Die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten haben ausgedient

von Wolfgang Ockenfels4.05.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Der antiautoritĂ€re Habitus der intellektuellen Avantgarde, die „vorwĂ€rts“ schreiten und gerade nicht als „Elite“ ĂŒber den HĂ€uptern des Establishments herrschen wollte, hat sich bis zur Unkenntlichkeit in jene regime-treue Herrschaftsergebenheit verkrustet, die durch political correctness und mediale Propaganda krampfhaft ihre alten Privilegien zu konservieren versucht.

Zu Geburtstagen sollte man besser kondolieren als gratulieren. Denn sie erinnern an die triviale Tatsache, daß man wieder ein Jahr Ă€lter und damit hinfĂ€lliger geworden ist. Traditionelle Katholiken feiern lieber ihren Namenstag, der sie an Heilige als ermutigende Vorbilder und Schutzpatrone denken lĂ€ĂŸt.

Einem schwierigen Geburtstagskind wird in diesem Jahr zum fĂŒnfzigsten Wie-genfest gratuliert. Es trĂ€gt den Namen, pardon: die Ziffer Achtundsechzig. Wer die Eltern dieses Kindes waren, dessen Herkunft vielleicht auf eine Findelkindschaft oder einen Wechselbalg oder auf ein genderideologisches Konstrukt verweist, bleibt ungewiß und somit der Historiographie ĂŒberlassen. Unsere Ver-gangenheitsbewĂ€ltiger, die „raunenden Beschwörer des Imperfekts“, wie Thomas Mann sie nannte, neigen dazu, die vielen aufeinanderfolgenden Individuen in Generationslager einzusperren, so daß „die Achtundsechziger“ als fortwirkende TrĂ€ger eines permanenten Fortschritts – oder eben auch Niedergangs gelten.

Ich verbitte mir solche Vereinnahmungen und nehme fĂŒr mich in Anspruch, nicht einmal als Gymnasiast und Student jenen Gesellungen und Gesinnungen beigetreten zu sein, die den 68ern zugeschrieben werden. Nach dem Besuch mehrerer Klassentreffen verfestigt sich der Eindruck, daß hier keine Veteranen ihre Fronterlebnisse austauschen, sondern die kollektivierten Kinder ihrer Zeit mit dem Bade ausgeschĂŒttet wurden und sich im Sande verlaufen haben, um ziemlich schrĂ€ge Metaphern zu verwenden. In jenen Zeiten, die ich vorwiegend im Kloster Walberberg betend und studierend verbrachte, konnte man freilich schon jenen theologischen Weltgeist verspĂŒren, der vom II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) ausging, von dem meine alte Tante behauptete, nach dem Konzil sei doch „alles nicht mehr so streng“. Man hatte, wie Karl Kraus ĂŒber Heinrich Heine und das Feuilleton sagte, auch sprachlich „das Mieder gelockert“.

Es ging also sehr locker zu, damals. NĂ€chtelang wurde politisch-theologisch diskutiert, bei geöffnetem Fenster, um ja nicht die Morgenröte der Weltrevolution zu versĂ€umen, deren Subjekte aber nicht in den einheimischen Arbeitern und Armen, sondern in deren Dritte-Welt-Substituten zu suchen waren. Karl Marx war zwar als Ökonomiker erledigt, aber sein materialistischer Humanismus zog progressive Theologen und Soziologen an, die sich als prophetische WortfĂŒhrer aufspielten und eine zahlreiche Gefolgschaft erlangten. Ihre pseudoreligiösen Verheißungen politischer Emanzipation von UnterdrĂŒckung und Ausbeutung, ihre pathetischen Beschwörungen des „neuen Menschen“ in einer „neuen Gesellschaft“ klingen heute nur noch naiv und weltfremd. Besonders dann, wenn sie immer noch papageienhaft nachgeplappert werden von Leuten, die lĂ€ngst in Rente gegangen sind und von dem „System“ profitieren, das sie seinerzeit bis aufs Messer bekĂ€mpften. Das gilt hinsichtlich des „Kapitalismus“ wie auch fĂŒr die „sexuelle Befreiung“, die von Leuten wie Oswald Kolle, Beate Uhse und anderen Sexualdemokraten reprĂ€sentiert wurden, welche die Folgen ihrer VerhĂŒtungs- und Abtreibungspropaganda, nĂ€mlich die Kinderlosigkeit, nicht am eigenen Leibe – durch Rentenentzug – erleben durften. „Keine Kinder – keine Rente“ ist eine weltgeschichtliche Erfahrung, die den durch eine falsche Sozialpolitik verblendeten EuropĂ€ern bisher entgangen ist. Ein Kindermangel, der nun durch Masseneinwanderung kompensiert werden soll, fĂŒhrt jetzt schon zu Turbulenzen.

Es ist schade, daß die damals revolutionĂ€ren Forderungen, nachdem sie teilweise realisiert, nicht vornehmlich von denen erlitten wurden, die sie erhoben. Das hĂ€tte doch wenigstens der innerweltlichen Gerechtigkeit oder einem pĂ€dagogisch-politischen Nutzen gedient. Dabei ist nicht einmal klar, was wem genau zuzuschreiben ist. Waren es die Neomarxisten der „Frankfurter Schule“, auf die sich heute kaum einer der damals Progressiven beruft, weil sie – wie Theodor W. Adorno – auf eine gefĂ€hrliche „Dialektik der AufklĂ€rung“ aufmerksam machten und die Selbstverwirklichungsphrasen kritisierten? Oder Max Horkheimer, dem die Demontage gesellschaftlicher Institutionen, vor allem von Ehe und Familie zuwider war? Dieser Horkheimer, der die 68er „Pillen“-Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) von Papst Paul VI. verteidigte, indem er gegen die Trennung von SexualitĂ€t, Liebe und Fortpflanzung Einspruch erhob? Nicht zu vergessen ist der Philosoph Georg Gadamer, dem die systematische Verunglimpfung der Mutterschaft ein Greuel war. Solche Einsichten sollten sich vielleicht auch einige deut-sche Bischöfe mal hinter die Ohren schreiben.

DarĂŒber wird – trotz der von JĂŒrgen Habermas, dem ideologischen Idol und Reptil der Achtundsechziger geforderten „herrschaftsfreien“ Diskursethik – kaum noch frei diskutiert. Der antiautoritĂ€re Habitus der intellektuellen Avantgarde, die „vorwĂ€rts“ schreiten und gerade nicht als „Elite“ ĂŒber den HĂ€uptern des Establishments herrschen wollte, hat sich bis zur Unkenntlichkeit in jene regime-treue Herrschaftsergebenheit verkrustet, die durch political correctness und mediale Propaganda krampfhaft ihre alten Privilegien zu konservieren versucht.

Dagegen verwahrt sich inzwischen eine rĂŒhrige Opposition, die nicht bloß die Argumentationsmuster der Alt-68er aufgreift (gegen politische UnterdrĂŒckung und ökonomische Ausbeutung), sondern sogar noch die Stirn besitzt, sich jene Protestformen anzueignen, die damals, als „die 68er“ politisch-publizistisch erfolgreich vorgingen, das öffentliche Terrain behaupteten. Diese Übernahme ist natĂŒrlich aus Sicht der frĂŒheren Krawallmacher und GewalttĂ€ter krĂ€nkend und unverzeihlich. Aber auch bĂŒrgerlich-konservative Kreise sind besorgt. Nun de-monstriert man wieder auf Straßen und PlĂ€tzen, was die nicht fĂŒr nötig befinden, die noch ĂŒber eigene publizistische Foren verfĂŒgen. Aber diese sind weithin abhandengekommen. Und es ist kein Verlaß mehr auf Printmedien wie die FAZ und die Kirchenzeitungen.

Die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten haben als Informationsquellen ausgedient, und es bleibt fast nur noch das Internet als „alternativer underground“. Die neuen „alternativen 68er“ verdienen Aufmerksamkeit schon deshalb, weil sie argumentativ besser gewappnet sind als jene, die sie gedankenlos ausgrenzen.

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