Ich habe als Bundesminister 80 Prozent meiner Kraft dazu verwendet, gegen Unfug anzukämpfen. Ludwig Erhard

Kohlrabi-Zwang im Schlafzimmer

Unser Kolumnist Wolfgang Brosche fand einen Brief der erzkonservativen „Initiative Familienschutz“ in seinem Briefkasten. Höchste Zeit für eine Antwort an Hedwig Freifrau von Beverfoerde.

Allerwerteste, Euer Liebden,

mit Datum vom 14. April erhielt ich Ihr mehrseitiges Erbitten und Ansinnen, mich doch mit Tatkraft und/oder einem Sümmchen – Antwortbogen und SEPA-Überweisungsschein korrekt beigefügt – für Ihre recht eigentlich menschenfeindliche Bewegung einzusetzen.

Sie möchten die Familie behüten mit Ihrer „Initiative Familienschutz“. Ja, edle Schützerin, dann schützen Sie mal und kümmern sich um Arbeitszeiten der Eltern, um bessere Bezahlung von Betreuern, ziehen Sie zu Felde gegen prügelnde und missachtende Väter und Mütter, sehen Sie zu, dass berufstätige Mütter das gleiche Gehalt bekommen wie die Väter, sorgen Sie sich um flexible Arbeitszeiten und dafür, dass Alleinstehende, die sich um ihre Kinder aufopferungsvoll kümmern, nicht zur Tafel gehen müssen, um sie satt zu bekommen, engagieren Sie sich für Frauen- und Kinderrechte, nicht nur hier, sondern auch in Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten.

Ach, das möchten Sie anderen überlassen, chére baronesse? Was raunen Sie mir in Ihrer Epistel zu? Sie fühlen sich im eigenen Lande bedroht? Von Menschen, die aus dem Schatten treten, in die sie Heterosexuelle von Stand, der Stand der Heterosexuellen, Jahrhunderte hineingedrängt haben, von Menschen also, sage ich, die sich wünschen, endlich die gleichen Rechte zu erhalten wie alle anderen, die auch staatlich anerkannte Zweisamkeit genießen oder gar eine Familie gründen möchten, da fühlen Sie sich angegriffen? Der homosexuelle Plebs möchte bürgerlich werden, Madame Aristokratice, oje! Quel drame!

Mit Rechteraubrittertum kennt sich der Adel aus!

Nein, das geht natürlich nicht – das ist wider die Natur und rechnet sich nicht: Wenn mehr Menschen in den Genuss von gleichen Rechten kommen, dann müssen sie ja anderen irgendwie weggenommen worden sein. Was für ein Rechteraubrittertum – damit kennt sich der Adel aus! Und die anderen, der Rechte Beraubten, das sind aber nun, naturellement, Sie und Ihre geistigen Standesgenossen.

Die Homo- und Genderlobby, teilen Sie mir mit, oha, führe einen Umerziehungsplan im Schilde (in Schilda, soag I) und dagegen wollen Sie eine große Aufklärungsoffensive starten. Aufklärung ist immer gut, wissen wir schon seit Descartes – der ja das epochale Diktum „ich denke, also bin ich“ in die Welt setzte, das bis heute ungern ventiliert wird. Warum denn denken, wenn man einen Adelstitel hat? Das Sein beginnt doch sowieso erst ab dem „von“!

Sind Sie Köchin, Allerwerteste? In den Topf Ihres Briefes werfen Sie nämlich allerlei für Sie gewiss unerquickliche Zutaten aus den homosexuellen Speisekammern, die bisher Hungerverliese waren: Aufklärungsarbeit an Kitas und Schulen über sexuelle – und ich sage, noch mal: Ecco, emotionale – Identität, wissen Sie auch, was das ist? Egal, im Damensattel parforce weitergeritten: Sie entsetzen sich über Beauftragte in Kommunen auch für Homosexuelle und Transgender-Menschen, wie etwa für Ausländer, Behinderte, Frauen – ohlala! Das könnte aber zu Missstimmungen bei der Mehrheit führen – wenn diese Gruppen nicht gerade die Mehrheit wären.

Queere Gottesdienste? Diabolisch!

Ganz diabolisch sind wohl aber die von Ihnen im Brief erwähnten bedrohlichen „queeren Gottesdienste“ – da glaube ich, Hochwohlgeborene, brauchen Sie nichts zu fürchten, die meisten queeren Menschen wissen, dass Ihr Gott wiederum von ihnen nichts wissen will, und lassen ihn, hehe, links liegen! – Hach, das atheistische Gesudel der linksgrün versifften Queeriban!

Und dann kommen Sie zum Kern der gesellschaftlichen Bedrohung; das Ziel der internationalen Homolobby sei „die total durchgegenderte und vielfältig durchsexualisierte Gesellschaft mit handfesten Privilegien für LSGBTTIQ-Bekennende und ihre Netzwerke“. (Wie schön, dass Sie das halbe Alphabet anführen!)

Uff, mehr kann ich nicht essen, sonst geht’s mir wie dem Pferd vor der Apotheke – ’s wird kein edler Araber sein, eher ein Brauereiross. DAS, Werteste, was Sie da über den Umbau der Gesellschaft aus Ihrem Wörtersee herbeiphantastilieren, ist eine adipöse Lüge!

Sie können dieses Gerank an Anschuldigungen nur auf einer torfigen Tanin-Basis wachsen lassen; die da heißt: Homosexualität ist ansteckend und von Gottesackergrundauf schlecht!

Die apokalyptischen Reiter der Homophobie

Glauben Sie tatsächlich, dass Sexualität anerzogen wird? Nein, Baronesse, anerzogen werden Arroganz, Lieblosigkeit, Unverständnis, die Leidenschaft für Hackordnungen, Heuchelei und Religiosität! Das gibt seelische Raubtierritterrüstungen par excellence.

Ich habe mir, Euer Liebden, ahnenforscherisch Ihren Kampagnenstammbaum angesehen: Ihre Initiative Familienschutz gehört zur „Zivilen Koalition“ e.V., dem Kern eines rechtsklerikalen Adelsnetzwerkes. Und da tauchen dann auch Ihre Kombattanten Beatrix von Storch und der aus Südamerika remigrierte Matthias von Gersdorff auf. Es marschieren neben all Ihren apokalyptischen Reitern der Homo- und Demokratiephobie in den Fußtruppen die Bürgerlichen Hartmut Steeb, Birgit Kelle, Gabriele Kuby und Christa Mewes und andere als Landsknechte, Mägde und Marketenderinnen. Und jeder hat ein Hellebärdchen Verachtung oder Magenekel zu bieten.

Wissen’s, Gnädigste, ich ess ja fast alles, nur nicht Kohlrabi, da schüttelt’s mich, als hätt’ ich grad Übergabe halten müssen – und so reden diese Herrschaften von der Homosexualität. De gustibus non est disputandum – aber Sie wollen allen ihren Geschmack aufoktroyieren.

Das Motto: tu homophobia nube

Ob nun evangelikal oder katholibanesk, das ist erst mal gleichgültig: Hier heißt’s sogar gemeinsam marschieren, zusammenschlagen!

Ach, siehe, das gibt eine Heerschau: Verbündet sind mit Ihnen in Geist und Tat auch die AfD (über Frau von Storch), auf Umwegen auch die „Legionäre Christi“, als Heroldorgane fungieren: „FreieWelt.net“ und „kath.net“. Und nach dem Motto tu homophobia nube sind Sie auch transnational zum exemplum(p) mit der französischen Vorbildbewegung „manif pour tous“ in Kontakt.

Par bleu, einst kam die Revolution aus Frankreich – und jetzt schon wieder; vielleicht ein wenig sogar aus dem Reich der einstigen Reußen mitfinanziert.

Die Ungleichheit von Gottesgnaden?

Und wo bleiben die Familien und Kinder, die Sie schützen wollen, Gnädigste? Mich deucht, die sind auf Ihren Märschen für das Leben verloren gegangen! Ah, ich seh’s: Da ist die „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“ des Herrn von Gersdorff, aus der neuen Welt, aus Brasilien, importiert. Um Kinder kümmert sich dort Herr von Gersdorff vor allem bei seinem Kampf gegen Schmutz und Schund in der „Bravo“, einer Sexualpostille für unschuldige Jugendliche; Bravo, ruf ich ihm zu und Oha, da lernt der Nachwuchs womöglich die Selbstbefleckung; davon wird die Sturmflut der Zukunft doch pathetisch! Rückenmarksschwindsüchtige Frühsexualisierung!

Und jetzt wird’s interessant: Der Familien- und Privatbesitzschutz gilt natürlich nicht dem Plebs und dem Bourgeois, Igitt – diese „Gesellschaft“ möchte zurück zur „katholischen Hierarchie“ und kämpft gegen die „Gleichheits-Ideologie“. Arbeiter und Unternehmer, Akademiker und Handwerker, Männer und Frauen und schon gar nicht Homosexuelle und Heterosexuelle sind je gleich. Die Ungleichheit, Madame von Gottesgnadentum, ist so vom Herrn geschaffen worden. „Wer Ungleichheit hasst, hasst Gott“ liest man in Veröffentlichungen der „Gesellschaft zum Schutz …“ und dem restlichen Bandwurm.

Ach, ich möchte’s nicht weiter in meinem Munde wenden oder meine Hände tippen lassen, nicht gut für die Oralfauna und meine Fingerspitzen. Chapeau aber Andreas Kemper, der diesen Klumpatsch an klerikal-aristokratischer Vernetzung auf seinem Blog mit Penibilität aufgedröselt hat und von dem ich’s habe. Selbst der recht Konservative Andreas Püttmann, warnt vor Ihnen dieser Tage ausgerechnet auf Alexander Kisslers „Cicero“. Quel mixture catholique!

Lügen über Gender als Kulturkampf

Freifrau, Werteste, wie man also Kriegsgründe – und es handelt sich bei Ihrem Ansinnen um einen Kulturkampf – anzettelt, das hat schon Bismarck mit seiner Bad Emser Depesche durchexerziert: Halbwahrheiten, Unterlassungen, Lügen und Sündenböcke, die braucht man, damit’s knallt und eine neue Ordnung hergestellt werden kann – in Ihrem Falle, sind’s die Lügen über Gender und Homosexualität, damit eine ehemals verachtete Gruppe wieder zur verachtenswerten wird.

Ja, sieh mal an, eine konservative Revolution also mit Gott und Vaterland, die auch schon eine Ständeordnung ausgearbeitet hat – ganz unten die Unberührbaren, bei denen man sich mit Schwulismus ansteckt. Lepröse muss man aussondern – oder endlösen.

Dafür hat ein Glaubensgenosse von Ihnen, Freifrau, (allerdings aus dem unaristokratischen Amerika) einen pragmatischen Vorschlag. Der kalifornische Anwalt Matthew McLaughlin beantragte im Februar eine Petition, den „Sodomite Suppression Act“, in dem er ohne aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, fordert, die Regierung des Staates möge erlauben, dass Homosexuelle standrechtlich (bitte nicht verlesen, Adeligste, nicht „standesrechtlich“!) d. h. überall und von jedem, erschossen werden können, damit Gott nicht noch weitere Übel wie den Sturm Katrina weiland in New Orleans auf die Menschheit loslasse von wegen Homosexualität und ihrer Lobby, – das ist ja wirklich traditionell – so entledigte man sich doch auch in der Französischen Revolution der Missliebigen; aber da Waffen noch nicht so freizügig zu haben waren, wurden die Menschen zack, zack, einen Kopf kürzer gemacht.

Schicken Sie mir keine Bettelbriefe mehr!

Ach – haben Sie denn auch schon eine Hymne für Ihre klerikal-konservativ-aristokratische Revolution, Freifrau, Werteste? „Bis hierher hat uns Gott gebracht in seiner großen Güte, doch dass er uns noch weiter bringt, das kommt nicht in die Tüte“ wird’s wohl nicht werden. Ich sehe aber in Ihren Reihen nicht mal einen Rouget de Lisle!

Was lawendelt mir denn in diesem Zusammenhange durch den Kopf? Gleich kommt’s mir – aber vorher ermahne ich Sie, Frau von Beverfoerde, schicken Sie mir keine Bettelbriefe mehr! Ah, ja, ja, da schallt es heran – Ihnen singe ich „Ah! Ça ira“ mit besonderer Betonung der zweiten Zeile.

Hochachtungs-, erregungsvoll und ergebungsvoll,

Wolfgang Brosche

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Brosche: Liebet den Zellklumpen!

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