Diese waren an Ausgaben für das Militär gebunden. Insbesondere sollten mehrspurige Gleisanlagen in Richtung Deutsches Kaiserreich und Österreich-Ungarn gebaut werden, um diese Länder im Kriegsfall mit russischem Militär überfluten zu können. Die Fertigstellung war bis 1917 geplant.

Immer wieder verbreiten deutsche Politiker und die Mainstream-Medien die Behauptung, der Nationalismus habe zum Krieg geführt. Diese Aussage ist nur teilweise richtig. Der Nationalismus war nur Mittel zum Zweck und hatte sich erst im Laufe des Krieges der Menschen bemächtigt. Zum einen waren die meisten adligen Herrscherhäuser kosmopolitisch eingestellt. Zum anderen haben ganz triviale Gründe zum Krieg geführt:

– Großbritannien war das prosperierende Deutsche Kaiserreich ein Dorn im Auge. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es Großbritannien in allen Wirtschaftsbereichen überflügelt hätte. Deshalb musste es vernichtet werden.

-Frankreich sah im Deutschen Kaiserreich eine ständige militärische Gefahr, auch wenn die Bedrohung nicht real war. Es wollte das deutschsprachige Elsass-Lothringen zurückerobern sowie sich alle linksrheinischen Gebiete einverleiben.

-Russland sah den Schiffshandel über den Bosporus gefährdet, da das Osmanische Reich Verbündeter der Mittelmächte war.

-Ein maßgeblicher Grund, warum die USA 1916 in den Krieg gegen die Mittelmächte eintraten, war, dass den amerikanischen Kreditgebern bei einer Niederlage Großbritanniens mehrere Milliarden US-Dollar verloren gegangen wären. Ein vom US-Senat 1934 bis 1936 eingerichtetes „Nye Committee“ fand heraus, dass im Zeitraum von 1915 bis 1917 Großbritannien einen Kredit von 2,3 Milliarden USD erhielt und das Deutsche Kaiserreich einen Kredit von lediglich 27 Millionen USD bekam.

Das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn hatten vor Kriegsbeginn keine Expansionspläne gehegt. Kaiser Franz Joseph wollte keinen Weltkrieg, sondern in Verkennung der Lage einen lokalen Krieg, um Serbien zu disziplinieren.

Äußerst interessant und aufschlussreich ist die Entstehungsgeschichte des von US-Präsident Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 vor dem Senat präsentierten 14-Punkte-Programms:

Die Kampfmoral war bei den alliierten Truppen angesichts der hohen Opfer beim Stellungskrieg im Sommer 1917 auf dem Tiefpunkt angelangt. Bei den französischen Truppen meuterten mehrere Regimenter, weil sie nicht mehr weiterkämpfen wollten. Diese wurden dann von den französischen Spezialtruppen zusammengeschossen.

In Russland war die bürgerliche Kerenski-Regierung von der plötzlichen Machtübernahme der Bolschewiki Oktober/November 1917 vollkommen überrascht worden. Dadurch konnten internationale Verträge mit den Alliierten nicht vernichtet werden. Es fielen den Bolschewiki pikante Geheimverträge in die Hände, die sie dann scheibchenweise in den Zeitungen „Iswestija“ und „Prawda“ veröffentlichten. Das internationale Ansehen der Alliierten wurde dadurch stark beschädigt. Zu diesen verwerflichen Geheimverträgen gehörten der „Londoner Vertrag“ vom 26. April 1915 und das „Sykes-Pikot-Abkommen“ vom 16. Mai 1916. Im erstgenannten wurden unter anderem als Lohn für Italiens Kriegserklärung an den ehemaligen Verbündeten großzügige Gebietsabtretungen beschlossen, ohne die betroffenen Völker jemals gefragt zu haben. Zudem übernahm Italien die Aufgabe, den Papst gewissermaßen zu arrestieren, damit er keine Friedensinitiativen ergreifen konnte. Im „Sykes-Pikot-Abkommen“ hatten die Mächte der Entente für den Fall des Sieges den Nahen Osten unter sich aufgeteilt. Russland würden Konstantinopel und die Dardanellen zufallen. Die mit einem Lineal quer durch von einer Volksgruppe bewohnte Gebiete gezogenen Grenzen sorgt noch heute für viel Konfliktpotenzial. Es waren schlichtweg Verträge der Schande …

Die Ausarbeitung des 14-Punkte-Planes durch einen Stab von Mitarbeitern für Woodrow Wilson war gewissermaßen ein Befreiungsschlag. Hier wurden die eigentlichen Ziele der Alliierten etwas kaschiert. US-Präsidenten verkündete das weltweit bejubelte „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. Dieses war übrigens bereits 1916 vom deutschen Militär als eine Strategie ersonnen worden. Das Erfolgsgeheimnis, aber auch das Subversive, lag darin, so Walter Lippmann, Berater Woodrow Wilsons, dass sich jeder etwas anderes darunter vorstellen konnte. Wie die Nachkriegsgeschichte zeigte, galt dieses Recht nicht für die deutsche und ungarische Volksgruppe, nicht für die Minderheiten in den Ländern der Alliierten und nicht für die Völker in den Kolonien.

Ich denke, mit diesem Hintergrundwissen ausstaffiert, kann ich Ihnen ruhigen Gewissens die Lektüre des Kapitels über den Versailler Vertrag zumuten.

**

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker – eine Farce?

Mit der Zusprechung der alleinigen Kriegsschuld des Deutschen Reiches kamen auf dieses enorm hohe Reparationskosten als eine der Ursachen der Wirt-schaftskrise und der Inflation im Jahre 1923 zu. Verelendung und Radikalisierung folgten. Doch der Reihe nach:

Die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges wurden am 11. November 1918 durch den Waffenstillstand von Compiègne beendet. Die deutsche Reichsregierung glaubte angesichts des vom US-Präsidenten Woodrow Wilson propagierten 14-Punkte-Programms, das das Selbstbestimmungsrecht der Völker betonte, einen Verständigungsfrieden zu erreichen. Aber es kam anders: Entgegen europäischer Tradition durften die Kriegsverlierer (Deutsches Kaiserreich und die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn) nicht an den Verhandlungen teilnehmen. Sie konnten durch schriftliche Eingaben den Vertragsinhalt nur geringfügig zu ihren Gunsten verbessern.

Deutschland wurde teilweise erlaubt, die in Schlesien lebende Bevölkerung da-rüber abstimmen zu lassen, ob sie Deutschland bleiben wolle oder Gebiete an Polen abgetreten werden sollten. Deutschland wurde nicht nur zu Gebietsabtretungen, Abrüstung und Reparationszahlungen gezwungen, es musste sich öffentlich und schriftlich zur alleinigen Verantwortung für den Krieg bekennen. Dieser Akt der öffentlichen Demütigung, Selbstdemontage und die Darstellung des Kriegsgegners als die Inkarnation des Bösen sind einmalig in der neuzeitlichen Geschichte Europas. Dieser Umgang mit dem (vermeintlichen) Kriegsgegner wiederholt sich von nun an bei jedem Krieg mit angloamerikanischer Beteiligung. Es sei daran erinnert: In Europa gab es vor dem Ersten Weltkrieg zwei verheerende Kriege, den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) und die Napoleonischen Kriege (1798–1815). Beim Westfälischen Frieden (1648) und beim Wiener Kongress (1814/1815) waren die Siegermächte um einen weitgehenden Interessenausgleich mit allen Kriegsteilnehmern bemüht. Beim Versailler Vertrag (1919) hingegen wurde mit dieser europäischen Tradition gebrochen: Harold Dwight Lasswell, ein US-amerikanischer Kommunikationstheoretiker und Politikwissenschaftler, schrieb 1927 in seinem Buch „Propaganda Techniques in the World War“ auf Seite 208:

„Es darf keinen Zweifel daran geben, wen das Publikum zu hassen hat. Den Krieg darf nicht ein Weltsystem ausschlaggebender internationaler Beziehungen verschulden, noch die Dummheit oder das Übelwollen aller regierenden Klassen, sondern die Raubgier des Feindes. Schuld und Schuldlosigkeit müssen geographisch verortet sein, und alle Schuld muss auf der anderen Seite der Grenze liegen.“

Die nach Versailles geschickte deutsche Delegation, zu der auch die Professoren Albrecht Mendelssohn-Bartholdy, Hans Delbrück und Max Weber sowie der General Max Graf Montgelas gehörten, lehnte es ab zu unterschreiben. Sie wollte Milderungen bei den Bestimmungen erreichen. Die Alliierten weigerten sich, in mündliche Verhandlungen mit den Deutschen zu treten. Stattdessen lief die Kommunikation über Notenaustausch. Eine Volksabstimmung der einzelnen Landkreise in Oberschlesien über den Verbleib im Deutschen Reich war eine der wenigen Nachbesserungen in der am 16. Juni 1918 von den Alliierten unterbreiteten Mantelnote. Mehr ließen die Alliierten nicht zu. Sie verlangten ultimativ, das Diktat zu unterschreiben. Die Alliierten drohten, anderenfalls ihre Truppen in Deutschland einmarschieren zu lassen. Es lag bereits ein Plan von Marschall Ferdinand Foch in der Schublade. Dieser sah vor, dass die Truppen vom bereits besetzten Rheinland aus entlang des Mains auf kürzestem Wege zur Grenze der Tschechoslowakei vorrücken sollten, um dann das Deutsche Reich aufzuteilen in Nord- und Süddeutschland.

Ministerpräsident Philipp Scheidemann trat am 12. Mai 1919 mit den Worten zurück:

„Wer kann als ehrlicher Mann, ich will gar nicht sagen als Deutscher, nur als ehrlicher vertragstreuer Mann, solche Bedingungen eingehen? Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?“

Die britische Seeblockade, auch als alliierte Hungerblockade bekannt, blieb bis Sommer 1919 bestehen. Auf Wunsch des Vorsitzenden der deutschen Waffenstillstandskommission, Staatssekretär Erzberger, erstellte das Reichsgesundheitsamt eine Übersicht „über die Schädigung der deutschen Volkskraft durch die völkerrechtswidrige feindliche“ Handelsblockade. In seiner Denkschrift vom 16. Dezember 1918 schrieb es der britischen Seeblockade den Tod von 762 796 Menschen aus der Zivilbevölkerung und einen Gesamtschaden von mehr als 56,4 Milliarden Mark zu.

Es drohte der Einmarsch alliierter Truppen, und die Ernährungslage der Zivilbevölkerung spitzte sich dramatisch zu. Sie wurde durch die trotz des Waffenstillstandes weiterbestehende britische Seeblockade verursacht. So stimmte die Nationalversammlung am 23. Juni 1919 mit 257 gegen 138 Stimmen für die Annahme des Diktats. Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) und Außenminister Hermann Müller (SPD) unterzeichneten am 28. Juni 1919 unter Protest den Vertrag.

Obwohl die Vertreter der USA auch den Vertrag von Versailles unterschrieben hatten, wurde dieser vom amerikanischen Kongress nicht ratifiziert. Stattdessen schlossen die USA mit Deutschland den Berliner Vertrag vom 25. August 1921.

In Deutschland empfanden die Menschen, egal ob links, mittig, rechts oder gar nicht politisch ausgerichtet, den Versailler Vertrag als ein Diktat, als eine tiefe Demütigung.

Deutschland musste einen beträchtlichen Gebietsverlust hinnehmen. Obwohl in Oberschlesien in einigen Landkreisen die Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland stimmte, wurden diese Polen zugeschlagen. Es kam zu den ersten, vorsichtig ausgedrückt, „ethnischen Wanderbewegungen“. Die oberschlesische Bevölkerung wurde 1921 von polnischen Freischärlern drangsaliert und musste es über sich ergehen lassen, dass französische Truppen den Ausnahmezustand verhängten, um Gebiete abzutrennen. Wegen der Hungersnot wurden die Kinder nach Österreich und Dänemark geschickt. Die Schwester meiner Großmutter kam auf diesem Wege nach Kopenhagen, wo sie von einem kinderlosen dänischen Ehepaar liebevoll gehegt und gepflegt wurde.

Die enorm hohen Reparationskosten waren eine der Ursachen der Wirtschaftskrise und der Inflation im Jahre 1923. Diese ließen nicht nur breite Volksschichten verelenden, sondern führten auch zur politischen Radikalisierung. Die damals noch junge Demokratie hatte plötzlich ein Glaubwürdigkeitsproblem. Zudem trauerten viele Menschen der Kaiserzeit nach, weil sie durch die äußerst großzügige Förderung von Forschung und Wissenschaft durch Kaiser Wilhelm II. dem Volk einen gewissen Wohlstand gebracht und es in Aufbruchsstimmung versetzt hatte. Nicht umsonst war zu dieser Zeit Deutsch die Sprache der Wissenschaft …

Die Alliierten traten das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen mit dem Ziel, den Mittelmächten maximal zu schaden. Der Versailler Friedensvertrag verbot den Zusammenschluss von Deutschland und Österreich (Artikel 80).

Es gab in der Tat mehrere Einheitsbestrebungen:

Bereits sechs Tage nach dem Waffenstillstand zwischen der k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn und den Entente-Mächten, am 9. November 1918, trat der Wiener Nationalrat an den deutschen Reichskanzler heran und bat ihn, Deutschösterreich bei der Umgestaltung des Deutschen Reiches mitzuberücksichtigen.

Des Weiteren stimmten in Tirol und im Salzburger Land im Jahre 1921 ungefähr 99 % für den Anschluss an Deutschland. In diesem Zusammenhang ist auch der Bozner Blutsonntag am 24. April 1921 in Südtirol zu sehen: In Italien befürchteten die Nationalisten und Faschisten, sie könnten das soeben annektierte südliche Tirol wieder verlieren, falls das Deutsche Reich durch den Anschluss Tirols und des Salzburger Landes sein Territorium bis zum Brennerpass ausdehnen und Forderungen nach Rückgabe stellen würde. Daher störte an diesem Tag eine Gruppe von Faschisten mit Waffengewalt einen in Bozen abgehaltenen Trachtenumzug, um zu zeigen, wer der neue Herr im Hause (in Südtirol) sei. Dabei gab es einen Toten und viele Verletzte zu beklagen …

Aufgrund des Versailler Diktats kamen zum Beispiel Elsass-Lothringen an Frankreich und durch die Verträge von St. Germain und von Trianon Südtirol an Italien und Siebenbürgen, ein Teil des Banats und der Bukowina an Rumänien, ohne dass die Betroffenen von den Alliierten jemals befragt worden wären. Diese aufgerissenen Wunden in Europa sind noch heute, 100 Jahre danach, spürbar. Und die EU hat darauf keine Antwort außer unverbindliche Bestimmungen, wie mit nationalen Minderheiten umzugehen sei. Sie steht in Wirklichkeit mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker auf Kriegsfuß.

Der fehlende Glaube an den demokratischen Staat und der entfachte Völkerhass führten letztendlich schnurstracks dazu, dass sich in vielen Ländern Europas faschistisch-nationalsozialistische Diktaturen an die Macht putschten und der Zweite Weltkrieg ausbrach. Interessant ist in dieser Hinsicht ein Zitat von Winston Churchill. Der US-Senator Rush D. Holt zitierte einen Brief aus dem Jahre 1936, den Churchill an den Herausgeber und Verleger der Zeitung „New York Enquirer“, William Griffin, geschrieben hatte:

„Amerikas Kriegseintritt war verheerend nicht nur für die USA, sondern auch für die Alliierten, denn wären die USA zu Hause geblieben und hätten sich um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, wir [die Alliierten] hätten im Frühjahr 1917 mit den Mittelmächten Frieden geschlossen. Es wäre nicht zum Kollaps in Russland gekommen mit dem nachfolgenden Kommunismus, kein Zusammenbruch in Italien mit dem nachfolgenden Faschismus; und der Nazismus würde jetzt nicht in Deutschland an die Regierung gekommen sein.“

Das Deutsche Kaiserreich hatte in der Tat im Dezember 1914 und im Dezember 1916 den Alliierten ein Friedensangebot unterbreitet.

In der BRD gab es zur Frage der Alleinkriegsschuld Deutschlands einen jahrzehntelangen Streit, die sogenannte „Fischer-Kontroverse“. Der Historiker Fritz Fischer wertete allerdings die Geschehnisse vor dem Ersten Weltkrieg etwas einseitig aus. In der DDR war man dagegen erstaunlicherweise etwas neu­traler. Als 2001 das Buch „Der falsche Krieg“ von Niall Ferguson und 2013 das Werk „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark erschienen, gab es in Großbritannien und bei den deutschen Mainstream-Historikern einen Aufschrei. Beide Autoren betrachteten das gesamte Geflecht von Akteuren und stellten die Alleinschuld Deutschlands infrage. Großbritannien hält noch heute viele wichtige Dokumente zum Ersten Weltkrieg unter Verschluss. Wenn man die damalige Welt aus den Akten rekonstruieren kann, so hat der Staat (in diesem Fall Großbritannien) die Möglichkeit, durch eine geschickte Politik der Herausgabe ihr Aussehen mitzubestimmen …

„Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten.

Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge.

Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.“

(Bertolt Brecht)

Auf der Grundlage des heftig umstrittenen Artikels 231 im Versailler Vertrag, der allein das Deutsche Kaiserreich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verantwortlich machte, erfolgten die Reparationszahlungen. Die deutsche Delegation musste etwas unterschreiben, ohne zu wissen, welche Kosten auf sie zukommen würden. Erstmals 1924 wurde eine Ziffer benannt, und 1929 wurde die Summe abgesenkt, denn nur eine funktionierende Wirtschaft kann pünktlich ihre „Schulden“ begleichen. Demnach hatte der deutsche Staat jährlich 2,5 Milliarden Reichsmark an die Alliierten abzuführen. Zum anderen wurden internationale Anleihen zugunsten der deutschen Wirtschaft aufgelegt.

Die Dawes-Anleihe umfasste 4 Milliarden Reichsmark zu 7 % Zinsen, und die Young-Anleihe hatte einen Gesamtwert von 1,5 Milliarden Reichsmark zu 5,5 % Zinsen. Die Zinsen musste das Deutsche Reich den Anteilseignern zahlen. Hitler stellte die Tilgung der Anleihen ein. Die BRD, als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches, bezahlte wieder die Reparationsforderungen. Die DDR lehnte eine Zahlung ab. Auch wenn der BRD einige Schulden erlassen wurden, so war sie verpflichtet, 30 Milliarden DM an 70 Gläubigerstaaten zu zahlen. Die Zinsen für die Anleihen wurden aufgrund eines Zugeständnisses aber nicht bezahlt.

„In den 80er-Jahren erschienen die bedienten Originalzertifikate als Anteilscheine wertlos, da mit einer Wiedervereinigung noch im 20. Jahrhundert niemand mehr rechnete. […] Mit der deutschen Einheit trat die weitgehend vergessene Klausel des Londoner Schuldenabkommens [vom 27. Februar 1953] wieder in Kraft.“

Seit 1990 bekamen die Eigner der Dawes- und Young-Anteilsscheine jährlich Zinsen und Tilgung. Es handelte sich insgesamt um 125 Millionen Euro.

„Ab dem 3. Oktober 2010 müssen Ansprüche aus diesen Anleihen nach gültiger Rechtslage nicht mehr bedient werden.“

**

Welche Lehren können aus dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gezogen werden?

Deutschland sollte möglichst gute Beziehungen zu allen Völkern anstreben und sich nicht von den US-Regierungen seine Innen-, Außen-, Wirtschafts- und Militärpolitik diktieren lassen. In meinem Buch „Ist Deutschland ein souveräner Staat?“ habe ich vorgeschlagen, Deutschland solle sich zu einem neutralen Staat erklären. Ein gutes Verhältnis zu Russland sollte einer der Eckpfeiler deutscher Politik sein. Russland gehört nicht nur geografisch zu Europa! Da das Deutsche Kaiserreich einst auch eingekreist war wie jetzt Russland, sollten deutsche Politiker eigentlich in der Lage sein, sich in die Gefühlswelt der Russen hineinzuversetzen und alles für eine Deeskalation der Situation zu unternehmen. Nach jahrhundertlanger Erbfeindschaft ist die Freundschaft zum französischen Volk die richtige Lösung. Allerdings sollte die deutsche Volksvertretung darauf achten, dass die Deutschen nicht für die Folgen des Missmanagements der französischen Elite finanziell ausgeschlachtet werden.

Es dürfte auch im Interesse der Staaten Europas sein, dass die Deutschen endlich mit sich selbst ins Reine kommen.

Eine der Ursachen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges war die Geheimdiplomatie. Ich war immer davon ausgegangen, dass es diese nicht mehr gebe, bis ich von den Staatsrechtlern Karl Albrecht Schachtschneider und Waldemar Hummer eines Besseren belehrt wurde. Im Hinblick auf die NATO und auf die Krise in der Ukraine sehe ich da eine große Gefahr, dass Deutschland aufgrund eines Geheimvertrages in einen Krieg hineingezogen wird, den es nicht will. Staatliche Geheimverträge müssten endlich der Vergangenheit angehören!

Der Versailler Vertrag wurde als Vorlage für die beiden anderen Pariser Vorortverträge, für den Vertrag von St. Germain und für den Vertrag von Trianon, verwendet und auf die jeweilige Situation hin modifiziert. Allen Verträgen ist gemein, dass die ethnischen Probleme nicht gelöst, sondern verschlimmbessert wurden. Die Grenzen Nachkriegseuropas trugen die Handschrift angloamerikanischer Interessen und waren das Ergebnis eines Rachefeldzuges Georges Clemenceaus. Das Selbstbestimmungsrecht ist bis heute in Europa ein ungeklärtes Problem, auch in der EU. Ein Europa freier Völker wäre wohl im Sinne der vielen im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten und würde auch die Herzen der jetzt lebenden Menschen erwärmen.

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