Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott sich darum kümmert. Martin Luther King

Toleranz und Wurst

So wie mir Marlene Dietrich geholfen hat durch die Untiefen der Ablehnung und des Hasses, so gibt Conchita Wurst ihren Mut weiter an die Jungen und Mädchen, die nicht so sein sollen, wie sie sind.

Wann wird man je versteh’n
Wann wird man je … versteh’n?

Der achtjährige Junge, der ich war, hat begriffen, worum es geht in diesem Lied, das aus dem Radio in der Familienküche tönt. „Der Mann will, dass Schluss ist mit Krieg!“
„Ach, du Dummerchen, das ist kein Mann, das ist eine Frau!“
„Aber die Stimme ist doch so tief!“
„Marlene Dietrich ist trotzdem eine Frau!“
Nie wieder geht mir dieser Name, diese Stimme, dieses Trotzdem aus dem Sinn. Pete Seeger selbst wäre mir nie so nachdrücklich im Kopf geblieben, der schnarrende Friedenssänger.

Ich bin zwölf, als ich mir meine erste Marlene-LP kaufe: Blowin’ in the Wind, In den Kasernen, Where have all the Flowers gone. Die Friedensbotschaft ein Vorwand, mich berührt diese Stimme zwischen Mann und Frau.

Mit sechzehn schleppe ich den alten Nordmende Schwarz-Weiß-Kasten aus dem Keller herauf – der Vater will seinen Farbfernseher nicht für „das alte Schrapnell …“ hergeben. Für diese „Vaterlandsverräterin, die hat doch gegen ihr Volk gehetzt im Krieg. So was tut man nicht!“

Eine Diva, die ein Vorbild wurde

Also sehe ich I wish you love, das einzige vom Fernsehen aufgezeichnete Konzert Marlenes, im Abseits der Küche, in Schwarz-Weiß. Ein Schwarz-Weiß wie in einem Sternbergfilm. Sie hat sich selbst ihr Nordlicht eingerichtet, das modelliert die Ikone ihres Gesichts, mit dem Schattenschmetterling unter der Nase. Das Tasselkleid umfunkelt ihren alt gewordenen Körper, darunter kühlt ein mit Leukoplast angeklebter Eisbeutel das offene Bein. Das holte sie sich bei einem Bühnensturz in Chicago, aber das bleibt ein Geheimnis, niemand soll’s merken, wie verwundet sie ist. Sie wirft den Pelz aus Schwanendaunen um ihre Stundenglassilhouette und rügt einen Mann, der mit dem Operngucker nach ihr stiert: „Tun Sie das Ding weg. Sie zerstören sich doch nur jede Illusion!“ Am Schluss singt sie zum hunderttausendsten Male the inevitable: „Falling in Love again …“

Seit damals hat mich Marlene immer getröstet, die als erste Frau in Hollywood Männeranzüge trug, die Frauen in ihren Filmen küsste und im wirklichen Leben, die Verhältnisse hatte – wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht – mit Erich Maria Remarque, Gary Cooper, Jean Gabin, Mercedes McCambridge. Marlene, die John F. Kennedy in die Liebe einführte, die sich von Hitler abwandte, als alle anderen Deutschen noch den Arm hoben und die the soldier’s lovesong sang (in der Rolle des Mannes, des Soldaten, wohlgemerkt):

A song that’s very close to my heart. I sang it during the war. For three long years. All through Africa, Sicily and Italy, through Alaska, Greenland and Iceland, through Holland and Belgium, through France and Germany … Lili Marlene!

Eine Diva, die alle Männer aufregte, die Frauen anzog und allen anderen dazwischen ein Vorbild wurde, die wie eine Mutter kochte und selbst mit sechzig noch so sexy war, dass ein dreißig Jahre jüngerer Ölinselingenieur seine brave Familie für sie verließ. Marlene – eine Kunstfigur, aber durch tausend Leidenschaften mit dem Leben verbunden.

Als meine Mutter herausfand, dass ich schwul bin, hoffte sie, Selbstmorddrohungen würden mich zur Besinnung bringen oder wenigstens die Drohung, mich zum Psychiater zu schicken. Als ich auf dem Polterabend meiner Schwester mit einem Ring im Ohr auftauchte – auch noch im rechten – randalierte mein Vater; für ihn ging die Welt unter.

Als ich einen Literaturpreis gewann mit einer Geschichte über Schwule im KZ, strafte er mich monatelang mit Schweigen. Totschweigen!

In der Einsamkeit dieser Missachtung, in der auf mir abgeladenen Angst, die Welt ginge unter, weil ich kein ganzer Mann war, hat mich eine gerettet: Marlene auf dem Fass, Marlene im Schwanenpelz – und – das für mich schönste Bild – Marlene, wie sie in Armyuniform nach oben schaut und Hunderte Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision aus dem Himmel springen. Nur für sie und die Freiheit! Ein Bild der Hoffnung, dass der Wahnsinn bald zu Ende sei.

Am ihrem Todestag habe ich in den Nachthimmel gestarrt, aber es sprangen keine Fallschirmjäger ab, um uns von Dummheit, Brutalität und Schwulenhass zu befreien. Ich konnte ihr nur noch in die Dunkelheit salutieren. So jemand würde nie wieder kommen … dieses Gesamtkunstwerk aus Strass und Stimme, diese Provokation an Glamour und Entschiedenheit – unwiederholbar 20. Jahrhundert.

Weitermachen

Von ihr, dem Zwischenwesen, nicht von meinen zwangsheterosexuellen Eltern, hab’ ich gelernt durchzustehen, auszuhalten, weiterzumachen wie die wunderbare Bijou Blanche in Seven Sinners (ihrem schwulsten Film und ihrem zärtlichsten). Da ist Marlene wie eine Frau mit Bart und liebt, ach, du liebe Zeit, den jungen, breitschultrigen Marineoffizier John Wayne, den sie natürlich als Bardame in Netzstrümpfen und mit verrückten Hüten nicht lieben darf. Ach, die Sitten und die Gebräuche, die Dekadenz, der Untergang des Abendlandes, wenn es anders wäre … Am Ende kriegt der Offizier sein wohlanständiges Mädchen, wird befördert und Marlene mit all ihrem bric-a-brac: Lidstrich, Laszivität und Liebe, ihrer Lebendigkeit, zieht, angeschlagen, aber nicht wirklich geschlagen, weiter und singt:

I’ve been in love before, it’s true. Been learning to adore just you. My heart, that’s lived a bit can tell when it beats true, I’ve been in love before, tell me, haven’t you?

Wenn der Titel „The End“ abrollt, dann hassen wir John Wayne für seine Normalität und seine fleckenlose weiße Uniform mit den Bügelfalten, für seine nervige kleine, spießige Frau und vor allem für seine Feigheit vor dem Freund.

So, das ist jetzt ein So wie auf den Tisch gehauen! – und jetzt kommt im 21. Jahrhundert ein hübscher Knabe aus Österreich und zieht ein funkelndes Tasselkleid an und setzt ein Haarteil auf wie Marlene in ihren Bühnenshows – und die Robe kleidet seinen Köper mit den Rundungen einer Sanduhr – und er steht im Nordlicht und singt von dem Verlust der Liebe und der Erniedrigung und dem Aufstehen aus der Asche des Ungeliebtseins. Er bewegt sich kaum, wie Marlene im Nordlicht ihrer Konzerte, denn wer sich seiner Botschaft sicher ist, der muss nicht hampeln; der muss sich nicht einmal rasieren, der strahlt einfach. Am Ende verbeugt er sich mit durchgedrückten Knien wie Marlene … und viele jubeln ihm zu – wie einmal die gescheiteren, geistreichen Menschen Marlene zugejubelt haben … von Hemingway über Noel Coward bis Jean Cocteau.

So wie mir Marlene geholfen hat, durch die Untiefen der Ablehnung und des Hasses, so gibt Conchita Wurst ihren Mut weiter an die Jungen und Mädchen, die nicht so sein sollen, wie sie sind. Sie gibt den Kindern derjenigen Mut, die einen heldenhaften, pardon kellenhaften Kampf führen gegen die sexuelle Verwirrung, pardon Vielfalt! Conchita widersteht jenen, die fürchten, die falsche Liebe, das verkehrte Aussehen, das uneindeutige Geschlecht wären das Ende der Zivilisation anstatt der Dummheit.

Hier hat eine legitime Nachfolgerin der Dietrich die Bühne betreten, moderner, aber nicht wirklich schriller – das war die Dietrich in den engen 30ern genauso. Jede Zeit hat das Schrille, das sie verdient – und jede Zeit hat ihre Diva des Glamours und der Gerechtigkeit verdient. Conchita führt fort, was Marlene angefangen hat – der einen war die Gebrochenheit des Jahrhunderts innegeschrieben von Lola bis Stola – die trug einen Frack und küsste ein Mädchen vor laufender Kamera. Conchita trägt ein Abendkleid und einen aufgemalten Bart wie Groucho Marx – sie nimmt sich selbst heiter und zeigt wie Marlene der Unmenschlichkeit die Stirn bzw. das bärtige Kinn.

Eine wunderschöne Frau, zugleich ein hübscher junger Mann im Tasselkleid mit Schleppe – und er kann sogar noch ein bisschen besser singen als Marlene. Bei Marlene allerdings machte ihre Größe unter anderem aus, wie sie nicht singen konnte, aber das unnachahmlich.

Nur ein kurzer Moment des Jubels

Conchita wird ihren Weg finden. Aber jetzt schon zeigt sie den einfältigen Anbetern der sogenannten Natürlichkeit, den religiösen Angsthasen vor Lebendigkeit und Leidenschaft, den Normierern der Geschlechtsorgane, der Liebe und der Lust, vom schwanzgesteuerten Macho Putin bis zu den hysterischen Kleingeistern wie Gabriele Kuby und ihren Freundinnen (internationale Homolobby, dass ich nicht lache!), wie schön und lebendig es ist when the world is young!

Will hoffen, in 50 Jahren wird Conchita noch immer mit schwarzer Perücke, Tasselkleid und Bart ins Nordlicht treten – als alter schöner schwuler Mann – und am Schluss ihrer Shows ins Mikro flüstern: „And here is the invitable“ – und dann singt sie ihr „Kopf-bis-Fuß“-Lied vom Phoenix, vielleicht in einer stilleren Version als heute – aber sie singt es!

Ihr ESC-Sieg war nur ein kurzer Moment des Jubels, die Furcht vor dem Leben erbricht Wortungeheuer über sie – und die Bösartigkeit der Drohungen lässt mich glauben, dass es nicht bei Worten bleiben wird.

Wann wird man je versteh’n …
Wann wird man je versteh’n?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Brosche: Liebet den Zellklumpen!

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