Toleranz und Wurst

von Wolfgang Brosche20.05.2014Gesellschaft & Kultur

So wie mir Marlene Dietrich geholfen hat durch die Untiefen der Ablehnung und des Hasses, so gibt Conchita Wurst ihren Mut weiter an die Jungen und MĂ€dchen, die nicht so sein sollen, wie sie sind.

_Wann wird man je versteh’n_
_Wann wird man je 
 versteh’n?_

Der achtjĂ€hrige Junge, der ich war, hat begriffen, worum es geht in diesem Lied, das aus dem Radio in der FamilienkĂŒche tönt. „Der Mann will, dass Schluss ist mit Krieg!“
„Ach, du Dummerchen, das ist kein Mann, das ist eine Frau!“
„Aber die Stimme ist doch so tief!“
„Marlene Dietrich ist trotzdem eine Frau!“
Nie wieder geht mir dieser Name, diese Stimme, dieses _Trotzdem_ aus dem Sinn. Pete Seeger selbst wĂ€re mir nie so nachdrĂŒcklich im Kopf geblieben, der schnarrende FriedenssĂ€nger.

Ich bin zwölf, als ich mir meine erste Marlene-LP kaufe: _Blowin’ in the Wind, In den Kasernen, Where have all the Flowers gone._ Die Friedensbotschaft ein Vorwand, mich berĂŒhrt diese Stimme zwischen Mann und Frau.

Mit sechzehn schleppe ich den alten _Nordmende_ Schwarz-Weiß-Kasten aus dem Keller herauf – der Vater will seinen Farbfernseher nicht fĂŒr „das alte Schrapnell 
“ hergeben. FĂŒr diese „VaterlandsverrĂ€terin, die hat doch gegen ihr Volk gehetzt im Krieg. So was tut man nicht!“

Eine Diva, die ein Vorbild wurde

Also sehe ich _I wish you love_, das einzige vom Fernsehen aufgezeichnete Konzert Marlenes, im Abseits der KĂŒche, in Schwarz-Weiß. Ein Schwarz-Weiß wie in einem Sternbergfilm. Sie hat sich selbst ihr Nordlicht eingerichtet, das modelliert die Ikone ihres Gesichts, mit dem Schattenschmetterling unter der Nase. Das Tasselkleid umfunkelt ihren alt gewordenen Körper, darunter kĂŒhlt ein mit Leukoplast angeklebter Eisbeutel das offene Bein. Das holte sie sich bei einem BĂŒhnensturz in Chicago, aber das bleibt ein Geheimnis, niemand soll’s merken, wie verwundet sie ist. Sie wirft den Pelz aus Schwanendaunen um ihre Stundenglassilhouette und rĂŒgt einen Mann, der mit dem Operngucker nach ihr stiert: „Tun Sie das Ding weg. Sie zerstören sich doch nur jede Illusion!“ Am Schluss singt sie zum hunderttausendsten Male _the inevitable: „Falling in Love again 
“_

Seit damals hat mich Marlene immer getröstet, die als erste Frau in Hollywood MĂ€nneranzĂŒge trug, die Frauen in ihren Filmen kĂŒsste und im wirklichen Leben, die VerhĂ€ltnisse hatte – _wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht_ – mit Erich Maria Remarque, Gary Cooper, Jean Gabin, Mercedes McCambridge. Marlene, die John F. Kennedy in die Liebe einfĂŒhrte, die sich von Hitler abwandte, als alle anderen Deutschen noch den Arm hoben und die _the soldier’s lovesong_ sang (in der Rolle des Mannes, des Soldaten, wohlgemerkt):

bq. A song that’s very close to my heart. I sang it during the war. For three long years. All through Africa, Sicily and Italy, through Alaska, Greenland and Iceland, through Holland and Belgium, through France and Germany 
 Lili Marlene!

Eine Diva, die alle MĂ€nner aufregte, die Frauen anzog und allen anderen dazwischen ein Vorbild wurde, die wie eine Mutter kochte und selbst mit sechzig noch so sexy war, dass ein dreißig Jahre jĂŒngerer Ölinselingenieur seine brave Familie fĂŒr sie verließ. Marlene – eine Kunstfigur, aber durch tausend Leidenschaften mit dem Leben verbunden.

Als meine Mutter herausfand, dass ich schwul bin, hoffte sie, Selbstmorddrohungen wĂŒrden mich zur Besinnung bringen oder wenigstens die Drohung, mich zum Psychiater zu schicken. Als ich auf dem Polterabend meiner Schwester mit einem Ring im Ohr auftauchte – auch noch im rechten – randalierte mein Vater; fĂŒr ihn ging die Welt unter.

Als ich einen Literaturpreis gewann mit einer Geschichte ĂŒber Schwule im KZ, strafte er mich monatelang mit Schweigen. Totschweigen!

In der Einsamkeit dieser Missachtung, in der auf mir abgeladenen Angst, die Welt ginge unter, weil ich kein _ganzer Mann_ war, hat mich eine gerettet: Marlene auf dem Fass, Marlene im Schwanenpelz – und – das fĂŒr mich schönste Bild – Marlene, wie sie in Armyuniform nach oben schaut und Hunderte FallschirmjĂ€ger der 82. Luftlandedivision aus dem Himmel springen. Nur fĂŒr sie und die Freiheit! Ein Bild der Hoffnung, dass der Wahnsinn bald zu Ende sei.

Am ihrem Todestag habe ich in den Nachthimmel gestarrt, aber es sprangen keine FallschirmjĂ€ger ab, um uns von Dummheit, BrutalitĂ€t und Schwulenhass zu befreien. Ich konnte ihr nur noch in die Dunkelheit salutieren. So jemand wĂŒrde nie wieder kommen 
 dieses Gesamtkunstwerk aus Strass und Stimme, diese Provokation an Glamour und Entschiedenheit – unwiederholbar 20. Jahrhundert.

Weitermachen

Von ihr, dem Zwischenwesen, nicht von meinen zwangsheterosexuellen Eltern, hab’ ich gelernt durchzustehen, auszuhalten, weiterzumachen wie die wunderbare _Bijou Blanche_ in _Seven Sinners_ (ihrem schwulsten Film und ihrem zĂ€rtlichsten). Da ist Marlene wie eine Frau mit Bart und liebt, ach, du liebe Zeit, den jungen, breitschultrigen Marineoffizier John Wayne, den sie natĂŒrlich als Bardame in NetzstrĂŒmpfen und mit verrĂŒckten HĂŒten nicht lieben darf. Ach, die Sitten und die GebrĂ€uche, die Dekadenz, der Untergang des Abendlandes, wenn es anders wĂ€re 
 Am Ende kriegt der Offizier sein wohlanstĂ€ndiges MĂ€dchen, wird befördert und Marlene mit all ihrem bric-a-brac: Lidstrich, LaszivitĂ€t und Liebe, ihrer Lebendigkeit, zieht, angeschlagen, aber nicht wirklich geschlagen, weiter und singt:

bq. I’ve been in love before, it’s true. Been learning to adore just you. My heart, that’s lived a bit can tell when it beats true, I’ve been in love before, tell me, haven’t you?

Wenn der Titel „The End“ abrollt, dann hassen wir John Wayne fĂŒr seine NormalitĂ€t und seine fleckenlose weiße Uniform mit den BĂŒgelfalten, fĂŒr seine nervige kleine, spießige Frau und vor allem fĂŒr seine Feigheit vor dem Freund.

So, das ist jetzt ein So wie auf den Tisch gehauen! – und jetzt kommt im 21. Jahrhundert ein hĂŒbscher Knabe aus Österreich und zieht ein funkelndes Tasselkleid an und setzt ein Haarteil auf wie Marlene in ihren BĂŒhnenshows – und die Robe kleidet seinen Köper mit den Rundungen einer Sanduhr – und er steht im Nordlicht und singt von dem Verlust der Liebe und der Erniedrigung und dem Aufstehen aus der Asche des Ungeliebtseins. Er bewegt sich kaum, wie Marlene im Nordlicht ihrer Konzerte, denn wer sich seiner Botschaft sicher ist, der muss nicht hampeln; der muss sich nicht einmal rasieren, der strahlt einfach. Am Ende verbeugt er sich mit durchgedrĂŒckten Knien wie Marlene 
 und viele jubeln ihm zu – wie einmal die gescheiteren, geistreichen Menschen Marlene zugejubelt haben 
 von Hemingway ĂŒber Noel Coward bis Jean Cocteau.

So wie mir Marlene geholfen hat, durch die Untiefen der Ablehnung und des Hasses, so gibt Conchita Wurst ihren Mut weiter an die Jungen und MĂ€dchen, die nicht so sein sollen, wie sie sind. Sie gibt den Kindern derjenigen Mut, die einen heldenhaften, pardon kellenhaften Kampf fĂŒhren gegen die sexuelle Verwirrung, pardon Vielfalt! Conchita widersteht jenen, die fĂŒrchten, die _falsche Liebe_, das _verkehrte Aussehen_, das _uneindeutige Geschlecht_ wĂ€ren das Ende der Zivilisation anstatt der Dummheit.

Hier hat eine legitime Nachfolgerin der Dietrich die BĂŒhne betreten, moderner, aber nicht wirklich schriller – das war die Dietrich in den engen 30ern genauso. Jede Zeit hat das Schrille, das sie verdient – und jede Zeit hat ihre Diva des Glamours und der Gerechtigkeit verdient. Conchita fĂŒhrt fort, was Marlene angefangen hat – der einen war die Gebrochenheit des Jahrhunderts innegeschrieben von Lola bis Stola – die trug einen Frack und kĂŒsste ein MĂ€dchen vor laufender Kamera. Conchita trĂ€gt ein Abendkleid und einen aufgemalten Bart wie Groucho Marx – sie nimmt sich selbst heiter und zeigt wie Marlene der Unmenschlichkeit die Stirn bzw. das bĂ€rtige Kinn.

Eine wunderschöne Frau, zugleich ein hĂŒbscher junger Mann im Tasselkleid mit Schleppe – und er kann sogar noch ein bisschen besser singen als Marlene. Bei Marlene allerdings machte ihre GrĂ¶ĂŸe unter anderem aus, wie sie nicht singen konnte, aber das unnachahmlich.

Nur ein kurzer Moment des Jubels

Conchita wird ihren Weg finden. Aber jetzt schon zeigt sie den einfĂ€ltigen Anbetern der sogenannten NatĂŒrlichkeit, den religiösen Angsthasen vor Lebendigkeit und Leidenschaft, den Normierern der Geschlechtsorgane, der Liebe und der Lust, vom schwanzgesteuerten Macho Putin bis zu den hysterischen Kleingeistern wie Gabriele Kuby und ihren Freundinnen (internationale Homolobby, dass ich nicht lache!), wie schön und lebendig es ist _when the world is young!_

Will hoffen, in 50 Jahren wird Conchita noch immer mit schwarzer PerĂŒcke, Tasselkleid und Bart ins Nordlicht treten – als alter schöner schwuler Mann – und am Schluss ihrer Shows ins Mikro flĂŒstern: „And here is the invitable“ – und dann singt sie ihr „Kopf-bis-Fuß“-Lied vom _Phoenix_, vielleicht in einer stilleren Version als heute – aber sie singt es!

Ihr ESC-Sieg war nur ein kurzer Moment des Jubels, die Furcht vor dem Leben erbricht Wortungeheuer ĂŒber sie – und die Bösartigkeit der Drohungen lĂ€sst mich glauben, dass es nicht bei Worten bleiben wird.

_Wann wird man je versteh’n 
_
_Wann wird man je versteh’n?_

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