Eine schuldenfreie Wirtschaft ist beinahe eine Utopie. John Lanchester

Trump als das Gewissen der kleinen Leute

Weniger das Wahlergebnis selber als die Höhe des Erfolges der Republikaner wirft erneut die Frage auf, ob es tatsächlich eine große “schweigende Mehrheit” gibt, deren Haltung im politischen Diskurs nicht die notwendige Beachtung und Bedeutung findet, weil diese sich nicht öffentlich oder gar lautstark artikuliert.

„Bringt die Welt in Sicherheit!“ werden nicht Wenige gedacht haben, als klar war, dass Donald Trump der 45. Präsident der USA werden würde – und das mit einer völlig unerwarteten, deutlichen Mehrheit. Was für eine Überraschung!

Überraschung? Es war nun wirklich nicht das erste Mal, dass Demoskopen und Kommentatoren Hand in Hand die Lage falsch eingeschätzt, das mutmaßliche Wahlergebnis unzutreffend prognostiziert hatten. (Übrigens: Ich auch!)

Schon bei der Entscheidung über einen Brexit lag eine Mehrheit mit der Einschätzung des Ergebnisses falsch – vielleicht war aber auch hier der Wunsch (nach einem Verbleib von Großbritannien in der EU) der Vater des Gedankens.

Weniger das Wahlergebnis selber als die Höhe des Erfolges der Republikaner wirft erneut die Frage auf, ob es tatsächlich eine große “schweigende Mehrheit” gibt, deren Haltung im politischen Diskurs nicht die notwendige Beachtung und Bedeutung findet, weil diese sich nicht öffentlich oder gar lautstark artikuliert.

Wenn kritische Stimmen nicht gehört werden

Ja, es gibt tatsächlich – auch bei uns – in einigen Politikbereichen eine nicht unerhebliche Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Die Themen Migration und Integration sind dafür nur ein Beispiel. Wenn kritische Stimmen gegenüber der aktuellen Politik öffentlich kaum zur Geltung kommen – und eine ernsthafte, inhaltliche Auseinandersetzung nicht stattfindet – dann finden wir diese Stimmen in Form von Stimmabgaben in den Wahlurnen wieder.

Wenn etwa 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler der AfD diese Partei nicht aus Überzeugung, sondern aus Protest gegenüber der Politik der etablierten Parteien wählen, macht es wenig Sinn, die Wählerinnen und Wähler der AfD zu beschimpfen. Die etablierten Parteien sollten sich vielmehr selbstkritisch fragen: “Warum ist das so?”

Die Welt verändert sich rasant. Nicht nur politisch. Alte Gewissheiten zerbröseln, die Lage wird innen- wie außenpolitisch unsicherer. In dieser Lage suchen viele Menschen Halt und Orientierung. Die Politik sollte der Versuchung widerstehen, das Publikum ständig zu belehren, sie sollte ihre politischen Entscheidungen vielmehr besser erklären.

Alternativen gibt es immer

Um Zustimmung und Vertrauen werben, nicht zu viele Entscheidungen mit dem Etikett “alternativlos” versehen. Alternativen gibt es immer. Die Frage ist nur: “Welche Alternative ist die beste?” – Und darüber muss in offenen Gesellschaften offen diskutiert werden dürfen.

Zurück zu Donald Trump. Noch während die letzten Stimmen ausgezählt wurden, hörte sich die Rhetorik des Wahlsiegers Trump – erfreulicherweise – viel moderater an als die des Wahlkämpfers Trump. Bleibt abzuwarten, welchen politischen Kurs die neue Administration einschlagen wird.

Aber auch, wie Europa auf politische Kurskorrekturen – die ganz sicher kommen werden – reagiert. Mit einer Stimme oder als vielstimmiger Chor, in dem jeder eine andere Melodie anstimmt!? So oder so: Wir werden mit US-Präsident Donald Trump und seinen politischen Ansichten und Plänen leben müssen.

Als guter Demokrat muss man auch solche Entscheidungen respektieren, die man selber nicht getroffen hätte. Mit anderen Worten: Wir müssen jetzt aus einer – vermutlich – nicht ganz einfachen Situation das Beste machen. Auch wenn es einigen schwer fällt. Aber was ist in der Politik schon einfach?

Quelle: The Huffington Post

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Sons, Katja Kipping, Vera Lengsfeld.

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