Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Die Angst vorm Anderssein

Eine sehr persönliche Antwort auf Birgit Kelles scheinbar so liberale und private Mutterselbstdarstellung.

Birgit Kelle gibt ihren Kampf gegen Sexualaufklärung, Schwulenemanzipation und Genderforschung nicht auf. Sie hat inzwischen aber gemerkt, dass homophobe und antifeministische Parolen, vermischt mit katholischem Dogmatismus, offensichtlich kontraproduktiv sind. Deshalb gibt sie sich jovial und mütterlich und berichtet flapsig aus ihrem Erziehungs- und Erfahrungsschatz. Das ist menschelnd und heimelig – wer könnte ihr da, wie man auch an den hysterischen Zustimmungen zu ihrem Artikel ablesen kann, widerstehen oder gar widersprechen?

Ich widerspreche ihr, denn hinter ihrem zur Schau getragenen auf den ersten Blick so liberalen Erziehungsstil steckt der ewig gleiche kleinbürgerliche Muff, stecken die ewig gleichen üblen Vorurteile, die sie an anderer Stelle – z.B. in jener Maischberger-Sendung zum Ba-Wü-Bildungsplan oder mit ihren Referaten beim „Forum Deutscher Katholiken“ – vom Stapel gelassen hat.

Wie viel Angst muss eine Mutter vor „sexueller Fehlentwicklung“ ihrer Kinder haben, wenn sie den Vierjährigen, die spontan zu dritt heiraten wollen, meint erklären zu müssen, dass das nicht ginge!

Die Bemerkung, sie habe damit „einen Fehler“ gemacht, meint Frau Kelle natürlich ironisch. Aber ja, sie hat einen Fehler gemacht – sie hat Angst vor der Fantasie und der Lebenszuversicht eines Vierjährigen!

Wie wunderbar, wenn ein unverbildetes Kind die Tabus und Dogmen infrage stellt. Ja, warum dürfen eigentlich nicht drei Personen heiraten? Und warum ist normgerechte Heirat wichtiger als liebevolles Zusammenleben zu dritt?

Kindern Sand in die Augen streuen

Auf diese Fragen geht Frau Kelle nicht ein, sondern galoppiert gleich weiter und wirft alle möglichen menschlichen Beziehungen durcheinander, die ihr nicht passen. Über alles, was ihrer katholischen DIN-Norm nicht entspricht, macht sie sich scheinbar durch ihre Wortjonglage lustig – tatsächlich aber gießt sie Häme der Verachtung darüber. Sollte sie etwa nicht wissen, dass die bigotte Institution der Ehe schon immer unterlaufen wurde durch Liebhaber, Gspusis, Affären oder Kuckuckskinder und Bastarde – jawohl, so wurden bis vor nicht allzu langer Zeit außereheliche Kinder genannt. Und ihre Rechte als Kinder ihrer Erzeuger wurden erst in den 90er-Jahren den Rechten der innerhalb einer normgerechten Ehe gezeugten Kinder gleichgestellt. Wobei es da ja auch „Zeugungshilfe“ von außen geben kann, aber das nur nebenbei.

Frau Kelle möchte Kindern Sand in die Augen streuen wie ehedem – es gibt nur die eine einzige und richtige Verbindung von zwei Menschen, die Ehe (womöglich nur die katholische Ehe) und alles andere ist zweitrangig, da die Heterosexualität – die auch nur in der Ehe korrekt ist – die einzig richtige Lebensweise darstellt.

Warum hat Birgit Kelle so viel Angst davor, dass sich ihr Sohn fragen könnte, ob Sex in allen möglichen Konstellationen Spaß machen darf oder gar, ob er schwul sei? Weshalb hat sie so viel Angst davor, dass Kinder auch von anderen Lebenswegen erfahren? Weil tief in ihr zwei Ängste schlummern und beim Schreiben ihrer Bücher und Artikel virulent werden.

Ganz tief sitzt in ihr das antiquarische Vorurteil, dass Homosexualität etwas Böses, Negatives sei, dass allein schon das Wissen über Homosexualität Kinder verführen und verleiten könne zum Bösen. Das nicht auszurottende Gerücht der Ansteckung! Wer sich so sperrt gegen homosexuelle Emanzipation und Gleichberechtigung, hat nur einen einzigen Grund: Er, sie hat Angst vor der Homosexualität, hält sie für etwas Unmenschliches. Wie ja alle angeblich nicht normgerechte Sexualität unmenschlich und tierisch ist und weil Hedonismus nicht ins christliche Abendland passt.

Die zweite Angst sitzt noch tiefer – Frau Kelle hat wie viele Mütter bzw. Eltern Angst vor ihrem Kind. Angst, dass das Kind nicht so wird wie sie, dass es ein eigenständiges Leben, eine eigenständige Sexualität und vor allem eigenständige Ansichten auf das Leben entwickelt.

Emotional minderwertig?

Der tiefste Sinn der „Erziehung“ – darum heißt sie ja auch so: „Ziehen“, „Erziehen“, „Dressur“ – liegt im Wunsch, den eigenen Tod zu überwinden, zu transzendieren und im „eigenen“ Kind weiterzuleben.

Das Kind wird vor allem von Müttern, die so empfinden, als ein Organ ihres Körpers, als eine Fortsetzung ihrer Psyche betrachtet. Deshalb sind Eltern auch so gekränkt, wenn Kinder intelligenter sind als sie, andere politische Ansichten entwickeln – aber selbst damit kann man sich im Double-Bind des „Ich liebe dich trotzdem“ noch arrangieren. Doch wenn ein Kind nicht die gleiche Sexualität hat, dann ist das die größte narzisstische Kränkung der Eltern, die sich denken lässt – sie beruht auf dem grässlichen Irrtum, das Kind würde nicht wie sie empfinden. Deshalb bestehen ja auch Propagandisten wie Kelle darauf, dass Homosexuelle nicht so lieben können wie Heterosexuelle, dass diese Liebe eine emotional minderwertige sei.

Diese Abwehr muss in der sogenannten Erziehung ihrer Kinder immer mitgeschwungen haben – denn wieso staunte Frau Kelles neunjähriger Sohn, dass es auch so was geben könne wie einander liebende Männer, als sie ihm das angeblich so liberal und offenherzig erklärte …? Es ist ja nicht selten, dass Kinder die Abwehr der Mutter nicht nur explizit erfahren, sondern bereits mit der Muttermilch eingesogen haben. (Überhaupt ist das Stillen – in jeder Bedeutung des Wortes – in diesem Lande eine überschätzte mütterliche Tätigkeit! Nur im katholischen Deutschland konnte man darauf kommen, einen süßlichen Wein „Liebfrauenmilch“ zu nennen; aber auch das nur nebenbei!)

Erziehung des Double-Bind

Die Kinder meiner Schwester waren jünger als Kelles Sohn, als sie – immerhin auch schon vor zwanzig Jahren – erfuhren, dass ihr Onkel keine Frau, sondern einen Mann liebt.

Denen stand der Mund nicht offen, sie mussten daran nicht knabbern, die sagten: „Wie schön, dass ihr euch lieb habt.“ Und als sie hörten, dass wir nicht heiraten durften, fragten sie: „Warum? Das ist aber nicht gerecht!“ (Ich danke meiner Schwester und meinem Schwager!)

Das ist die lebensbejahende Logik von Kindern. Birgit Kelle muss die Liebe zweier Männer auf einem Umweg über Bruder und Vater erklären – ein schiefer und krummer Umweg.

Und so sind in ihre „Erziehung“ und die vieler anderer Mütter und Väter Vorurteile, Ablehnung ja, sogar Ekel subkutan eingeflochten. Es ist eben jene Erziehung des Double-Bind, wie ich sie auch erlebt habe: anscheinend liberale Eltern, die sich politisch sogar fortschrittlich gaben und im CDU-verseuchten Paderborn ganz offen ihre sozialdemokratische Gesinnung an den Tag legten (so was muss man bei Frau Kelle ja nicht befürchten). Aber aufgewachsen im katholischen Umfeld mit dem giftigen Jugendeinfluss nazistischer Vorurteile, kamen meine Eltern tatsächlich nicht aus ihrer engen Haut heraus.

Als ich siebenjährig zum ersten Mal die Wohnwagen einer Romafamilie (wie man heute sagen würde) beim Vorüberfahren eines Campingplatzes entdeckte, erklärten mir meine Eltern, da hausten Zigeuner, die wären kriminell und würden hausieren und stehlen – vor allem aber würde man sie an ihrer dunkleren Haut und ihren braunen Augen erkennen. Diesem Siebenjährigen versuchten sie einzutrichtern, Menschen mit braunen Augen seien verschlagen, verlogen, nicht vertrauenswürdig.

Ich habe damals schon solchen Blödsinn vorsichtig angezweifelt; aber die Autorität der Eltern, die man nicht hinterfragen darf, habe ich nicht angezweifelt und mir eine Weile meine Freunde nach ihrer Augenfarbe ausgesucht. Doch gleich beim ersten Mal, als mich ein blauäugiger Schulkamerad enttäuschte, wackelte die Theorie, die ich dann natürlich als Vorurteil entlarvte.

Haltloser Blödsinn

Noch viel stärker als solch unterschwellig weitergegebenes rassistisch-nazistisches oder religiöses Gift wirkte aber der Abscheu auf Homosexuelle. Die tief sitzende Angst meiner Mutter, ihr Sohn könne homosexuell werden, unterscheidet sich nur in ihren Verkleidungen von der gleichen Angst Birgit Kelles – und der vieler anderer Homophoben.

Ich habe erst durch intensive Familienrecherche herausbekommen, woher die Abscheu meiner Mutter vor Schwulen und die Angst vor ihnen ausgelöst worden ist. Mein Fund ist ein, wenn man so will, traurig-erschütternder Glücksfall – bei den meisten ist es ja nur die dumpfe Übernahme des elterlichen Hasses, der in die Kinder eingepflanzt wird. Ich konnte einige Wurzeln dieses Hasses ausgraben und hatte wenigstens eine Erklärung und nicht bloß die Mauer des Schweigens.

Meine Großmutter, entsetzt und eifersüchtig über die bierselige, lederhosenmuffige Männerbündelei der SA-Ortsgruppe, in der ihr Mann, mein Großvater, mehr und freudiger Zeit verbrachte als in seiner Familie, hatte es gewagt, wenn auch nur unter der Hand im Nachbarschaftsklatsch, zu sagen, die SA bestünde aus lauter Schwulen. Das wurde natürlich durch Denunziation ruchbar und sie wurde dafür verhaftet. Ausgerechnet ihr SA-Ehemann, hoch angesehen in der Ortsgruppe, musste sie aus dem Gestapo-Keller herausbetteln.

Seitdem hatte sich dieser Verdacht natürlich verfestigt und war weitergegeben worden: Als meine Mutter mit meiner Homosexualität konfrontiert wurde – ich war sechzehn – warf sie mir vor, dass „solche Leute“ wie ich meine geliebte Großmutter in den Gestapo-Keller gebracht hätten. Würde meine Großmutter noch leben, wäre ich nicht mehr ihr Liebling und sie würde mich verachten wie jene schwulen SA-Leute, die ihr den Mann abspenstig gemacht hatten.

Natürlich, SA-Schwule, Familienfeinde, Frauenverächter etc. – haltloser Blödsinn, aber so verfestigt, dass er von meiner Mutter als Geschoss gegen mich, den Sohn, genutzt wurde. Damals traf dieses Geschoss genau wie beabsichtigt. Es erzeugte Scham und Selbstverachtung und Selbstmissachtung …

Der Sohn durfte nicht schwul werden

Ansonsten aber wurde das Thema niemals wieder explizit angeschnitten, wie schon zuvor nicht. Es kostete mich die Mühe vieler Jahre, herauszufinden, wie misstrauisch, wie verächtlich, wie homophob, will heißen wie hysterisch-ängstlich meine Mutter mit ihrem Sohn seit seinen Kleinkindtagen umging, der ja nicht schwul werden durfte.

Frau Kelle ist anderthalb Generationen jünger als meine Mutter; deshalb sind aber ihre Ängste nicht geringer. Auch sie gibt sich aufgeklärt, liberal, macht sich angeblich nichts draus, wie sie mal in einer Fernsehsendung ausplauderte, wenn ihr Sohn sich mit pinken Spielsachen oder Puppen beschäftigt, nur um gleich zu beteuern, dass er das höchstens ganz kurz gemacht habe und er eben doch ein richtiger Junge sei, den sie ganz lieb habe.

All diese Double-Bind-Versicherungen und Situationen des „Ich liebe dich doch trotzdem“ sind das pure Gift für die Kinder. Sie säen Zweifel am Selbst, am Eigenen, an der Persönlichkeit, die dadurch erste Risse bekommt und die in späteren Jahren wie die böse Fissur im Hause Usher Unglück und Leid bringen.

Ich habe viele Jahre gebraucht, das zu verstehen; Jahre tiefster Zerrissenheit: ich habe mich gequält, ein liebender und gehorsamer Sohn zu sein, der an seine liebende, sich aufopfernde Mutter glauben wollte. Aber diese Mutter liebte nicht mich, sondern opferte einem Bild, das aus Vorurteilen, katholischen wie nationalsozialistischen, dem Lügenmuff der 50er und ihren ganz privaten Verdrehtheiten entstanden war. Ein Trugbild, das einen Sohn zeigte, in dem sie sich selbst wiedererkannte und das ihr Hoffnung machte, im Kind weiterzuleben.

Ab in die Schmuddelecke

Das vierte Gebot, das auch Frau Kelle als Katholikin, so steht zu vermuten, besonders bedeutsam erscheint, handelt letztendlich von der Zurichtung, ja der seelischen Vernichtung der Kinder – sie sollen so werden wie ihre Eltern – auf diese Weise beabsichtigen die Eltern wie Revenants in den Kindern weiterzuleben.

Noch einmal deutlich gesagt: die einen versuchen es durch Schläge und Machtworte, ihre Kinder in Besitz zu behalten, die anderen mit Erpressung und alle durch das Verschweigen möglicher Lebenswege, durch das Abblocken der lebendigen Kreativität, durch das Eintrichtern angeblich unverrückbarer Normen (z.B. Ehe ist nur für zwei – nämlich einen Mann und eine Frau), durch das Marginalisieren der Gefühle und Empfindungen Anderer. Ja, Marginalisieren: Frau Kelle wischt das Leben der Regenbogenkinder ja auch in die Schmuddelecke; die müssen doch nicht im Lehrplan berücksichtigt werden, kann man mal drüber reden, wenn das Regenbogenkind durch Diskriminierung oder Mobbing in den Brunnen gefallen ist.

Es geht bei Birgit Kelles Kampf gegen Homosexuelle, Genderpolitik, Emanzipation, neu gestaltete Aufklärung an Schulen um mehr als die aktuellen Entwicklungen, die ihr nicht passen. Es geht um eine tief sitzende Angst, darum, dass die Normen, die wie Parasiten im Mark nisten, vielleicht doch nicht ewiglich sind, jene Normen, die die Illusion des Weiterlebens im genormten und geprägten Kind vorgaukelten.

Das gilt übrigens nicht nur für die „besorgten Eltern“, die gegen Sexualaufklärung oder andere Lebensweisen Sturm rennen, sondern auch für die, die ihre Kinder bereits in der Kita zurichten möchten für die radikal-kapitalistische Leistungswelt. Wer immer behauptet, die Kinder sollten es einmal besser haben als die Eltern und deshalb seine Kinder solchen Normierungen unterwirft, der will SEINEN Traum realisieren auf Kosten des Lebens der Kinder.

Notwendiger Nachtrag

Weshalb berichte ich hier Persönliches? Gewiss nicht, wie man mir sicher vorwerfen wird, um mich zu exhibitionieren.

Birgit Kelle schreibt flapsig und, wie sie meint, ironisch über Gefühle von Menschen, über ihr Erleben, ihre Liebe: Damit wischt sie dieses Gefühl großspurig wie lästigen Schmutz, über den man nur noch Witze machen kann, beiseite – es sind ja nur wenige, die es angeht, eine zu vernachlässigende Größe, wenn schon überhaupt in der Schule, dann kann man sie im Vorbeimarschieren der Mehrheit abwickeln, die Gefühle der Minderwertigkeit. Die sollen sich nicht so haben und die gleiche Beachtung verlangen wie die angeblich gesunden, unschuldigen, unsexuellen Kinder …

Frau Kelle tritt ein fürs Verschweigen, Verheimlichen, Hinausschieben der Wahrheit, für die Lüge, für die Abwertung! Meine Mutter hat sich bis zu ihrem Todestag nicht der Wahrheit ihres homosexuellen Sohnes gestellt. Sie belog sich selbst und andere: „Mein Sohn hat eben keine Zeit dafür, eine Familie zu gründen.“ Alle wussten die Wahrheit, aber sie beharrte auf der Lüge. Sie verlangte, dass ich in ihrer Gegenwart über mein Leben schwieg und war verletzt, als ich ihr darin sogar folgte. Das hat bei mir doppelte Trauer ausgelöst – Trauer, dass meine Mutter nicht bloß die Wahrheit nicht ertrug, sondern auch ihren Sohn nicht ertrug. Und später, als ich begriff, wie zerstörerisch diese Abwehr war, wurde ich zum dritten Male traurig darüber, wie sie sich selbst dadurch ihr Leben verdarb.

Frau Kelle, die sich so modern mütterlich gibt, so ironisch und lakonisch schreibt, ist so eine „Ich-liebe-dich-trotzdem-Mutter“ mit ihrem Programm des Schweigens, Abwehrens, Verhinderns, ein Programm der Verdrängung und Pathologisierung des „missratenen Kindes“! Weil sie nicht nur Angst hat vor Homosexuellen, nicht bloß fürchtet, ihre Kinder könnten ihr entgleiten, sondern weil sie im Tiefsten wirklich glaubt, Homosexuelle seien verkehrt, falsch, infernalisch, eine Gefahr für die Gesellschaft – und dabei recht eigentlich bloß eine Gefahr für ihr Selbstbild.

Grausamkeiten und Schweigen

Dass ihre Anwürfe und Ängste auf fruchtbaren Boden fallen, wird am deutlichsten spürbar bei jener Zuschrift einer Mutter, die jetzt schon fürchtet, ihr siebenmonatiges Kind, emotionalen Realitäten ausgesetzt, könnte verdorben oder homosexuell werden. Welch eine Sexualhysterie noch im 21. Jahrhundert; ich hatte vergeblich gehofft, dass der Fall meiner Mutter etwas Vereinzeltes gewesen sei – ich habe mich geirrt.

Deshalb komme man mir nicht, meine Geschichte sei singulär und Vergangenheit – sie wiederholt sich. Solange Mütter wie Frau Kelle ihre Ängste hinter angeblich rationalen Argumenten verstecken, die nichts weiter sind als reaktionäre Polemik mit tatsächlichen Vorurteilen, werden diese Mütter Unglück, Trauer, Scham und Selbstmissachtung ihren Kindern einpflanzen.

Und das geschieht auch heute noch: Ich kenne eine Mutter, die behauptet, weil ihr Sohn homosexuell sei, könne sie nicht mehr Klavier spielen, was ihre einzige Freude als Witwe gewesen sei. Ich kenne eine Mutter, die noch Jahre nach dem AIDS-Tod ihres Sohnes behauptet, er sei an Krebs gestorben, für sie eine sittlichere Krankheit. Ich kenne einen Vater, einen evangelischen Pastor, jünger als ich, der seinen 16-jährigen Sohn rücksichtslos aus dem Haus warf, als dieser meinte, sich seinen angeblich so liberalen Eltern anvertrauen zu können. Das Jugendamt musste den Jungen von der Straße aufsammeln und verdonnerte den Vater dazu, den inzwischen 20-Jährigen beim Studium wenigstens finanziell zu unterstützen.

Die Fälle ließen sich fortsetzen. All diese Grausamkeiten gründen im Schweigen, im Verschweigen und Verdrängen: „Tugenden“, die Birgit Kelle mit ihrem launigen Artikel fordert.

Das empört mich zutiefst, diese Rücksichtslosigkeit, die Gefühllosigkeit, diese falsche Mütterlichkeit – oder auch Väterlichkeit –, auf die man sich auch noch was einbildet. Einzig basierend auf überkommenen Normen und Dogmen und der tatsächlichen Angst, dass das Kind den Eltern entgleiten könnte. Diesen Phantasmen muss man wahre Geschichten entgegensetzen. Ich fürchte, die werden Frau Kelle nicht beeindrucken, aber vielleicht die eine Mutter oder den anderen Vater … dann wäre schon etwas gewonnen an mitmenschlicher Elternschaft.

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