Ich bin der Jesus Christus der Politik. Silvio Berlusconi

Islamisten mit Jesuskreuz

Im Schatten der Islamisten-Diskurse haben die christlichen Kohorten des geistig-moralischen Rollbacks längst die Schulen infiltriert und handeln dort nicht weniger starrsinnig als die Imame in den Hinterhofmoscheen.

Was war das für eine Aufregung bis hinauf zum Bundesinnenminister, als ein paar deutsche Salafisten sich als moralische Sittenwächter in nordrheinwestfälischen Fußgängerzonen und Discos aufspielten. Damit nicht noch mehr junge Menschen fundamentalistischen Predigern in die gierigen Fänge geraten, empfiehlt man natürlich mehr Religion, statt weniger, statt einen offenen, säkularen und toleranten Blick auf die Welt soll es mehr institutionalisierten islamischen Religionsunterricht geben, wie es ja auch christlichen Religionsunterricht in deutschen Schulen gibt.

Tschä: Bekenntnisschulen als Horte des Friedens und der Intellektualität! Dass ich nicht lache!

Wie sich katholische und evangelikale Christen im Verbund mit reaktionären politischen Kräften Unterricht an deutschen Schulen vorstellen, findet man heraus, wenn man sich die Parolen der Hetzer gegen liberale Bildungspläne in Baden-Württemberg und neuerdings auch in anderen Bundesländern zu Gemüte führt.

Diese Leute fürchten, dass die von ihnen erfundene Frühsexualisierung und Auflösung der Geschlechtsidentität durch Genderforschung ihre Kinder bedrohen. Sie wollen ihre Sprösslinge natürlich nicht nur ahnungslos sondern auch verdruckst wie in den 50er-Jahren halten: Sie träumen von längst überlebter Muffigkeit, der erneuten Pönalisierung von Homosexualität, der Wiedereinführung des Kuppelparagraphen oder der Erlaubnis des Ehemanns, wenn eine Frau arbeiten oder ein eigenes Konto führen möchte. Und dass Vergewaltigung in der Ehe ein Strafbestand sei, das wollen sie, die auf ewig von der Vater-Mutter-Kind-Zwangsgemeinschaft träumen, auch aus dem Gesetzbuch streichen. Der Vater ist ein Mann und das genügt!

Im Windschatten der Islamisten-Diskurse

Ach, sie wollen noch weiter zurück in das autoritäre Zeitalter moralischer Scheuklappen, verdruckster Sexualität, untertäniger Freuen und Kinder – in eine allseits autoritäre Gesellschaft, in der Männer Hosen und Frauen Röcke tragen müssen und die Kinder einen Diener oder Knicks machen. In eine Zeit, in der man wieder politisch und emanzipatorisch unkorrekt sagen darf: Och schade, Meiers haben bloß ein Mädchen gekriegt. Na, das wird dann eben meistbietend verheiratet oder Ordensschwester oder Diakonisse, so kann sie sich ja auch nützlich machen.

Vor einigen Monaten habe ich mich hier ausführlich zu den tatsächlichen Gründen der Bildungsplangegner in Baden-Württemberg geäußert. Während man jetzt vor der Infiltration von Schulen durch Islamisten schaudert und politische Gegenmaßnahmen fordert, sind diese christlichen Gegner der liberalen und offenen Gesellschaft längst in den Schulen angekommen. Und sie treiben im Windschatten der Islamisten-Diskurse bereits ihr Indoktrinationswerk.

Sie fangen sogar schon wieder an Verzeichnisse gefährlicher Bücher anzulegen – übrigens wurde der Index Librorum Prohibitorum nicht wirklich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu Grabe getragen; Opus Dei führt ihn lustig weiter. In 50 Jahren sind 1.000 Werke auf diese neue Liste gelangt, darunter, man stelle sich vor, gynäkologische Fachliteratur, die nur ausgewählt gefestigte Personen lesen dürfen.

Der Autor Michael K. Hageböck hat nun ein solches Verzeichnis für die christliche Erbauung von Kindern und Jugendlichen herausgeben. Natürlich keinen Index, ganz im Gegenteil, ein positives, aufbauendes Buch fürs rechte, richtige, rechtschaffene Lesen: „Literatur im Deutschunterricht. Deutungen aus christlicher Sicht“.

„Frei“ ist natürlich ein zynisches Epitheton!

Hageböck ist gelegentlich Autor der rechtskatholischen Internetplattform „kath.net“, Interviewer bei Martin Lohmanns Weihrauchsender „ktv“ und origineller Weise ein dezidierter Fan vom langweiligsten Buch des 20. Jahrhunderts, J. R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“. Es gibt natürlich widerlichere und verabscheuungswürdigere Werke des vergangenen Saeculums, aber diese Bibel für katholische Esoteriker ist an Plagiat und Blödigkeit nicht zu unterbieten! – Aber bitteschön, lese, wer da lesen mag – ich halte, anders als Hageböck, niemanden ab, auch Schund zu lesen! Manchmal kann man selbst aus Romanen wie „Flicka geht nach Schweden“ Tiefgründiges lernen.

Die medialen Beschäftigungen des Herrn Hageböck sind zu ertragen, jeder Mensch braucht ein Hobby, doch im Hauptberuf ist Hageböck Leiter einer Freien Christlichen Schule in Freiburg. – „Frei“ ist natürlich ein zynisches Epitheton! – Besonders pikant in diesem Zusammenhang ist Hageböcks Geständnis auf seiner Bio-Seite vom „Forum Deutscher Katholiken“, er lebe im Elsaß, um legal home schooling für seine inzwischen sieben Kinder durchführen zu können. – Damit muss ich mich ein anderes Mal beschäftigen…

Wir wackeln bedenklich mit dem Kopf, wenn bildungsfreie Imame auf junge Menschen losgelassen werden – aber hinterfragen nicht mehr, wenn christliche Lehrer die liberale Gesellschaft schon in den Schulklassen aushöhlen.

Unbenommen, jeder mag Leselisten und Literaturkanons anbieten – Marcel Reich-Reinicki zum Beispiel hat sich 30 Jahre darum bemüht und eine beeindruckende Sammlung vorgelegt. Voraussetzung dieser Lebensleistung – die durchaus subjektiv ist – war aber ein unvoreingenommenes Lesen: Erstmal lesen, dann kann man immer noch ablehnen!

Wohin der stramm rechte Wind weht

Bei Hageböck ist das anders. In einem entlarvenden Interview für seine Hauspostille „kath.net“ beschreibt er, glücklicherweise schambefreit und damit schwarzpädagogisch entblößt, wie er sich Literatur, ihre Vermittlung und die Verblödung von Schülern vorstellt. Ein erschreckendes Beispiel für christliche Verdruckstheit, kaum verschleierte männliche Autoritätssucht und völliges Unverständnis für Literatur ist mir noch nicht begegnet.

Ich bin großzügig und sage „Geschenkt“, wenn Hageböck vor den Risiken und Nebenwirkungen von Literatur warnt, denn dieser Bart ist länger als der des Kaisers im Kyffhäuser. Seit Einführung des Buchdrucks wird von religiöser Seite vor Schmutz- und Schundliteratur gewarnt. Noch in der Romantik erregte man sich auf über den massenhaften Romankonsum von Frauen, der sie vielleicht zur Rebellion verleiten könne… solche Mahnungen dünsten immer aus den muffigsten, mottenreichsten und verwanzten Falten.

Aber nach diesem also üblichen Seufzer kommt es im erwähnten Interview wirklich dicke:

In den vergangenen 50 Jahren hat Europa eine Kulturrevolution erlebt. Die abendländische Kultur wurde kontaminiert. Wir leben in Kloaken, die zu verschiedenen Ideologien mutierten: Esoterik, Sexualisierung, Emanzipation, Abtreibungsindustrie, Zerfall der Familien, Political Correctness, Euthanasie, Feindseligkeit gegen das Christentum, Islamisierung, Gendermainstreaming.

Da merkt man doch gleich, wohin der stramm rechte Wind weht: in Richtung des totalitären Christentums. Was Herrn Hageböck missfällt, erläutert er ein paar Zeilen weiter noch erschreckend genauer; natürlich sind die Schwulen wieder an allem Schuld:

Fernsehserien, in denen Homosexuelle die Helden sind und Väter die Gewalttätigen, Bilderbücher, in denen Frauen als Kraftfahrer arbeiten und Männer die Wäsche bügeln…

Man mag ja diese Echauffiertheit lächerlich finden, was sie im Kern auch ist, aber solch bornierte Pädagogen werden auf kleine Menschen losgelassen, um sie mit ihrem engen Verstand und noch schlimmer, ihrer Engherzigkeit zu indoktrinieren.
Wir haben gedacht, nach und nach würde sich der Widerstand gegen Gleichberechtigung der Geschlechter und Sexualitäten in Luft auflösen, das männlich-patriarchale Vormachtsstreben endlich als Hindernis für eine offene Gesellschaft erweisen – aber Pustekuchen. Figuren wie Michael Hageböck (Meine Güte, der ist noch nicht einmal 50 und schon sooo reaktionär) arbeiten an einem entsetzlichen Rollback.

Pläne zur Re-Christianisierung

Aber er ist ja kein Einzel-Schreibtischtäter; sein Machwerk ist eine Auftragsarbeit vom „Verband evangelischer Bekenntnisschulen“. Es steht also eine publizistische und monetäre Macht dahinter. Das Denken solcher Kreise hat in den USA das Bildungssystem erodiert; in einigen Staaten hat es evangelikaler Druck auf die Politik erreicht, dass „Intelligent Design“ und Kreationismus gleichberechtigt mit der Darwinschen Evolutionstheorie an Schulen gelehrt werden müssen. Die Frommen werden eben nicht bei der Literaturvermittlung im Deutschunterricht stehen bleiben.

Ein frommer Pädagoge wie Hageböck auch nicht: so ist für ihn die zentrale Frage seines Unterrichtes:

Durchdringt das Evangelium wirklich alle Bereiche meines Lebens? Welche Konsequenzen hat es für mich als Deutschlehrer, wenn Jesus der Grund, die Mitte und das Ziel meines Denkens ist?

Ohne Zweifel gilt diese Christiologisierung auch für andere Fächer; damit sind Scheuklappen, Indices und Denkverbote Mittel des Unterrichts geworden. Und wir regen uns über hetzende Imame beim Koranunterricht auf. Man kann Kinder auch auf diffizilere Art verblöden.

Wie ausgearbeitet Hageböcks Pläne zur Re-Christianisierung zumindest des Deutschunterrichtes sind, belegt er im erwähnten Interview schließlich mit seinem Ranking-System für gute und schlechte Literatur – bei dem es natürlich nicht um Literatur geht, sondern um die tiefgründige reaktionäre Ideologisierung des Unterrichtes und der Schüler.

So vergibt er ausgerechnet an „Nathan“ von Lessing vier Punkte weil Weltliteratur (macht also einen ordentlichen Diener mit auf Kniff gebügelten geistigen Trevirahosen vor der Autorität). Aber moralisch verdiene das Stück nur einen Punkt, weil wenig zu empfehlen – wahrscheinlich wegen des Toleranzgedankens, der das Christentum nicht bevorzugt und sogar den Muslimen und Juden Menschenstatus und Rechte zuerkennt.

Geistig-moralischer Rollback

Sowas hinterlässt mich sprachlos (nur fast, merkt man, nicht wahr?) – mit ähnlichen Begründungen wurde der Nathan im Dritten Reich von den Bühnen verbannt…

In Bausch und Bogen wird dann noch schnell Bert Brechts gesamtes Werk als Agitationsliteratur denunziert, über das man aber im Unterricht sprechen solle als „ein gutes Beispiel für schlechte Literatur!“ Aber natürlich erst ab 16, sonst könnten die Kinder ja Schaden nehmen. Potztausend! Man möchte einem solch verbohrten Menschen kein großes Werk von Brecht um die Ohren hauen, es täte mir um die „Dreigroschenoper“, den „Galilei“ oder so viele Gedichte leid.

Aber, allerwertester Herr Hageböck, führen Sie sich mal den „Kinderkreuzzug“ zu Gemüte. Ich habe das große Glück gehabt dieses Gedicht von der hochbetagten Elisabeth Bergner rezitiert zum ersten Mal zu hören und mir sind die Tränen gekommen, denn es ist ein Gedicht gegen die Dummheit, die Harthörigkeit, die Selbstblendung der Starrsinnigen und Frommen, gegen das Tötende jeglichen Glaubens (von Nazismus über Stalinismus bis zum christlichen Fundamentalismus). Das Tötende aber fängt mit solchen Machwerken wie diesen Literaturempfehlungen an. Die enden nämlich mit herbei gekarrten Bücherstapeln auf dem Berliner Opernplatz und einem großen Feuer!

Und nach einem Index Librorum Prohibitorum kommt gleich ein Index für Menschen und auch für die ein Feuer – hat schon Heine gewusst. Oho, der ist bestimmt auch schon wieder drauf auf dem Index weil spöttischer Jude!

Die religiösen Kohorten des geistig-moralischen Rollbacks demonstrieren nicht nur in Stuttgart oder Hannover gegen Bildungspläne. Sie haben längst die Schulen infiltriert und handeln dort nicht weniger starrsinnig als die Imame in den Hinterhofmoscheen.

Sebastian Engelhardt, Michael K. Hageböck; Literatur im Deutschunterricht. Literatur aus christlicher Sicht. Christliche Verlagsgesellschaft 2014.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Brosche: Liebet den Zellklumpen!

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