Zwei Seiten einer Medaille

Wolfgang Brosche23.09.2014Gesellschaft & Kultur

Was wirklich hinter dem Kampf gegen die sexuelle Selbstbestimmung der Frau und gegen die Sterbehilfe steckt.

I. TEIL – AVERS

In jedem klassischen Horrorfilm rotten sich wildgewordene KleinstĂ€dter zusammen, um mit Mistforken oder Kreuzen das Geschöpf Frankensteins, den genialen Baron selbst oder den libertinen Vampirgrafen zu jagen und zu vernichten. AngefĂŒhrt werden sie zumeist von ihrem opportunistisch-bonhomischen BĂŒrgermeister, der sich dabei ganz groß vorkommt, nahezu als Retter des Abendlandes hinter seinen sieben Bergen Transsylvaniens.

Dieser Topos im Horrorfilm dient der Wiederherstellung der traditionellen Ordnung, ein gewalttĂ€tiges Normierungsunternehmen: Es wird mit Kreuzen gefuchtelt, auf Scheiterhaufen verbrannt oder gepfĂ€hlt ohne RĂŒcksicht auf Verluste.

Seltsam nur, dass die großen Horrorregisseure wie James Whale oder Mario Bava die Figuren des genregemĂ€ĂŸ obsiegenden Volkszorns nicht als Verteidiger von Sitte und Anstand, sondern als dumpf-unverstĂ€ndige und hysterisch-furchtsame Masse darstellen. Das Interesse und das MitgefĂŒhl dieser Regisseure gilt den zu Monstern stilisierten Charakteren, die von der Menge als Vertreter des Bösen, des Satans bekĂ€mpft werden.

TatsĂ€chlich aber ist das Geschöpf Frankensteins ein einsamer Außenseiter, sein Macher, der Baron, ein Wissenschaftler, der gegen Vorurteile und Dummheit ankĂ€mpfen muss, und der an Frauen wie MĂ€nnern sich oral befriedigende Vampir ist ein Wesen mit dem Mut zu Lust und Leidenschaft jenseits der Missionarsstellung.

Strafe Gottes fĂŒr sexuelle FreizĂŒgigkeit

Solche Subtexte durchziehen die besseren Filme des Horrorgenres und konterkarieren das inhĂ€rent ReaktionĂ€re. SelbststĂ€ndiges Denken, Forschen und vor allem selbststĂ€ndige SexualitĂ€t und GefĂŒhle werden bestraft – ganz deutlich wird das in Splatterfilmen, in denen Jugendliche, die nicht enthaltsam sind, unter scheußlichen Qualen vernichtet werden. Wenn es nicht der Teufel selbst ist, wie im „Exorzisten“, der sich an HalbwĂŒchsigen austobt, dann sind es Ungeheuer wie aus Brueghel’schen Höllen entsprungen, vernarbt wie Freddy Krueger oder gesichtslos-maskenhaft wie Halloween-Myers; Sendboten des Teufels, die die göttliche Strafe vollziehen fĂŒr eigenstĂ€ndig-lustvolle SexualitĂ€t fĂŒr erste selbststĂ€ndige Gehversuche im Leben.

In diesem Sinne interpretieren – im 21. Jahrhundert – auch die fĂŒhrenden katholischen Kleriker der westafrikanischen LĂ€nder, in denen Ebola wĂŒtet, die Seuche als Strafe Gottes fĂŒr sexuelle FreizĂŒgigkeit! Die rachsĂŒchtige Restauration des Horrors ist also durchaus noch immer in der Wirklichkeit zu verorten.

Das Horrorgenre in der Literatur – aus dem das Kino spĂ€ter seine Anregungen und Vorlagen zieht – entsteht zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die AufklĂ€rung, die Menschen zu eigenstĂ€ndigem Denken und selbst verantwortetem Leben fĂŒhren will. Noch einmal wird mit der Gruselliteratur von Matthew Gregory Lewis’ „Mönch“ bis zu Bram Stokers „Dracula“ das angebliche Grauen beschrieben, das ausgelöst wird, wenn man „den rechten Weg“ verlĂ€sst. Es sind Werke des ReaktionĂ€ren, der banalen religiösen Vorstellung, es gĂ€be das Gute und das Böse.

Seitenbemerkung: „Frankenstein“ von Mary Shelley ist durchaus von anderem Kaliber. Hier wird nicht religiös fundiert ĂŒber Schuld und SĂŒhne diskutiert, es ist ein Werk der Rebellion – das lĂ€sst schon das Zitat aus Miltons „Paradise Lost“ ahnen, das Mrs. Shelley ihrem Roman voransetzt: „Did I request Thee, Maker, from my clay to mould me Man?“ – aber das nur nebenbei 


Sehnsucht nach voraufgeklĂ€rtem GesellschaftsgefĂŒge

Eigenartige AufmĂ€rsche hat es viele gegeben: den Marsch auf Rom mit den vollen Balbohosen oder den unseligen Marsch zur Feldherrnhalle. Seit einigen Jahren nun gibt es auch MĂ€rsche fĂŒr das Leben. Am vergangenen Wochenende fand wieder so einer statt, in Berlin. 5000 Menschen fanden sich zusammen, um – Kreuze und Transparente schwenkend unter dem Absingen frommer Hymnen – gegen Abtreibung, Feminismus, sexuelle Selbstbestimmung und auch gegen Sterbehilfe zu demonstrieren. FĂŒhrend wie immer der Durch-und-durch-Katholik Martin Lohmann.

Ich kann mir nicht helfen. Dieser Marsch und seine Teilnehmer erinnern mich an die AufmĂ€rsche der Landbevölkerung angefĂŒhrt von ihrem BĂŒrgermeister in jenen frĂŒhen Horrorfilmen. Diese Kino-AufmĂ€rsche und die MĂ€rsche fĂŒr das Leben dienen dazu, die gute alte Zeit ohne kĂŒnstliche Menschen, ohne sexuell freizĂŒgige Adlige oder gotteslĂ€sterliche Wissenschaftler wiederherzustellen. Restauriert werden soll die kleinbĂŒrgerliche Welt der Papa-Mama-Kind-Verzahnung, eine Gesellschaft mit einem Minimum an Bildung – ja, eigentlich mit der Verachtung von Wissen – und der Bevorzugung von Glauben. Ein politischer Akt der SelbstbestĂ€tigung, der Abwehr sich entwickelnder Menschlichkeit, ein Durchsetzen paternalistisch-patriarchalen Starrsinns. Er reprĂ€sentiert die Sehnsucht nach einem Aufgehobensein in einem voraufgeklĂ€rten GesellschaftsgefĂŒge, den zivilisationsfernen Wunsch nach unhinterfragtem Gehorsam und dem devoten Leben auf den Knien vor dem Klerus, versorgt mit dem Gnadenbrot des AllmĂ€chtigen und seiner Kirche.

Filme sind der Spiegel der bestehenden Gesellschaft, wie Siegfried Kracauer sagte – so wie die erwĂ€hnten Horrorfilme Angst machen vor fiktiven Ungeheuern, die eigentlich ReprĂ€sentanten der Freiheit und Selbstbestimmung sind und deshalb zu Außenseitern, zum Bösen schlechthin stilisiert werden –, so bemĂŒhen sich die Organisatoren der LebensmĂ€rsche, das Menschenrecht des selbstbestimmten Lebens, der selbstbestimmten SexualitĂ€t und des selbstbestimmten Todes und ihre Verteidiger als das Böse schlechthin darzustellen. Das wird dann zur irrationalen Basis ihrer undemokratischen Forderungen.

RationalitÀt darf man von diesen Leuten nicht erwarten. Wer die Welt nach den höchstens zwiefÀltigen Kategorien seines Gottes in Gut und Böse einteilt und daraus eine speckige Selbstgerechtigkeit ableitet, ist weder fÀhig noch willens, LebensrealitÀten anzuerkennen; ihm ist sein fiktiv-transzendentes Ideal allemal wichtiger als der Mensch und sein Leiden. Dieser gottesdevote Primitivdualismus hat jahrhundertelang den politischen, wissenschaftlichen und vor allem den menschlichen Fortschritt behindert. Wer das Leiden adoriert und mit den Kategorien von Gut und Böse Menschen einteilt, ist gefÀhrlich.

So wird Hexenverfolgung verteidigt

Wenn diese Wirrköpfigkeit Widerstand spĂŒrt, dann stilisiert man sich raffiniert zum Opfer der bösen MĂ€chte. Martin Lohmann, der Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht und Cheforganisator der Berliner Demo, greint auf kath.net ĂŒber die sehr deutliche Antwort einer ungenannten Politikerin der Partei Die Linke auf eine Einladung zu seinem diesjĂ€hrigen Marsch fĂŒr das Leben:

bq. „Ihren antifeministischen, antiemanzipatorischen und konservativen Dreck können Sie gerne behalten! Wir verbitten uns fĂŒr die Zukunft weitere Mails Ihres Verbandes und hoffen instĂ€ndig, dass Ihnen das BĂŒndnis gegen den Marsch fĂŒr das Leben am 20. September ordentlich in die Suppe spuckt!“ – so die RĂŒckmeldung von den Linken.

Gewiss, höflich-verlogen ist das nicht – aber auf den groben Klotz der opportunistischen Katzenfreundlichkeit der LebensschĂŒtzer gehört ein entsprechender Keil. Die wĂŒtende Antwort auf seine provozierende Einladung interpretiert Martin Lohmann in einer Art und Weise, wie sie in dunkelsten Zeiten Gang und GĂ€be war. Ich rede von Zeiten, in denen derjenige, der nicht an Lohmanns Gott glaubte, als JĂŒnger des Satans, als etwas Böses, verunglimpft wurde. Auf kath.net klagt also Lohmann: „Da lugt Böses aus solchen Worten einer Politikerin heraus. Hass ist eine VerbrĂŒderung mit dem Bösen, gleichsam die Gefangennahme durch das Böse. Und Hass ist immer böse. Es sei denn, man hasst die SĂŒnde, also das Böse!“

Mit solchen Gedanken werden Hexenverfolgung und KreuzzĂŒge begrĂŒndet und verteidigt. Das wundert nicht, denn Lohmann ist ja auch Ritter des Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem; er steht in einer historischen Tradition.

Pikante ZusammenschlĂŒsse

Leider sind solche rhetorischen UnterfĂŒtterungen von KreuzzĂŒgen seit dem evangelikalen George Bush auch in der Politik wieder gesellschaftsfĂ€hig geworden. Womit sich der Kreis zu den wĂŒtenden KleinbĂŒrgern in den Horrorfilmen schließt. Wie sagt der opportunistische Polizeiinspektor Kemp in Mel Brooks „Young Frankenstein“, als die KleinstĂ€dter angesichts von Frankensteins Experimenten zu murren beginnen: „Das gibt einen Aufstand. Und das wird fĂŒrchterlich!“

Spaß beiseite, fĂŒrchterlich wird es wirklich, wenn diesen sogenannten LebensschĂŒtzern und ihren Forderungen nachgegeben wird. Sie geben sich nicht mit dem kleinen Finger zufrieden wie man es bei den KinderschĂŒtzern, die gegen Homosexuelle in Baden-WĂŒrttemberg hetzen, erlebt. Es sind ĂŒbrigens nahezu die gleichen fundamental-katholischen oder evangelikalen Figuren und Organisationen, hier wie dort. Darunter so pikante ZusammenschlĂŒsse wie die AUF-Partei, deren Spitzenkandidatin fĂŒr die Europawahl ausgerechnet Christa Meves war, oder die Partei Bibeltreuer Christen. Rechtslastige Medien wie EWTNtv oder kath.net gehören zu den UnterstĂŒtzern. Und meine alten Freunde vom Weißen Kreuz sind natĂŒrlich auch dabei, sogar die Junge Union Berlin. Volker Kauder schickte ebenso Grußbotschaften wie die KardinĂ€le Woelki oder Marx. Selbstgerechte Christen, wohin man nur blickt! Ach, ich vergaß, die AfD ließ auch schön grĂŒĂŸen 
 selbst Papst Franziskus drĂŒckte seine Freude aus 


Liest man die Liste der Beteiligten auf der Internetseite „Marsch fĂŒr das Leben 2014“, hört man vor seinem geistigen Ohr, sozusagen, die Litanei, die immer zu den christlichen Katastrophenszenarien des Moralverfalls angestimmt wird: Das christliche Abendland ist bedroht, der Untergang ist nahe, wenn die Menschen ihr Leben und Sterben selbst in die Hand nehmen.

Es geht diesen Leuten natĂŒrlich nicht um den Schutz des Lebendigen, sie wollen auf der Basis ihrer irrationalen Gottesvorstellungen lĂ€ngst erreichte Menschenrechte zurĂŒckdrĂ€ngen. Das geistige Terrain dafĂŒr bereiten Martin Lohmann selbst (z.B. mit seinen originellen TV-Auftritten bei Plasberg, Lanz oder Jauch) oder Figuren wie der Dominikanerpater Wolfgang Spindler, der dieses Jahr auf dem Aschermittwochsfischessen der CSU in Geretsried ĂŒber die „Inflation an Menschenrechten“ klagte.

Menschenrechte sind nĂ€mlich fĂŒr LebensschĂŒtzer keine Diskussionsbasis; letztendlich geht es nur um die Rechte ihres Gottes, aus denen sie Pflichten fĂŒr alle Menschen ableiten, christlich oder nicht. Ob diese Pflichten Leid erzeugen, ist gleichgĂŒltig. Wenn es Leiden gibt, dann kommt auch das von Gott, es hat einen Sinn, selbst wenn wir ihn nicht verstehen. Deshalb muss man es annehmen oder mit christlicher Barmherzigkeit lindern.

Sie wollen auch zwingen

Barmherzigkeit ist aber keine humane Kategorie, sondern ein Gnadenakt der Tyrannen; Tyrannen können Barmherzigkeit spenden oder es auch lassen. Ein Recht darauf haben die Menschen nicht. Das verweist sie in die devote Sklavenhaltung, auf die Knie, in Lumpen, vor Gottesfurcht klappernde Knochengestelle, die HĂ€nde bittend, betend und bettelnd ausgestreckt nach ein paar Brocken GutdĂŒnken. In dieser erbĂ€rmlichen Haltung möchten die Fundamentalchristen, die in Berlin aufmarschierten, verharren. Sie mögen sich dieser masochistischen Übung gern unterziehen. Aber sie wollen nicht allein bleiben – sie wollen alle anderen, die an göttlicher Barmherzigkeit nicht interessiert sind oder sie ablehnen, auch dazu zwingen.

Mit dieser untertĂ€nigen Leidensbesoffenheit wird die patriarchale Herrschaft ĂŒber den Körper, den Uterus der Frau, gerechtfertigt. Das ganze Gerede von Lebensschutz entbehrt jeder intellektuellen und wissenschaftlichen Grundlage. Lebendig ist nĂ€mlich auch schon die Eizelle, lebendig auch schon das einzelne Spermium – aber beide sind angewiesen, um zu ĂŒberleben, auf die Ovarien der Frau oder die Hoden des Mannes. Konsequent zu Ende gedacht, wĂ€ren Amputationen dieser Organe bei Krebs auch schon lebensfeindliche Aktionen. Ja, noch mehr: Eigentlich dĂŒrfte kein weibliches Ei verloren gehen (jedes _mĂŒsste_ befruchtet werden), dĂŒrfte kein mĂ€nnlicher Same verschwendet werden – ah, ich vergaß, Masturbation ist ja auch schon eine SĂŒnde und ein Verbrechen – da ist lĂ€ngst ein religiöser Riegel vorgeschoben. Die Herrschaft der Religion und ihres Klerus ĂŒber die Körper der Menschen war leider einmal bis zur AufklĂ€rung die Regel.

All diese, mit Verlaub, christlichen EiertĂ€nze um Zeugung und Schwangerschaft resultieren aus patriarchalen Zeiten, in denen man geglaubt hat, im mĂ€nnlichen Samen sitze bereits ein völlig ausgebildeter Homunculus, der nur das GefĂ€ĂŸ des weiblichen Körpers brauche, um zu wachsen. Kein Wunder also, dass Martin Luther verĂ€chtlich sagen durfte, die Frauen sollten sich ruhig zu Tode gebĂ€ren, sie seien dafĂŒr da.

Religiöse Fantasie-Geschichten

Die einzige GebĂ€rerin, die die Katholiken verehren, Maria, ist auch nur ein GefĂ€ĂŸ fĂŒr den Samen Gottes gewesen – ein auserwĂ€hltes allerdings und wird jetzt wie eine kostbare Vase oder Bonsai-Pflanzschale verehrt.

Solche aus biologischer Unkenntnis und Penisbesessenheit entstandene Frauenverachtung kommt bis heute in unserer Sprache nieder; AusdrĂŒcke wie: „sie trĂ€gt sein Kind unter dem Herzen“ oder „wessen Kind bekommst du denn?“ bestĂ€tigen das.

Nebenbei gesagt – auch das Herumreiten der Catholica auf der „Beseelung“ der Eizelle im Moment der Befruchtung ist pure WillkĂŒr: Bis ins 19. Jahrhundert geschah das mal 30, mal 40 Tage nach der Befruchtung – aber natĂŒrlich wurde zuerst die mĂ€nnliche, spĂ€ter dann die weibliche Seele eingeblasen in den Bauch der Mutter und das bei feuchten, widrigen Winden! Inzwischen hat man sich entschieden, schon die Zygote als beseelte Person anzusehen und deshalb den Bauch der Frau als menschenrechtsfreien Bereich darzustellen.

All diese religiösen Fantasie-Geschichten funktionieren nur, wenn man eine ewig existierende Seele voraussetzt, einen Himmel und eine Hölle und einen unergrĂŒndlichen alles an-, ab- und aufregenden personalen Himmelsvater. Den patriarchalen Erzeuger, der Leben schenkt und nimmt nach phallischem GutdĂŒnken – ob gnĂ€dig oder grausam ist gleichgĂŒltig, es ist _sein_ Recht. So wie die Frauen ihren Körper den MĂ€nnern hingeben (allein dieses deutsche Verb ist schon entlarvend), um den Samen der MĂ€nner auszutragen (sic!), so sollen alle Menschen sich dem Vatergott unhinterfragt hingeben.

Mit diesen Vorstellungen schwingen sich LebensschĂŒtzer aller Religionen zur Moralpolizei auf und ziehen als Gottesanbeter und Vollstrecker seines Willens durch Wuppertal oder Berlin. Vor das Recht der einzelnen Person auf Selbstbestimmung, der Frau ĂŒber ihren Körper und des Leidenden ĂŒber sein Leben setzen sie die Allmacht ihres Gottes.

Es geht nicht nur um die Abtreibung

Beim Marsch fĂŒr das Leben geht es also um mehr als das Recht der Frauen am eigenen Körper, auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Die sogenannten LebensschĂŒtzer leugnen dieses Menschenrecht. Und wer es gesetzlich verbieten lassen will – das ist ja die Forderung der Demonstranten –, der hört mit dem Verbieten nicht auf. Die anderen Baustellen, auf denen die LebensschĂŒtzer politische WĂŒhlarbeit betreiben, sind bekannt: Rechte fĂŒr sexuelle Minderheiten, der Kampf gegen Diskriminierung, Sterbehilfe.

Es geht also nicht nur um die Abtreibung; nein, es geht um einen anderen Staat, einen am Gott der LebensschĂŒtzer ausgerichteten Staat. Kein Wunder also, dass die gleichen Leute, die hier demonstrieren, begeistert der gelenkten Demokratie Putins mit der bigotten Moralinstanz der orthodoxen Kirche zujubeln oder der neuen ungarischen Verfassung „unter Gott“, die eigentlich zum Ausschluss Ungarns aus der EU fĂŒhren mĂŒsste.

Wie ein solcher Gottesstaat aussehen soll, kann man im Verfassungsentwurf der PiusbrĂŒder lesen: Abschaffung der parlamentarischen Demokratie und ihrer Voraussetzung des „One-Man One-Vote“, Verbot von Abtreibung und VerhĂŒtungsmitteln, EinschrĂ€nkung der Forschung und Religionsfreiheit – daraus folgen dann die RĂŒcknahme der Rechte von Frauen und Kindern, die EinfĂŒhrung der Todesstrafe (wie ja LebensschĂŒtzer nie Probleme haben gegen die Abtreibung, aber fĂŒr den staatlich verhĂ€ngten Mord einzustehen), die VerhĂ€ngung von Blasphemiegesetzen und damit das Ausdörren von Wissenschaft, Forschung und Kultur.

_Nachtrag:_
Nachdem ich mir die frommen Forderungen des „Bundesverbandes Lebensrecht“ in seiner „Berliner ErklĂ€rung zum Schutz des menschlichen Lebens“ anlĂ€sslich der Demo am 20. September noch einmal zu GemĂŒte gefĂŒhrt hatte, um sie mit diesem Text abzugleichen, geriet ich per Zufall auf eine Internetseite, die die groteske Diskrepanz zwischen dogmatischem Lebensschutz und der VernachlĂ€ssigung des Lebendigen grausam aufzeigte. In einem Artikel ĂŒber den obszönen, schon nicht mehr bezifferbaren Reichtum der katholischen Kirche war das Foto eines höchstens sechsjĂ€hrigen Klappergestells, das eigentlich ein Kind sein sollte, eingefĂŒgt. GehĂŒllt in einen Lumpen, beugte es sich ĂŒber achtlos weggeworfene Essensreste auf der Straße.

Dieses Foto hat mich nicht mehr losgelassen. Denn anders als die PlastikpĂŒppchen, die Frauen vor GynĂ€kologenpraxen von LebensschĂŒtzern in die HĂ€nde gedrĂŒckt werden, zeigte jenes Bild das zu TrĂ€nen rĂŒhrende Leid eines lebendigen Kindes, das um einen Bissen vergammelter Nahrung auf den Knien lag, von Zuwendung und menschlicher WĂ€rme ganz zu schweigen. Ein Leid, fĂŒr das die selbstgerechten LebensschĂŒtzer blind sind, aber auf das wir nicht nur mit Scham, sondern mit bedingungsloser Hilfe reagieren mĂŒssen.

Die MĂ€rsche fĂŒr das Leben von Zygoten Ă€ndern an solchem Leid lebendiger Menschen aber nicht das Geringste!

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