Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann darüber soll man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Mahnwache für Nadja Auermann

Die Reaktion der deutschen Medien auf die Festnahme des Künstlers Ai Weiwei sagt mehr über die platte Sichtweise der hiesigen Journalisten aus als über das chinesische System. Basis der Berichterstattung sind Mutmaßungen, nicht Fakten – oder weshalb wird keine Mahnwache für Nadja Auermann gefordert?

Als sich das Model Nadja Auermann dieser Tage wegen möglicher Steuerhinterziehung vor Gericht zu verantworten hatte, gab es in der deutschen Presse keinen Aufschrei, keine Mahnwachen wurden gefordert, keine Schließung von Ausstellungen und Museen drohte. Ähnlich war es vor Kurzem im Falle von Oliver Kahn, der aus Dubai unverzollt Designerklamotten einzuschmuggeln versuchte und tatsächlicher Steuerhinterziehung überführt wurde. Wer sieht hierzulande schon einen politischen Akt, wenn die Hautevolee für ihre unversteuerten Millionengewinne vom Staate zur Rechenschaft gezogen wird? Niemand, denn jeder brave Steuerzahler sieht da nur Gerechtigkeit walten.

Warum regt sich die deutsche Presse so auf?

Doch warum regen sich die deutsche Presse und mitunter auch die deutsche Öffentlichkeit so auf, wenn in China ein namhafter Künstler ähnlicher Vergehen angeklagt und in Untersuchungshaft genommen wird? Die Begründung für den deutschen Protest in Sachen Ai Weiwei lautet unisono: Nicht steuerliche, sondern unliebsame politische Dinge seien der wahre Anlass für die Inhaftierung gewesen.

Hier ergeben sich für mich zwei Probleme: 1. Was ist die Grundlage einer solchen Sicht der Geschehnisse? Einsicht in die chinesischen Akten? Gespräche auf chinesisch mit Freunden oder Bekannten? Genaue Kenntnisse der Vermögensverhältnisse? 2. Warum spricht niemand wie im Falle Auermann auch von möglicher Steuerhinterziehung? Hier schleicht sich der Verdacht ein, dass über der politischen Frage die Sache mit dem Fiskus für die Presse zum Kavaliersdelikt geworden ist, der zu vernachlässigen sei.

Steuerhinterziehung ist eine Straftat, von der sich auch kein gesellschaftlich engagierter Künstler von eigenen Gnaden freisprechen kann. Während meiner letzten Vortragsreisen durch China im April und Mai hatte ich Gelegenheit, mit chinesischen Künstlern, Autoren, Professoren, Intellektuellen über den Fall Ai Weiwei zu sprechen. Alle waren einhellig der Auffassung, dass Ai Weiwei Steuern hinterzogen habe. Begründung: Alle chinesischen Künstler leiten Gelder am chinesischen Finanzamt vorbei nach Hongkong weiter. Doch schlimmer noch: Alle Chinesen sähen zu, möglichst keine Steuern zahlen zu müssen. Die Chinesen, ein Volk von Steuerhinterziehern?

Steuerhinterziehung als Volkssport

Hatte von den Befragten in China jemand Mitleid mit Ai Weiwei? Nein! Man war zwar allgemein der Auffassung, dass die Tatsache der Steuerhinterziehung nur ein Vorwand gewesen sei, aber da habe er eben Pech gehabt. Steuerhinterziehung als Volkssport verlange eine bestimmte Vorsichtsmaßnahme, die habe er vernachlässigt. Man darf sich nicht erwischen lassen: Das scheint für China leider so zu gelten wie für Deutschland.

Liest man den ausführlichen Bericht, den der Zeitzeuge Bei Ling für die „Frankfurter Allgemeine“ jüngst (14.5.2011) zu dem jungen Ai Weiwei verfasst hat, weniger tolerant, dann drängt sich der Eindruck auf, dass unser umstrittener Künstler auch früher schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Er lebte während der 90er-Jahre illegal in New York, betätigte sich dort als Hehler, war Exhibitionist und wahrscheinlich auch Spanner, alles Dinge, die einem Künstler als Künstler hierzulande nachgesehen werden und zu seiner Romantisierung beitragen. Doch warum eigentlich?

Die Aufklärung, die wir nach Peking bringen zu müssen meinen, sollten wir vielleicht erst einmal selber hier praktizieren, indem wir uns über Fakten verständigen und nicht auf der Basis wilder Mutmaßungen das Geschäft von Steuerhintertreibern etc. befördern helfen. Denn sonst hätten auch Chinesen das Recht, vor der deutschen Botschaft in Peking Mahnwachen für Auermann & Co. zu veranstalten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Monika Grütters, Markus Löning, Klaus Staeck.

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