Die Macht der Menge muss auch in einem mächtigen Programm umgesetzt werden. Alison Smale

Gottgerechte Endlösung

In Stuttgart haben rund 700 Homophobe demonstriert. Sie sollten endlich ihr Visier öffnen und offen sagen, was sie wollen: die erneute Bestrafung oder wenigstens Quarantäne für die kranken Schwulen.

Naa, Papa, naa, I moag nimmer Kadenzen üb´n, imma dös glaiche!
Noch aamol, Wolferl, dann kannst mit´m Konstanzerl Mann und Frau spül´n!
Derf I des aa mit´n Schikaneder spül´n, den moag I liaba?
Guat, guat, wannst jetzt übst!
Wann I dös g´macht hoab, da schreib I Dir aba an Don Schovanni, da wirst schaugn!

Ist jetzt ihr sehnlichster Wunsch erfüllt? Am 28. Juni hat Gabriele Kuby endlich ihre Demo für alle nach dem französischen Muster Manif pour tous in Stuttgart bekommen, mit bloß 700 Teilnehmern eine ziemlich mickrige allerdings. Obwohl eine feige einknickende Landesregierung ihren Bildungsplan für die Vielfalt menschlichen Lebens und Liebens auf die lange Bank geschoben und damit recht eigentlich begraben hat, jaulen, maulen, krakeelen und demonstrieren die Homohasser nicht nur in Baden-Württemberg unfröhlich immer weiter. Sie wollen homosexuelle Realitäten ganz aus dem Leben verdrängen. So beginnt Auslöschung.

Originell nur, dass eine Anstifterin dieser Demo bloß in einer zufälligen Pause um einen kurzen Redebeitrag gebeten wurde. Wir haben da eine Lücke, Frau Kuby, die müssen Sie füllen!

Fanatisches, Unsinniges, Halbwahres und Verletzendes

Eigentlich war sie gar nicht vorgesehen als Rednerin. Kein Wunder, denn sie hat nicht die zweideutige Flamboyance von Frigide Barjot, die die Massendemos gegen die Menschenrechte in Frankreich anregte, eher die Ausstrahlung einer zäh-frommen Turnlehrerin an einem Mädchengymnasium der 1950er-Jahre, die von heroischeren Zeiten der Gymnastik für deutsche Mädel träumt.

Aber hier geht es mir nicht um die Ausstrahlung (katholisch: Charisma), sondern um die Absichten, die Kuby als die Chefideologin der deutschen Homophobie hegt und ihre wirklichen, tiefst verborgenen Gründe. Was treibt sie und ihre Kombattanten zur Fantasie, sie müssten die Welt retten vor der teuflischen Homogefahr?

In ihrem Redebeitrag zur Demo reihte Kuby wieder Fanatisches, Unsinniges, Halbwahres und Verletzendes auf dogmatische Weise aneinander: Deutschland stirbt aus, die Mehrzahl der Ehen werde geschieden, die Vater-Mutter-Kind-Familie sei bedroht, es gibt nur eine Form der Familie, alle anderen sind Zerfallsformen – und an all dem sind natürlich die Homosexuellen schuld.

Die Aufzählung dieser hanebüchenen Fakten endete mit dem bei Kuby üblichen Mantra, das jeden Rassismus und jeden Menschenhass unter Umgehung jedes rationalen Gedankens begründen kann: „ES IST NICHT GLEICH“. Mit dieser armseligen Formel aus dem dünnen Wörterbuch des Herrenmenschen wurde auch einmal die angebliche Minderwertigkeit der Schwarzen begründet.

„Homosexualität ist die Zerstörung der Wertebasis!“

Kuby wünschte sich in ihrer Rede „gesunde Strukturen“ für unser Land – ach, echote mir da das gesunde Volksempfinden braunerer Tage im Ohr. Wie angeblich ungesund die Strukturen in den Schulen schon seien, untermauerte sie mit einer wirklich dreisten Pseudoinformation, die schlichtere Elterngemüter auf die Palme bringen muss (was ja auch Absicht ist): „Warum werden in unsere Schulklassen Homopaare geschickt? Die unsere Kinder antörnen: Probiert’s doch mal aus.“

Schließlich kramte sie, den schon Anfang der 1930er-Jahre angewendeten rhetorischen miesen Trick hervor: eine verschwindende Minderheit versuche die Mehrheit in den Griff zu kriegen. Damals hat dieser Trick tatsächlich gezogen – in Deutschland glaubte man bald an die jüdische Weltverschwörung kleiner aber einflussreicher Gruppen. Heute wird der Popanz der internationalen Homolobby beschworen. Und was hat die vor, die Homolobby? Kuby beendete ihre kurze Rede in Stuttgart menetekelnd: „Homosexualität ist die Zerstörung der Wertebasis!“

Wenn es nur um die private Sexualphobie einer älteren Dame ginge, die mit einer lächerlichen Webseite unter dem müden Titel „Only You“ jungen Menschen „Keuschheit konkret“ anpreist … O-TON: „Keuschheit ist ein aufregender und befreiender Lebensstil. (…) Er bringt Reinheit in deine Gedanken. (…) Erobere deine Jungfräulichkeit zurück!“ … dann würde ich mit den Schultern zucken, sacht gegen die Stirn tippen and now to something completely different übergehen. (Ich reiße keine Witze über die wiedergewonnene Jungfräulichkeit wie den mit der Milch der frommen Denkungsart oben rein und dann warten, bis sich unten eine Haut … nein, nein, den verkneife ich mir.)

Gabriele Kuby – die auf dem Flyer für die Demo für Alle als einzige mit Namen genannt wird – ist nicht allein und hat eine ganze Reihe obskurster Kombattanten: Mitglieder von mehr als einem Dutzend Organisationen, die behaupten, sich dem Kinderschutz zu widmen.

Darunter: unverdaulich schimmlige Nüsse

Darunter findet sich die drollige Vereinigung Kinder in Gefahr, die gegen Sexualaufklärung, Popmusik und ähnlich Jugendgefährdendes kämpft. Der Leiter der Aktion, Mathias von Gersdorff, führte einen peinlichen Feldzug gegen die „Bravo“, so wie einmal Tugendwächter zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Romankonsum von Frauen bekämpfen wollten.

Adel ist überhaupt des Öfteren bei den Unterstützern der Demo für Alle vertreten: da ist Hedwig von Beverfoerde von der Initiative Familienschutz, die sich einmal gegen die Betreuungspflicht von Kindern in der Grundschule gewehrt hat, damit die Mütter was zu tun haben und an anderer Stelle vehement gegen Abtreibung und Stammzellenforschung kämpft, also gegen die Selbstbestimmung der Frau und der Eltern über ihre eigenen Körper.

Wir wollen auch nicht das Bündnis – Rettet die Familie vergessen, das wiederum aus zahlreichen Unterorganisationen rechtskatholischer Provenienz besteht. Und siehe da, man kratzt ein wenig an der verkalkt-frommen Schale und findet darunter unverdaulich schimmlige Nüsse z.B. das Elternkolleg der einstmals führenden Homophoben Deutschlands, Christa Mewes, die den Stab ja an Kuby weiterreichte.

Nun könnte ich es mir leicht machen, wie etwa Doktor David Berger (bloß nicht den akademischen Titel vergessen), der in der „Huffington Post“ meinte, der Radau des neu aufkeimenden Homohasses befriedige die Eitelkeit, den Wunsch nach Medienprominenz und die Geldgier der üblichen Verdächtigen. Was Eitelkeit und Medienpräsenz angeht, muss er Bescheid wissen. Merkwürdigerweise hat er noch in seinem Outing-Buch „Der heilige Schein“ von der gut vernetzten antidemokratischen Wühlarbeit erzkatholischer Organisationen geschrieben. Doch davon ist heute nichts mehr dazu zu hören, seit er sein Dasein als schöner Chefredakteur des Lifestyle-Magazins „Männer“ fristet.

Die Abscheu vor dem Fremden, Anderen

Die Vernetzung der katholisch-evangelikalen Verbände gegen die Rechte von Homosexuellen geht weit über Deutschland hinaus. Es gibt Verbindungen zu Organisationen, die international ihr Unwesen treiben und sich mit juristischer Beratung und viel Geld (von wem und für wen eigentlich?) sogar in die entsprechenden Gesetzgebungen in Russland, Ungarn, der Slowakei oder Zentralafrika eingemischt haben. Diese Anti-Homolobby muss ich mir aber für ein anderes Mal aufsparen, denn sonst kommen wir ab von dem, was Kuby und ihre Gefolgschaft umtreibt.

Natürlich, wie ich hier bereits schon einmal geschrieben habe, sie fürchten, dass sie Sündenböcke verlieren; die Juden können es beim besten Willen nicht mehr sein, die die Welt bedrohen – das predigen nur noch unverbesserliche Faschisten, von denen man sich in diesen rechtsreligiösen Kreisen halbherzig zu distanzieren versucht. Frau von Beverfoerde scheuchte eine solch rechte Gruppe bei der letzten Demo quasi eigenhändig davon. Nein, mit den Schmuddelkindern möchte man wenigstens öffentlich nichts gemein haben. Aber Gemeines schon!

Die da in Stuttgart demonstrierten, verkleiden sich ja immer gern mit einem christlichen Martinsmantel. Die Abscheu vor dem Fremden, Anderen, vor Juden, Muslimen, Homosexuellen, Schwarzen, Frauen konstituiert das Christentum – und diese Anderen gehören gleichgeschaltet oder einen Kopf oder Geschlechtsteil kürzer gemacht. Dieses Andere hat sich gefälligst anzupassen und wenn nicht, dann wird es ausgelöscht, entweder schon zu Lebzeiten oder im Jenseits. Der liebe Gott in seinem undurchschaubaren Ratschluss schickt manchmal auch zur Strafe eine Katastrophe von der Pest über den Tsunami bis zur Panik bei der Love-Parade.

Diese Mentalität der religiösen Homohasser (und anderer Rassisten – denn nichts anderes sind Homophobe) beschreibt der Psychiater Arno Gruen so:

Es handelt sich um nicht-ganze Personen (…) die andere Menschen im Griff haben müssen, anstatt sich selbst (…). Diese Menschen lassen sich besonders stark von paranoiden Ängsten anstecken, und das vor allem in Zeiten der Unsicherheit, weil sie sich von gesellschaftlichen Veränderungen in ihrem Sein bedroht fühlen. Hinter den paranoiden Ängsten verbirgt sich das Fremde, das sie von sich streifen müssen.

Hetzmär von der Nähe der Homosexualität zur Pädophilie

Die religiös motivierte Homoparanoia hat aber noch einen viel tieferen und grauslicheren Grund: Ich wies bereits auf die vielen Kinderschutzorganisationen hin, die sich gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg und gegen gleiche Rechte für Homosexuelle einsetzen.

Während die meisten Menschen in diesem Land noch den Kopf schütteln, wenn Frau Kuby die westliche Wertegemeinschaft durch Homosexuelle gefährdet sieht, kriegen sie einen Schrecken, sobald man zum x-ten Male die niederträchtigen Lüge von der Kindesgefährdung durch Homosexuelle aufs Tapet bringt.

Erst vor Kurzem hat der zölibatäre Kassandros aus Salzburg, Weihbischof Andres Laun, mal wieder geunkt, „die Gefahr des Missbrauchs ist bei homosexuellen Menschen höher als bei Heterosexuellen!“ – und damit die alte Hetzmär von der Nähe der Homosexualität zur Pädophilie zum ungezählten Male wiedergekäut.

Diese stürmerischen Behauptungen, wie sie in Russland inzwischen gang und gäbe sind (und aus der entsprechenden Szene in Deutschland Applaus bekommen), führen dort bereits zu pogromähnlichen Ausschreitungen. Jüngst konnte man in einem WDR-Bericht erfahren, wie Homosexuelle in Russland entführt, gefoltert, erpresst und in ihrer bürgerlichen Existenz vernichtet werden. Nach den Manif pour Tous-Demos wurden auch in Frankreich Hetzjagden auf Schwule veranstaltet.

Frau Kuby, geben Sie sich einen Ruck

Frau Kuby hat die russischen Gesetze auf einem Kongress des Forums Deutscher Katholiken 2013 begeistert gelobt. Dann müssten auch die Forderungen des Ex-CDUlers Sven Heibel in ihrem Sinne sein. Er bedauerte kürzlich die Abschaffung des Paragrafen 175 und überlegte, ob man nicht Gesetze gestalten könnte, die ihn irritierende Zärtlichkeiten zwischen Homosexuellen in der Öffentlichkeit unterbinden. – So wie es aber ein bisschen schwanger nicht gibt, Herr Heibel!, kann es auch nicht ein bisschen weniger Bürgerrechte eigens für Schwule geben. Damit wäre dem Ende der Menschenrechte in diesem Land das Schlupfloch gebuddelt.

Frau Kuby ist schon entschieden weiter als Sven Heibel. In ihrer „Kampfbibel gegen die Homosexuellen“ – so nennt ausgerechnet der Präsident der Katholischen Volkspartei der Schweiz, Lukas Brunwiler-Frésey – Kubys Buch „Die globale sexuelle Revolution“, fordert sie das Ende der Gender-Forschung, will nicht, dass im Grundgesetz die Diskriminierung wegen der sexuellen Identität geächtet wird, verlangt dass die Adoption durch Homosexuelle nicht gestattet werden soll und besteht auf dem Ende der bisherigen Sexualerziehung an Schulen; allenfalls darf die nach ihren katholischen Albträumen gestaltet werden.

Ach, Frau Kuby, geben Sie sich einen Ruck, murmeln Sie doch nicht mehr nur bloß durch die Finger. Öffnen Sie Ihr Visier und fordern doch endlich en face die erneute Pönalisierung oder wenigstens die Quarantäne für die kranken Schwulen, die nicht so wollen wie Sie. Die Bibel (aber die ist ja nicht so bedeutsam wie das katholische Lehramt) bietet doch die gottgerechte Endlösung:

3 Mose 20, 13 – Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Brosche: Liebet den Zellklumpen!

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