So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht. Margaret Thatcher

Wie das „Kuratieren“ den Journalismus verändert

Immer häufiger wird in der Medienbranche vom „Kuratieren“ gesprochen. Ist die Verwendung dieses Wortes nur eine Modeerscheinung, oder steckt mehr dahinter?

Das Verb „kuratieren“ wurde früher vor allem für eine ganz bestimmte Tätigkeit verwendet, nämlich: „eine Ausstellung organisieren“. Die Kuratorin bzw. der Kurator kümmerte sich um die Auswahl und die Platzierung der künstlerischen Werke und das nötige Drumherum.
Als dann zunehmend Leute ins „Medienbusiness“ drängten, die keine Journalisten waren, sondern im weitesten Sinne „Kreative“, machte sich das „Kuratieren von Inhalten“ auch im Journalismus breit, denn das Netz bot die Möglichkeit, eigene und fremde Inhalte auch außerhalb der traditionellen (Presse-)Verlage anzubieten oder auf diese Inhalte hinzuweisen. Ralf Schlüter schrieb 2013 im Kunstmagazin „art“:

„Seit die Teilnehmer von sozialen Netzwerken ihre Informationen nicht mehr zusammenstellen, sondern ,kuratieren‘, ist der Kunstszene ein zentraler Begriff abhandengekommen.“

Kuratieren klingt besser als Gatekeeping

Aber was bedeutet das für den Journalismus? Was verändert sich, wenn nun auch Texte ständig „kuratiert“ werden? Wieso reicht das Wort „Redaktionsarbeit“ für solche Tätigkeiten nicht aus? Auswählen, sortieren, aufbereiten, informieren – das ist ja nichts anderes als Redaktionsarbeit. Ist die Umbenennung also rein kosmetisch? Soll „kuratieren“ nur werthaltiger, gebildeter und relevanter klingen als „Arbeit“? Oder hat sich da ein zusätzlicher Markt gebildet, einer, der dem Journalismus nachgelagert ist und diesen im Kern nicht beeinflusst?

Zugegeben, das Wort „kuratieren“ sieht auf den ersten Blick wie eine kosmetische Aufhübschung aus. Journalismus wird „kuratiert“, seit jüngere Verlagsmanager, die nicht aus dem ‚reinen‘ Journalismus, sondern aus der Content-Verarbeitung kommen, den Veredelungscharakter des Wortes „kuratieren“ schätzen gelernt haben. Das Verb „kuratieren“ überdeckt den gravierenden Bedeutungsverlust des Schreibens und lädt das, was kompetente Presseausschnitt-Dienste, Empfehlungslisten, Aggregatoren und ähnliche Serviceagenturen leisten, mit neuer, schöpferischer Bedeutung auf. Wegen der lateinischen Wurzel des Verbs („curare“) dürfen Kuratoren ihre Tätigkeit sogar als Pflege und Sorge verstehen, und müssen sich nicht mehr, wie in den Anfangszeiten des Internets üblich, als böse Gatekeeper beschimpfen lassen. Der medizinisch angehauchte Terminus vermittelt ihnen eine Aura von Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Wie die Hebamme dem Kind, so hilft der Kurator dem journalistischen Werk uneigennützig ans Licht.

Es ist auch richtig, dass der häufige Gebrauch des Wortes „kuratieren“ auf das Entstehen eines zusätzlichen Markts verweist. Das, was Journalisten recherchieren und schreiben, wird durch immer mehr Kuratoren gesammelt, gesichtet, sortiert und intelligent verteilt. Experten, die auf bestimmten Gebieten besonders kompetent sind, teilen ihren Kunden mit, was diese lesen sollen. Die Filter- und Orientierungsfunktion in einer mit Nachrichten überfluteten Welt wird allgemein als wichtige Aufgabe erachtet, die neue Berufsfelder erzeugt oder ältere mit klangvolleren Namen versieht.

Doch kosmetische Aufhübschung und Zusatzmärkte erklären die Veränderungen nur oberflächlich. Im Gebrauch des Wortes „kuratieren“ steckt noch viel mehr: Die Organisationsstrukturen, in denen sich der Journalismus bewegt, werden durch das Kuratieren verändert, und diese Veränderungen wirken ihrerseits auf den Journalismus zurück: Im Zeitalter des Kuratierens steht nämlich nicht mehr der Redakteur im Zentrum des Journalismus, sondern der – zwischen Redaktion und Verlag verortete – Herausgeber.

Die Entmachtung der Redaktionen

Die Position des Herausgebers führte im Journalismus (Ausnahme: „FAZ“) lange ein Schattendasein und war für die tägliche Arbeit ungefähr so wichtig wie das Amt des Bundespräsidenten für die Regierungspolitik. Die Herausgeber – es handelte sich häufig um Autoritäten, die nicht direkt aus dem Journalismus kamen – wachten, ähnlich einem Aufsichtsrat, über das große Ganze, mischten sich ansonsten aber nicht in den laufenden Betrieb ein. Erst durch die Herausbildung von „Portalen“ und „Plattformen“ im Netz bekam das Amt des Herausgebers eine neue Bedeutung – und dies dürfte mit dem Aufstieg des Wortes „kuratieren“ zu tun haben.

Internet-Plattformen sind große Spielwiesen für die unterschiedlichsten Talente. Diese Talente (die Autoren) müssen sich frei bewegen können, um ein lebendiges Forum zu schaffen. Es wäre kontraproduktiv, sie auf eine gemeinsame Linie oder Idee zu verpflichten, wie das in Redaktionen (per Chefredakteur) üblich ist. Plattform-Autoren benötigen zwar eine Aufsicht, aber eben keine sichtbaren Vorturner. Die Mechanismen der Steuerung erfolgen auf viel subtilere Weise, durch winzige Änderungen im Code oder in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Ein Aufsichtsrat bzw. ein Herausgebergremium als Kontrollinstanz genügt. Durch nachgelagertes Kuratieren können Beiträge, die dem Haus besonders wichtig sind, gepusht werden, während man jene, die nicht gefallen, erst gar nicht kuratiert. Die Vorteile dieser Steuerungsform durch außer-redaktionelle Instanzen hat inzwischen auch das Verlagsmanagement erkannt.

Die Kehrseite der Entwicklung besteht in der Entmachtung der Redaktionen. Sie werden nicht nur personell ausgedünnt, sie werden zunehmend auf Dienstleistungs- und Putzarbeiten an den Inhalten beschränkt, während die konzeptionellen Entscheidungen (eben das Kuratieren) von journalismus-ferneren Funktionsträgern, etwa von Verlagsgeschäftsführern oder Herausgebern getroffen werden. Man muss sich nur die Impressi vieler Medien anschauen: Während die Indianer (also die Redakteure) immer weniger werden, nimmt die Zahl der Häuptlinge (der geschäftsführenden Chefs) dramatisch zu. Manche Redaktionen bestehen nur noch aus einer Person, während sich darüber eine Unzahl von überflüssigen Titel-Inhabern türmt.

Plattformen und Re-Feudalisierung

Das Organisationsprinzip der Plattform löst das althergebrachte Redaktionsprinzip auf, indem es unter dem emanzipatorischen Leitspruch „Freiheit für die Künstler“ auf das unmittelbare Bündnis zwischen Autor und Herausgeber (Kurator, Geschäftsführer etc.) setzt – unter bewusster Umgehung der lästigen und teilweise überflüssig gewordenen Redaktion. Das sogenannte Morning-Briefing, das manche Verlagsgeschäftsführer inzwischen mit Leidenschaft betreiben, ist ein Symptom dieser Machtverschiebung. Noch bevor die Redakteure in ihren Redaktionen eintreffen, hat der Verlagsmanager schon gepostet (also kuratiert), was heute gelesen werden sollte, was wichtig wird, was Furore machen könnte. Gabor Steingart, Herausgeber des „Handelsblatts“, hat dies als einer der Ersten begriffen.

Die Verlagsmanager, Herausgeber und Geschäftsführer imitieren auf diese Weise, was per Twitter und Facebook längst geschieht, und was die „taz“ jüngst zu dem Eingeständnis veranlasste, dass nicht mehr die „taz“-Chefredaktion bestimmt, was heute wichtig ist, sondern die Community der Whats-App-, Storify-, Twitter- und Facebook-Nutzer, die durch Empfehlung und Kritik die Inhalte der „taz“ kuratieren. Die redaktionelle Bedeutung der Aufmacher-Seiten in den Netz- und Printmedien geht deshalb überall zurück.

Begünstigt wird der Entmachtungsprozess der Redaktionen noch durch die phlegmatische Haltung der Redaktionen selbst, die ihre ureigensten Aufgaben nicht mehr erfüllen und die aktive Autorenpflege bzw. das Auswählen und Ausprobieren neuer Autoren vernachlässigen. Zug um Zug lassen sich die Redaktionen Entscheidungskompetenzen abnehmen, bis ihnen am Ende der Status einer besseren (Text-)Putzkraft bleibt oder sie – im besten Falle – in festangestellte Autorenpools umgewandelt werden.

Der neu entstehende Bund zwischen Kuratoren und Autoren (unter Ausschaltung des Mittelbaus Redaktion) sorgt zunächst für einen überaus positiven Effekt: Er führt zu einer Auflockerung der Inhalte, zu mutigen Experimenten, steilen Autorenkarrieren und einer überfälligen Kaltstellung bremsender Redaktionsbeamter. Allerdings führt er auch zu einer die Leser verwirrenden Konzeptionslosigkeit und einer redaktionellen Verwaschenheit, die Autoren-Plattformen und ihre entkernten Redaktionen oft so beliebig, gesichtslos und überfordert erscheinen lassen (ein Problem, das möglicherweise auch die Krautreporter haben).

Das Kuratieren von Texten mag also kurzfristig frischen Wind in die Redaktionsstuben pusten und eine vorübergehende Aufwertung freier Autoren zur Folge haben. Unter dem Deckmantel des Kuratierens findet aber zugleich eine Re-Feudalisierung hierarchischer Strukturen statt, die am Ende dazu führen könnte, dass weder Autoren noch Redaktionen viel zu sagen haben, weil sie den „Konzeptjournalismus“ umsetzen müssen, den herausgebende oder geschäftsführende Kuratoren am grünen Tisch für sie entwickeln.

Der Text ist bereits auf Wolfgang Michals Blog erschienen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Michal: Wie Europa wirklich entsteht

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