Im Geist der friedlichen Revolution

Wolfgang Huber24.01.2015Europa, Gesellschaft & Kultur, Politik

Wie verteidigt man das Christliche am Abendland? Die Antwort liegt in der Förderung des Weltbürgerrechts.

Nun soll wieder das christliche Abendland verteidigt werden. Dieses Mal gegen seine Islamisierung. Wer das kritisch sieht, verharmlost damit den Islamismus nicht, der sich in einer seiner Schreckensgestalten gerade wieder gezeigt hat. Der 7. Januar 2015 und die folgenden Tage in Paris, die Mordanschläge in den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo“ und dem koscheren Kaufhaus „Hyper Cacher“ verbieten jede Verharmlosung. Aber ist die Beschwörung des „Abendlands“ die richtige Antwort darauf?

Der Westen Europas steht vor Augen, wenn man vom Abendland redet. Es gibt eine romanisch-katholische und eine deutsch-protestantische Variante dieser Redeweise. Gerade in der deutschen Variante wird besonders gern der „Untergang des Abendlands“ beschworen. Oswald Spengler hat das vor einem Jahrhundert, in der Zeit des Ersten Weltkriegs, vorexerziert. Die Angst vor dem eigenen Abstieg und Zerfall verbindet sich mit einem Anspruch auf kulturelle Überlegenheit. Doch diese Überlegenheit zeigt sich nicht in einer selbstbewussten Besinnung auf eigene Stärken, sondern in einer abgrenzenden Abwertung des Fremden. Man kennt auch im Kleinen, was sich hier im Großen abspielt: Der Mangel an eigenem Selbstwertgefühl wird durch die Abwertung des Anderen ausgeglichen. Eine allgemeine Unzufriedenheit wird auf die projiziert, von denen man sich bedroht fühlt.

Ohne „Morgenland“ kein „Abendland“

Wie entstand die Rede vom Abendland? Indirekt verdankt sie sich der sprachschöpferischen Kraft Martin Luthers. Dass er den „Orient“ als „Morgenland“ bezeichnete, war die Voraussetzung dafür, dass sich für den „Okzident“ die Rede vom „Abendland“ einbürgerte. Die „Weisen aus dem Morgenland“, die sich auf den Weg zu dem in Bethlehem geborenen Messias machen, gaben Martin Luther den Anlass zu diesem sprachschöpferischen Akt. Sie waren, bezogen auf die jüdische Gemeinschaft, in der Jesus zur Welt kam, ohne Zweifel „Heiden“. Aber als solche waren sie Bürgen dafür, dass der Stern von Bethlehem und das Licht, das von ihm ausging, gerade nicht auf eine bestimmte Weltgegend begrenzt war, sondern allen Menschen in gleicher Weise galt.

Nicht nur die Region der untergehenden, sondern auch die der aufgehenden Sonne, nicht nur der Okzident, sondern auch der Orient steht dem christlichen Glauben offen. Am einen wie am anderen Ort kann dieser Glaube aber auch verfehlt und verleugnet werden – eine Erfahrung, die sich in der abendländischen Geschichte auf grausame Weise ausgeprägt hat. Schon diese schlichte Überlegung müsste der Rede vom „christlichen Abendland“ den Überlegenheitsgestus nehmen, mit dem sie sich so oft verbunden hat.

Das „Abendland“ ist ohne das „Morgenland“ nicht zu haben. So wie „Orient“ sich wörtlich auf die aufgehende und „Okzident“ auf die untergehende Sonne bezieht, so ist es auch mit dem Morgen- und dem Abendland. Die beiden Ausdrücke sind nur miteinander verständlich. Denn nur vom Osten her kann das westlich gelegene Europa als das Gebiet der untergehenden Sonne, als „Abendland“ betrachtet werden. Nur aus westlicher Sicht kommen die heiligen drei Könige aus dem Bereich des Sonnenaufgangs, dem „Morgenland“.

Morgenland und Abendland, Orient und Okzident sind so aufeinander bezogen, wie Johann Wolfgang von Goethe das in einem kurzen Sinnspruch beschreibt: „Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident! Nord- und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände.“ Wer vom Abendland redet, weiß, dass es sich nur um einen Teil der Erde handelt, die als Ganze auf Gottes Frieden angewiesen ist.

Das westliche Europa als christlich zu bezeichnen, kann deshalb nicht einen Besitzanspruch, sondern nur eine Aufgabe bezeichnen. Von einem Ausschließlichkeitsanspruch kann aus vielen Gründen nicht die Rede sein. Das Christentum entstand nicht in Europa, sondern im Nahen Osten. Die Mission über die Grenzen des Judentums hinaus begann auch nicht in Europa, sondern in Kleinasien, der heutigen Türkei. Erst danach begegnete dem Apostel Paulus im Traum jener Mann aus Mazedonien, also dem Norden Griechenlands, der ihn aufforderte: „Komm herüber und hilf uns!“

Miteinander von Orient und Okzident spiegelt sich in Europa

Für die ganze europäische Geschichte wäre es eine Irreführung, wollte man dessen christlichen Charakter auf den europäischen Westen begrenzen. In allen Phasen Europas gab es ein westliches und ein östliches Christentum. Das Miteinander von Orient und Okzident spiegelt sich auch in Europa selbst. Heute wird das auf neue Weise bewusst: Seit dem Beitritt Bulgariens und anderer Balkanstaaten zur Europäischen Union gehören nicht nur kyrillische Buchstaben, sondern auch Traditionen des östlichen Christentums zum größeren Europa.

Dieses Europa verdankt seine Identität nicht nur dem Christentum. Auf dem Weg durch schmerzliche, ja mörderische Irrtümer hindurch ist bewusst geworden, dass das Judentum an dieser Identität einen eigenen, über lange Zeit verdrängten Anteil hat. Kultur und Wissenschaft, Rechtsordnung und politische Gestalt erinnern an die wesentliche Rolle, die Athen und Rom, griechische und lateinische Tradition für die Identität Europas zukommt.

Die Wurzeln Europas sind genauso vielfältig wie seine politisch-kulturelle Gestalt über die Jahrtausende hinweg. Zu dieser Geschichte gehört auch die Präsenz des Islam auf der iberischen Halbinsel seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts. Schon dieses geschichtliche Faktum verbietet es, die Präsenz des Islam im Abendland mit Schweigen zu übergehen. Vielmehr muss man daran anknüpfen, wenn man die Entwicklung eines europäischen Islam für notwendig hält. Mit einem selbstbewussten Eintreten für europäische Werte fördert man eine solche Entwicklung eher als durch den vergeblichen Versuch, das Fremde und die Fremden auszugrenzen.

Kein Grund für Hochmut

In Westeuropa und Nordamerika hat sich die Überzeugung entwickelt, dass jeder Mensch mit einer gleichen und unantastbaren Würde begabt ist. Die jüdisch-christliche Einsicht, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, trug zu dieser Entwicklung bei. Bis diese Überzeugung von der gleichen Menschenwürde sich durchsetzte, mussten allerdings erhebliche Widerstände überwunden werden. In den christlichen Kirchen waren diese Widerstände besonders massiv. Zu selbstgerechtem Hochmut besteht also kein Grund.

Wer für die zentralen Werte des Abendlands eintreten will, lässt sich von der Überzeugung leiten, dass diese Werte für alle gelten. Die Würde des Menschen, die Freiheit des Gewissens und der Religion, die allgemeinen Menschenrechte sind Teil eines Weltbürgerrechts. Überzeugte Toleranz muss zum Ausdruck kommen, wenn für diese Werte demonstriert wird. Respekt für den anderen, auch wenn er uns fremd ist, muss die Tonlage prägen. Das kompromisslose Eintreten für die Achtung des Rechts ist dabei unentbehrlich. Doch die Stärke des Rechts zeigt sich darin, dass auch der Schwache zu seinem Recht kommt.

Einen solchen Geist trugen die Montagsdemonstrationen der Friedlichen Revolution 1989 auf die Straßen von Leipzig und Dresden. Ein solcher Geist sollte sich dort auch heute zeigen, wie auch auf den Straßen Berlins. Welch ein Glück wäre es, wenn er wieder von den Kirchen ausginge!

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