Muffige Deutschtümelei

Wolfgang Benz1.09.2014Gesellschaft & Kultur

Nationaler Patriotismus ist im Europa des 21. Jahrhunderts einfach nicht mehr zeitgemäß.

Immer wieder ziehen Debatten über das Land, in denen öffentlich ausgelotet wird, ob man stolz sein darf, Deutsche oder Deutscher zu sein oder ob man vielleicht sogar stolz sein muss. Mit dem Eifer und der Erbitterung, die der wichtigen Sache angemessen erscheinen, erklären Patrioten, die Zeit des Büßergewandes und des oktroyierten Gefühls der Kollektivschuld sei endlich vorbei, ebenso entschieden werden aus kosmopolitischer Position der Nationalstaat und die altmodische Vaterlandsliebe abgetan unter Verweis auf die Unglück bringende Steigerung chauvinistischen Selbstbewusstseins und seiner Perversion im Nationalsozialismus.

Das Bekenntnis zur deutschen Nation als Emotion persönlichen Stolzes hat freilich seine Unschuld seit langem verloren wegen der partei- und machtpolitischen Besetzung durch Alldeutsche lange vor dem Ersten Weltkrieg, durch Antisemiten, die sich nach dem Ersten Weltkrieg um Hitler scharten, durch deutschnationale Revisionisten, die sich gegen den Versailler Vertrag aufbäumten und Revanche um jeden Preis wollten, durch den Nationalsozialismus schließlich, der Europa mit Krieg überzog, um alle zu unterwerfen und zu vernichten, die sich deutschem Wesen, deutscher Ordnung, deutscher Herrschaft nicht beugen wollten.

Die Demagogen heizen mit Patriotismus ihre Kessel

Dessen sind sich aber viele nicht bewusst, die in der Debatte das Recht auf nationales Selbstbewusstsein einfordern und energisch auf das Beispiel der Dänen mit ihrer Fahnenfreude, der Amerikaner mit ihrem naiven Glauben an die natürliche Überlegenheit des American way of life, der Polen mit ihrem hochentwickelten Empfinden für nationale Würde und Tradition oder auf das Selbstbewusstsein der Franzosen verweisen.

Mit dem Thema Patriotismus werden kollektive Emotionen in Bewegung gesetzt. Sie können harmlos sein. Mit ihnen heizen aber auch Demagogen die Kessel, in denen sie ihre Suppe nach dem Rezept „Deutschland den Deutschen“ kochen. Populisten, die altdeutsche Parolen verkünden, stimulieren patriotische Wallungen ihres Publikums. Parteien und Sekten wie „Pro NRW“ oder die „Alternative für Deutschland“, von der NPD ganz zu schweigen, hoffen mit deutschtümelnden Phrasen auf Zulauf.

Die klapprige Klaviatur des vaterländischen Instrumentariums

Aber auch Publizisten wie der Sozialdemokrat Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) klimpern völkische Phrasen aus diesem Repertoire auf der klapprigen Klaviatur des vaterländischen Instrumentariums und haben Erfolg damit (weil ihre Meinung, kluge Deutsche bekämen zu wenig und dumme Muslime zu viele Kinder, von vielen Patrioten geteilt wird ).

Auch Revisionisten, die Verbrechen des Nationalsozialismus marginalisieren oder sich und ihrem Publikum einreden, der Holocaust sei von Hitler allein mit Hilfe einer kleinen Bande nationalsozialistischer Bösewichter verübt worden, während das deutsche Volk nichts davon wusste oder in ohnmächtigem Zorn heimlichen Widerstand leistete oder Juden rettete – auch sie predigen Patriotismus, als müsse man ein Tabu brechen.

Mit patriotischen Parolen lassen sich aber auch Überfremdungsängste schüren, lässt sich Stimmung gegen Asylbewerber entfachen, kann man Ausländer diskriminieren und Minderheiten zu Fremden machen, um sie auszugrenzen. Der „Stolz deutsch zu sein“ denaturierte längst auch zum Kampfruf rechtsextremer Ideologen und Gewalttäter.

Ohne wehende Fahnen und schmetternde Fanfaren

Nationaler Patriotismus ist im Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr zeitgemäß. Wer solche Emotionen zur Schau stellt oder trotzig einklagt, muss sich fragen lassen, ob eine supranationale Wertegemeinschaft im Zeichen von Demokratie, Menschenrecht und Menschenwürde, gegenseitigem Respekt und Offenheit nicht das erstrebenswertere Gut ist.

Ausgrenzendes Pochen auf deutschnationale Moral vulgo Patriotismus, das Beharren auf muffige Deutschtümelei deutet mehr auf Minderwertigkeitskomplexe und Identitätsschwäche als auf Selbstbewusstsein. Die Frage „Wie viel Patriot darf der Deutsche sein?“ ist leicht zu beantworten: Soviel er will. Aber sie stellt sich nur noch für solche, die Filzpantoffeln tragen.

Gesundes Selbstbewusstsein ist etwas ganz Normales. Es muss aber nicht in falscher Attitüde mit wehenden Fahnen und schmetternden Fanfaren zur Schau getragen werden. Es ist auch möglich im Bewusstsein der historischen Katastrophen, die aus deutscher Hybris verursacht wurden. Gesundes Selbstbewusstsein braucht kein trotziges Geschrei, keine Verdrängung historischer Schuld und keine wehleidige Klage über das, was angeblich erlaubt oder verboten ist.

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