Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott sich darum kümmert. Martin Luther King

Sturmreif beschlossen?

Angeblich gefährdet die Mitarbeiter KG beim „Spiegel“ dessen Existenz. Dabei befreien sich die Angestellten nur aus ihrer Unmündigkeit und nehmen den Betrieb in die eigenen Hände. Eigentlich müssen wir diskutieren, wie diese Emanzipation weitergehen kann.

Was wurde wieder gelästert über das führende Nachrichtenmagazin, das die „Breaking News“ nur noch „in eigener Sache“ füttere: Chaostage beim „Spiegel“, Hauen und Stechen an der Ericusspitze, Mega-Eklat, Feuer unterm Dach, dicke Luft. Was halt so gängig ist an Konflikt-Metaphern in der Berichterstattung über Macht- und Verteilungskämpfe.

Doch was beim „Spiegel“ passiert, ist kein „absurdes Theater“, kein „Chaos“, kein „Niedergang“ und auch keine bloße „Besitzstandswahrung“ – es ist ein wichtiger Emanzipationsversuch. Der „Spiegel“ steht stellvertretend für den Umbruch der ganzen Branche. Denn es zeigt sich immer deutlicher: Die Journalisten der Zukunft müssen ihre Verlage (wohl oder übel) selber führen, sonst werden ihre „Werke“ in den Nischen digitaler Gemischtwarenläden verschütt gehen, irgendwo zwischen Singlebörsen und Tierfutterverkauf, ganz unten bzw. ganz hinten im Regal.

Dass sich der Konflikt gerade beim „Spiegel“ so zuspitzt, ist natürlich kein Zufall. Der journalistische Emanzipationsprozess der Redaktion ist die Spätfolge jener politischen Avantgarde, die das Blatt in den Siebzigerjahren zum Kampfboden für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen „umfunktionieren“ wollte.

Das unterschwellige Narrativ der Medienberichterstattung

Damals probte eine Handvoll junger „Spiegel“-Redakteure den Aufstand gegen den Chef. Mit dem überraschenden Ergebnis, dass Rudolf Augstein – um die Avantgarde zu ärgern und seine tief sitzende Angst vor dem Umsturz zu lindern – die Hälfte seines Unternehmens an die „normalen“ (nicht-radikalen) Angestellten verschenkte; ein Schenkungsakt, der zwar nicht an die Dimension der Pippinschen Schenkung von 756 heranreichte, aber doch maßgeblich dazu beitrug, dass das Magazin heute im Zentrum der Medienbeobachtung steht.

Es gibt nicht wenige in der Branche, die dem seltsamen Gebilde, das aus dieser Schenkung hervorging, ein baldiges und unrühmliches Ende wünschen, obwohl das Funktionieren dieses Mit- und Selbstbestimmungsmodells in ihrem eigenen Interesse läge (aber leider ist der Neid auf die Privilegien der anderen meist stärker als die Freude über deren Errungenschaften, vor allem, wenn man selber in prekären Verhältnissen lebt. Die gekündigte „Geo“-Redakteurin Gabriele Riedle hat diesen Sozialneid kürzlich erst erfahren dürfen).

Die Mitarbeiter KG, so das unterschwellige Narrativ der Medienberichterstattung über den „Spiegel“, gefährde die Existenz des Unternehmens, denn ein Kollektiv ersetze nun mal keinen starken Monarchen. Außerdem sei das Kollektiv, dessen Name so harmlos klinge wie Zweckgesellschaft, eine höchst gefährliche Mischung aus Römischer Kurie, Sowjetmacht und Beamtenstaat: verkalkt, strukturkonservativ, elitär und im Herzen reaktionär. Die verschlafen doch jede moderne Entwicklung, vielleicht sogar Buzzfeed und Heftig.co.

Doch das, was beim „Spiegel“ rumort, muss man als schwierigen, nicht immer geradlinigen, oft schlecht kommunizierten Emanzipationsprozess verstehen. Die Angestellten befreien sich – Zug um Zug – aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit und nehmen den Betrieb in die eigenen Hände. Das ist der Kern dessen, was beim „Spiegel“ passiert.

Zwar existiert die Mitarbeiter KG schon seit 1974, aber erst mit dem Tod des „Spiegel“-Gründers und Übervaters Rudolf Augstein im November 2002 begann sie, ihre faktische Emanzipation tatsächlich wahrzunehmen und praktischen Gebrauch von ihr zu machen. Davor stand sie lediglich auf dem Papier, weil keiner aus den Reihen der KG es wagte, sich gegen den Alten aufzulehnen oder gar eigenmächtig Personalentscheidungen zu treffen. Im Grunde begann der Machtkampf beim „Spiegel“ also erst mit Augsteins Tod. In den Jahren davor bissen die (unschuldig) Emanzipierten lieber – wie Cordt Schnibben – in die Tischkante und schwiegen. Acht Jahre, von 1994 bis 2002, blieb es ruhig. In dieser langen Inkubationsphase entwickelte der journalistische Emanzipationsvirus heimlich seine Kraft.

Politischer Nepotismus geht beim „Spiegel“ aber gar nicht

Im Jahre acht vor Augsteins Tod wurde der Fernsehmann Stefan Aust von Rudolf Augstein zum Chefredakteur berufen – und zwar gegen den Willen der Redaktion. Helmut Markwort hatte gerade das Magazin „Focus“ auf den Markt geworfen und der „Spiegel“ fürchtete Anzeigen- und Auflagenschwund (was in geringem Maße auch eintrat).

Stefan Aust, unterstützt von seinem Mentor Augstein, betrachtete die „Spiegel“-Redaktion als Gestüt und führte das Blatt entsprechend autoritär. Er war der letzte Chefredakteur, den das Internet noch nicht wirklich bedrohte, deshalb konnte er einigermaßen erfolgreich Auflage machen. Das stieg ihm zu Kopf. Nach Augsteins Tod krönte er sich selbst zum Kaiser, indem er frech verkündete, dass es nun keinen „Spiegel“-Herausgeber mehr geben könne, da niemand in die großen Schuhe des Gründervaters passe. Diese Aussage wurde ihm übel genommen, insbesondere von der Erbin und Augstein-Tochter Franziska. So viel Selbstüberhöhung passte nicht zu einem republikanischen Blatt.

Kurz darauf begann der Stellungskrieg der Mitarbeiter KG gegen Aust. 2004 gab es erstmals Probleme mit dessen Vertragsverlängerung. Aust hatte einen windkraftfreundlichen Artikel aus dem Blatt gekippt und ihn durch den Titel „Der Windmühlen-Wahn“ ersetzt. Das war dreist. Die Mitarbeiter KG warf ihm daraufhin Qualitätsmängel, schlechten Führungsstil und mangelnde Innovationskraft vor. Aust juckte das nicht.

Während des Wahlkampfs 2005 setzte er sich von der bröckelnden rot-grünen Mehrheit des Basta-Kanzlers und seiner „Spiegel“-Redaktion ab und ließ offen einen Pro-Merkel-Kurs erkennen. Außerdem wollte er seinen Buddy Gabor Steingart, den damaligen Leiter des Berliner Hauptstadtbüros, als seinen Nachfolger aufbauen. Politischer Nepotismus geht beim „Spiegel“ aber gar nicht.

Mit jedem Konflikt wuchs das Selbstbewusstsein der KG

Die Redaktion fürchtete einen Kurswechsel und stellte sich immer unverschämter gegen die Aust-Steingart-Connection. Franziska Augstein warf dem Blatt „Geschwätzigkeit“ vor. Erst 2007 folgte der entscheidende Schlag: Die Mitarbeiter KG eröffnete ihrem Zampano Aust, sie werde seinen Vertrag über 2008 hinaus nicht verlängern. Anschließend wurde der langjährige Geschäftsführer und Aust-Intimus Karl Dietrich Seikel auf Betreiben der Mitarbeiter KG entlassen und durch den Gruner-&-Jahr-Mann Mario Frank ersetzt. Zu guter Letzt fiel Austs Kronprinz Gabor Steingart bei der Wahl zur Geschäftsführung der Mitarbeiter KG durch. Von den abgegebenen 327 Stimmen erhielt er gerade mal 69. Die Troika Aust-Seikel-Steingart war damit Geschichte (und die Troika Büchner-Saffe-Blome noch nicht installiert, aber Geschichte ereignet sich ja immer zweimal, einmal als Tragödie und einmal als Farce). Im Februar 2008 wurde Aust in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit sofortiger Wirkung freigestellt. Und weil man die eigene Kraft noch nicht recht glauben mochte, zwickte man sich abermals in den Arm und schickte Mario Frank, den Gruner-&-Jahr-Mann, gleich hinterher.

Die KG plädierte nun für eine hausinterne Lösung und beförderte Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron in die Chefredaktion. Die beiden kannte man schon, das war ein Vorteil, doch irgendwann hatte man auch diese beiden Chefs gefressen (die Revolution frisst ihre Kinder, die schmecken nämlich am besten).

Und weil die Abfolge „externe Lösung-interne Lösung“ so schön war, ließ man die ganze Emanzipationsveranstaltung noch ein zweites Mal ablaufen, gewissermaßen zur Sicherheit. Zuerst kam die externe Troika Büchner-Saffe-Blome, anschließend das interne Duo Brinkbäumer-Harms. Und jedes Mal agierten Redaktion und KG ein Stück selbstbewusster. Konnten sie 1994 noch gar nicht fassen, dass sie die Macht tatsächlich besaßen, war es 2014 schon ein Akt routinierten Machterhalts (so, als hätten Redaktion und KG das kaltblütige Risikobewusstsein Frank und Claire Underwoods serienmäßig verinnerlicht).

Während draußen alle Medienbeobachter entnervt „Hört auf mit eurer Krise!“ brüllten, brachten drinnen die „Spiegel“-Angestellten ihr Ding von Unterschriftenliste zu Unterschriftenliste unter Dach und Fach. Nie war die Mitarbeiter KG stärker als heute. Fast genießt sie es, so viele Feinde da draußen zu haben. Der Facebook-Brief Cordt Schnibbens an die Geschassten war ja kein Nachtreten, sondern ein Zeichen der Macht: Wir lassen uns das Geschwätz von oben oder von außen nicht länger bieten. Wir machen den „Spiegel“, nicht ihr! Fidel Castro, eines der Jugendidole der jetzigen Ressortleiter-Generation, hätte es wohl so ausgedrückt: „Wir werden hier kämpfen, so lange es nötig ist.“

Nach der Schenkung ist vor der Schenkung

Eigentlich muss man den Emanzipationsprozess der Mitarbeiter KG bewundern. Es ist eine fast schon märchenhafte Erfolgsgeschichte. Eine der wenigen, die wir aus der betrieblichen Arbeitswelt kennen – deshalb sollten wir nicht herabschauen auf „das Chaos“ beim „Spiegel“ oder besorgt von der „fatalen Eigentümerstruktur“ sprechen, sondern lieber diskutieren, wie der Emanzipationsprozess weitergehen könnte, etwa durch die Einbeziehung von „Spiegel Online“, die innerbetriebliche Gleichstellung der „Spiegel“-Frauen (auf allen Ebenen) und die fällige (Gewinn-)Beteiligung der „Spiegel“-Freien.

Denn eins muss der Mitarbeiter KG doch klar sein: Ihre Macht hat sie nicht aus eigener Kraft erkämpft (das waren andere), sie hat sie geschenkt bekommen. An der Großzügigkeit Rudolf Augsteins muss sich die Mitarbeiter KG heute messen lassen.

Der Beitrag ist auf Wolfgang Michals Blog erschienen.

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