Die Sicht auf Hongkong – westlich und östlich

Wolfgang Sachsenröder5.10.2019Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Das Brexit-Drama und die wachsende Jugendbewegung gegen eine allzu passiv empfundene Klimapolitik lassen die Massenproteste in Hongkong medial etwas verblassen.

Die Bilder der Demonstranten unter Tausenden von Regenschirmen scheinen emotional verbraucht, weil man inzwischen so daran gewöhnt ist. Der Besuch des Studentenführers Joshua Wong in Berlin ging zwar durch die deutschen Medien, aber der Aufruf der Bildzeitung, wir müssten die Demokratiebewegung in Hongkong, dem „neuen Berlin“, mehr unterstützen, geht weitestgehend ins Leere. Siebzehn Wochenendproteste in Serie stumpfen eben ab, und die zunehmende Gewalt mit Steinen, Molotov-Cocktails und der Zerstörung von Geschäften, Regierungsgebäuden und U-Bahnstationen reduziert spürbar spontane Sympathien mit den Demonstranten. Aus westlicher Sicht kämpfen heroische Demonstranten in Hongkong für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie und gegen ein zunehmend diktatorisches Regime in Peking, das zwar nicht mehr „richtig“ kommunistisch, aber autoritär und undemokratisch ist. Der US-Kongress geht noch einen Schritt weiter, indem ein Gesetzentwurf aktualisiert wird, der „Hong Kong Human Rights and Democracy Act of 2019”. Es geht primär um eine Überprüfung gewisser Handelspräferenzen im Lichte der aktuellen Auseinandersetzungen. Aber die Details greifen sehr tief in die politische Autonomie Hongkongs ein, indem sie ultimativ bis 2020 die Wahl aller Abgeordneten im Legislative Council und die Abschaffung aller politischen Ernennungen fordern, Pressefreiheit ohnehin, und die Erfüllung aller demokratischen Forderungen der Bevölkerung. Solche ausländischen Eingriffe in Gesetzesform würden sich die USA vermutlich vehement verbitten. In China treffen sie indes auf ein Geschichtsverständnis, das die Erinnerung an hundert Jahre Ungleiche Verträge und die permanente Demütigung durch den “Westen”, gerade im Zusammenhang mit Hongkong, höchst lebendig erhalten hat. In Europa und in den USA ist die Zeit der Plünderung Chinas durch imperialistische Projekte, allen voran durch Großbritannien, aber auch durch Russland, Deutschland und Japan, weitestgehend verdrängt worden.

Und gerade Hongkong ist dabei eins der prominentesten Symbole. Im Westen wenig beachtet, hat China 1997 zur Rückgabe der Kronkolonie einen monumentalen Film über den ersten Opiumkrieg drehen lassen, denn mit diesem Krieg fing die Epoche der Demütigungen eigentlich richtig an. Am Anfang der britischen Expansion in Asien stand die East India Company (EIC), eine Aktiengesellschaft englischer Kaufleute, am 31. Dezember 1600 mit einem königlichen Privileg für den Fernosthandel versehen, und ihre Entwicklung zu einem gigantischen Unternehmen, das eine eigene Armee unterhielt und schließlich fast die Hälfte des damaligen Welthandels monopolisierte. Nachdem Indien im Laufe des 17. Jahrhunderts weitestgehend in die Hand der EIC geraten war, lockte der Handel mit China, während gleichzeitig die heimische Nachfrage nach chinesischem Tee rapide anstieg. Für die britischen Händler enttäuschend war, daß China an den Angeboten der “ausländischen Barbaren” kaum interessiert war und für seinen Tee in Silber bezahlt werden wollte. Als das Silber immer knapper wurde, kam die EIC auf die Idee, das in großen Mengen im britischen Indien angebaute Opium als Zahlungsmittel einzusetzen. Gegen kaiserliche Verbote gingen die Opiumlieferungen durch korrupte Zollbeamte und Schmuggler in immer größeren Mengen nach China. Nachdem Queen Victoria einen Brief mit der Bitte um Einstellung des Opiumexports nicht beantwortet hatte, gaben Gegenmaßnahmen zur Durchsetzung des Verbots und die Vernichtung einer großen Lieferung schließlich den Vorwand zum ersten Opiumkrieg (1839-42), in dem die EIC und die britische Marine leichtes Spiel mit einer technisch-militärisch hoffnungslos unterlegenen chinesischen Armee hatten. Der Krieg endete im August 1842 mit dem Friedensvertrag von Nanjing, dem ersten der Ungleichen Verträge, und der Abtretung von Hongkong, das damit zur Kronkolonie des Britischen Empire wird. Die Stadt wird aber auch einer der wichtigsten Umschlagplätze für den britischen Opiumhandel und damit auch zum Finanzplatz. Die Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC), bis heute eine der britischen internationalen Großbanken, wickelt den Handel mit China und den exponentiell wachsenden Opiumexport ab, allein im Jahre 1880 insgesamt 6.500 Tonnen. Die britische Handelsfirma Jardine and Matheson, gegründet von den Schotten William Jardine and James Matheson, residiert seit 1842 in Hongkong und entwickelt sich vom Handel mit Tee und Opium zu dem heutigen Weltkonzern mit weitgespannten Interessen.

Zweifel an der moralischen Berechtigung des Opiumhandels und der Aufteilung Chinas nach den imperialen Interessen der damaligen Großmächte waren den Zeitgenossen in Europa durchaus bewusst. Einschlägige Literatur des 19. Jahrhunderts und zahlreiche politische Karikaturen belegen das sehr eindrucksvoll. Vor allem christliche Missionare verurteilten diese Praktiken und machten auf die verheerenden Auswirkungen in China aufmerksam. Aber die Handels- und Machtinteressen des Empire blockten alle westlichen Versuche ab, den Opiumhandel zu verbieten. In den nach dem Zweiten Weltkrieg verbliebenen britischen Kolonien wie Singapur und Malaysia trug der kontrollierte Verkauf von Opium bis zur Unabhängigkeit 1963 nicht unerheblich zu den kolonialen Steuereinnahmen bei. In China brachte erst der Sieg der Kommunisten 1949 unter Mao Tse Dung ein Ende des Opium-Missbrauchs und des eigenen Opiumanbaus, besonders in Yunnan. Für die nach Taiwan geflüchtete nationalchinesische Regierung unter Chiang Kai-sheck blieb der Opiumhandel, nun ins Goldene Dreieck abgedrängt, allerdings die wichtigste Finanzierungsquelle bis zum wirtschaftlichen Durchbruch des Inselstaates.

Dieser kurze Blick in die Geschichte Hongkongs und die chinesischen Erfahrungen mit „dem Westen“ sowie die späte Rückgabe Hongkongs erst 1997 lassen ahnen, daß die Regenschirmrevolution und die seit Jahren anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen eher separatistischen auf der einen und pro-chinesischen Bürgern Hongkongs auf der anderen Seite politisch und emotional sehr viel tiefer gehen als die Fernsehbilder vom Flughafen oder den U-Bahnen der Metropole uns zu Hause ahnen lassen. Vor allem in der mit den wirtschaftlichen Erfolgen immer selbstbewussteren Volksrepublik, zusätzlich unter dem Druck der Trumpschen Eindämmungspolitik, sind moralische Unterstützung für vermutete demokratische Freiheitskämpfer in Hongkong und Gesetzesinitiativen der USA weit mehr als eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Und im Rückblick auf den Kampf Hongkonger Politiker wie Martin Lee oder Emily Lau, die lange vor 1997 auf das Demokratiedefizit der Kronkolonie hingewiesen hatten, sind britische Flaggen unter den Demonstranten ein glatter Hohn.

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