Ihr versteht uns nicht

von Wolfgang Gründinger11.08.2011Gesellschaft & Kultur

Die Jugend ist politikverdrossen? Falsch. Doch der Widerstand hat sich gewandelt: vom Empörungsaktivismus der 68er zum pragmatischen Handeln. Wir wollen Spießer sein – und trotzdem Gutes tun.

Die Jugend geht lieber auf Praktikumssuche statt auf die Barrikaden. Warum tun es die deutschen Studenten nicht den Spaniern nach, wo es doch auch bei uns an Generationengerechtigkeit mangelt, obgleich ohne derart horrende Jugendarbeitslosigkeit? Doch: Die Jugend geht auf die Straße – siehe Bildungsstreik. Von den Alten wird das ignoriert. Sie lamentieren über die Politikverdrossenheit der Jugend und predigen korrektes Revoluzzertum. Von bequemer Bürgerlichkeit aufgesogen, gehören sie nicht nur zu den Besserverdienern, sondern auch zu den Besserwissern. Doch um des guten Gewissens willen müssen sie ihr Bedürfnis artikulieren, wenigstens im Herzen links zu sein.

Wir wollen Spießer sein

Die 68er wollten keine Spießer sein und wurden genau das. Wir Jungen möchten Spießer sein, werden dafür aber von den Alten despektierlich behandelt: Die Jugend möge doch bitte rebellieren, so wie es sich gehört! Den Luxus endloser Systemdebatten können wir uns gar nicht mehr leisten. Unter dem Druck eines prekären Arbeitsmarkts und überfrachteter Bologna-Studiengänge bleibt keine Zeit für gemütliches Vor-sich-hin-Protestieren wie anno 1968, der Ära von Bildungserweiterung, Vollbeschäftigung und blühendem Sozialstaat. Gürtel enger schnallen, Ärmel hochkrempeln, und wer Visionen hat, gehe zum Arzt – das ist der Beipackzettel fürs Leben unserer Generation. Im Wirtschaftsdarwinismus ist kein Platz für Weltverbessertum. Damals war das freilich anders. Was war schon ein verlorenes Streiksemester im Vergleich zur bevorstehenden Revolution? Uns Jungen ist nicht der rosarote Sozialismus gewiss, sondern ein Stapel abgelehnter Bewerbungen. Die Generation vor uns glaubte, die Welt verändern zu können. Unsere Generation ist mit dem Gefühl groß geworden, sich an sie anpassen zu müssen.

Willkommen im Pragmatismus

Das Zeitalter der großen Visionen ist vorüber. Bestenfalls ziehen sich Teenager noch ein T-Shirt mit dem Konterfei von Che Guevara an, aber das ist mehr Lifestyle als Statement. Wer heute beim Bildungsstreik auf die Straße geht, dann nicht, weil er den Angriff der Bourgeoisie im Klassenkampf zurückschlagen will, sondern weil er sich vom Leistungsdruck des Bachelors erdrückt fühlt. Der ideologische Ballast ist über Bord. Die Freund-Feind-Frontlinien haben an Trennschärfe verloren. Wir würden gern den Aufstand wagen, aber wissen nicht, gegen wen wir aufstehen sollen. Unser Pragmatismus wird oft schlecht geredet. Doch ist die Welt heute nicht besser – eine Welt ohne Betonköpfe und Scheuklappen, ohne Manifeste und Gegenmanifeste? Keine Trillerpfeifenkonzerte, stattdessen kreative Flashmobs. Keine Molotow-Cocktails, stattdessen Gegenvorschläge zu Gesetzesentwürfen. Keine neuen Sprechverbote marxistischer Tugendwächter, sondern demokratische Diskussionskultur. Wir rennen keiner Ideologie nach, die andere irgendwann mal aufgeschrieben haben. Wir möchten die Welt einfach ein Stück besser machen. Und fangen schon mal an.

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