“Eine bedrohliche Entwicklung im Fernen Osten”

Wolfgang Sachsenröder8.06.2019Politik, Wirtschaft

Präsident Trump scheut sich selten, komplizierte politische Zusammenhänge auf eine griffige Formel zu verkürzen und kommt damit bei vielen seiner Wähler gut an.

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Seine Behauptung, daß “die Chinesen” amerikanische Jobs gestohlen hätten liegt nicht ganz neben der Realität, ganze Industriezweige der USA sind in der Tat nicht mehr konkurrenzfähig, aber nicht nur gegenüber China, sondern auch Europa. Trump lässt aber einen Teil der Wahrheit weg, denn die amerikanische Beschäftigungssituation ist zur Zeit so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
In Washington sind es indessen nicht nur Trumps notorische Falken wie Sicherheitsberater John Bolton, Außenminister Mike Pompeo oder der Ex-Berater Steve Bannon, die den Aufstieg Chinas als Bedrohung für die Vormachtstellung der letzten Supermacht empfinden. Bannon gehört zum illustren Kreis des erst am 25. März 2019 gegründeten “Committee on the Present Danger: China”, das Amerika vor allem vor der Kommunistische Partei Chinas schützen will. Auch unter den professionellen Auguren in den Thinktanks, etwa Robert Daly, Direktor des „Kissinger Institute on China and the United States“ im Wilson Center, sieht man die Gefahr, dass China die USA auf vielen Gebieten in den Schatten stellen könnte. In einem Interview mit der FAZ vom 25. Mai sagt Daly, dass es nicht nur um den wirtschaftlichen Wettbewerb gehe, sondern auch um Ideologie und Regierungsform, im Klartext um Demokratie und Menschenrechte als Softpower-Export der USA im Gegensatz zur autoritären Regierung in Peking.

Ein gewichtiges Element im Bedrohungs-Szenario ist die Frage von Technologietransfers und der Vorwurf, China stehle Patente und Produktionsgeheimnisse ohne Rücksicht auf den Schutz von intellektuellem Eigentum. Das ist in der Tat ein schwacher Punkt für China in den letzten Jahrzehnten gewesen. Aber Industriespionage ist auch im Westen unter verbündeten Industrienationen nicht gerade unüblich und weit von ihrer Ausrottung entfernt. Der eskalierende Handelskrieg und die ständige Ausweitung der Einfuhrzölle fordern nun die ersten Opfer auf beiden Seiten. Die rund 380.000 chinesischen Studenten in den USA, die schon länger mit überdurchschnittlichen Examensleistungen aufgefallen waren, treffen bereits auf deutlich erschwerte Einstellungsbedingungen bei den mit China stark vernetzen Industriegiganten Intel, Qualcomm oder Globalfoundries. Die Furcht vor Industriespionage schlägt also auf die Forschung und die High-Tech-Firmen durch. Ob chinesische Absolventen aus den bevorzugten Natur- und Ingenieurwissenschaften in Zukunft den technischen Marktführern fehlen werden, ist noch in der Diskussion, allerdings kommen aus den Führungsetagen bereits Warnungen an Präsident Trump, dass Engpässe den USA mehr schaden könnten als China, das mit einer mehr als viermal so großen Bevölkerung ohnehin das größere Talentreservoir hat und auf manchen Feldern bereits im Vorteil ist, etwa der künstlichen Intelligenz.

Die chinesische Seite beteuert Gelassenheit im Handelsstreit, hat sie doch mit Giganten wie Huawei schon fast die weltweite technologische Marktführerschaft auf begrenzten Gebieten erreicht. Für viele im Westen nicht unmittelbar verständlich, pocht China auf Augenhöhe und Würde, fühlt, dass die USA seinen Aufstieg in Grenzen halten wollen. Dieses Misstrauen hat tiefe historische Gründe, für die Präsident Trumps Geschichtskenntnisse und die seiner Entourage wahrscheinlich nicht ausreichen.

Als die britische East India Company gegen Ende des 17. Jahrhunderts chinesischen Tee, Seide und Porzellan in großen Mengen aus China importierte und die Nachfrage in England immer weiter anstieg, interessierte sich China keineswegs für britische Importwaren und wollte in Silber bezahlt werden. Als den Briten das Silber knapp wurde, überschwemmten sie das schwache Kaiserreich mit Opium, erst durch Schmuggel, dann durch zwei Kriege. Kurz nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten 1776 beteiligten sich amerikanische Kaufleute mit ihren legendären Clipper-Seglern, die viel schneller waren als die britischen Handelsschiffe, am lukrativen Opiumhandel zwischen Indien und China. Mit Schnelligkeit und platzsparender Ladung von Tee und Opium hatten sie erhebliche Wettbewerbsvorteile. Europa wusste durchaus, was sich im fernen Osten abspielte. Eine Zeichnung des französischen Satirikers Honoré Daumier zeigt einen britischen Offizier, der einen vor ihm stehenden Chinesen aus einer Riesenflasche mit Opium abfüllt. Interne moralische Kritik gab es auch, vor allem aus religiösen Kreisen. Der spätere Premierminister Gladstone war ein heftiger Gegner dieser Politik.

Die Folgen der Opiumepidemie in China waren ein zunehmender wirtschaftlicher Niedergang und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhebliche Auswanderungswellen ins benachbarte Südostasien, aber auch in großer Zahl in die USA. Dieser Export billiger Arbeitskräfte, auch „Kulihandel“ genannt, war 1868 im chinesisch-amerikanischen „Burlingame Treaty“ ermöglicht worden. Die genügsamen, zähen und hart arbeitenden chinesischen Migranten sahen sich aber bald massiven Ressentiments ausgesetzt. Die amerikanischen Arbeiter fürchteten, dass die Chinesen die Löhne drücken und ihnen die Jobs stehlen würden, aber Rassentheoretiker standen ebenfalls bereit, die Unterwanderung der Nation zu verhindern, die üblichen Reaktionen auf massive Einwanderung. Daraufhin beschloss der Kongress im Jahre 1882 den „Chinese Exclusion Act“, der Chinesen von der Einreise ausschloss, mit Ausnahme von Kaufleuten, Studenten, Lehrern und Diplomaten. Die folgende Ära wird heute noch von chinesischen Amerikanern als eine Phase des Terrors beschrieben, weil die Diskriminierung durch das Gesetz legitimiert und damit salonfähig war. Erst 1943 bezeichnete Präsident Roosevelt den „Chinese Exclusion Act“ als historischen Fehler und ließ ihn annullieren, aber da wurde China im Krieg gegen Japan als nützlich und wichtig angesehen.
Die britischen Opiumkriege, waffentechnisch höchst ungleich, führten zu einem Run der europäischen Mächte auf das schwache und gedemütigte China, das nicht nur Honkong abgeben musste, sondern weite Gebiete als Kolonien an die Europäer, einschließlich Deutschland. Die folgenden „Ungleichen Verträge“ beinhalteten auch massive Eingriffe in die interne Verwaltung des Kaiserreichs, erhebliche handelspolitische Zugeständnisse, Reparationen und die Öffnung für christliche Missionare. Die ganze traumatisierende Epoche ist im chinesischen Nationalbewußtsein sehr viel präsenter als im Westen, der sie weitgehend aus seinen Geschichtsbüchern verdrängt hat. Unhistorisch wie Gorge W. Bushs naive Frage „Why do they hate us?“ ist auch das Ignorieren der chinesischen Forderung nach Augenhöhe und Würde im heutigen Handelsstreit.

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